Kategorie: Texte

26. Juni

Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille
Gottes in Christus Jesus für euch.
1. Thessalonicher 5,18

«Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar
in allen Dingen …» (Verse 16–18). Das ist mir heute zu viel
der hehren Worte. Ja, die Gemeinde in Thessaloniki gilt als
vorbildlich
(Kapitel 1,7); sie ist fest im Glauben und Lieben,
im Gottvertrauen verankert (Kapitel 3). Und gleichzeitig
steht sie in heftigen Auseinandersetzungen, wird angefeindet
und bedroht. Dankbar in allen Dingen?
Ich denke an die Kriege, die uns erschüttern, an Hass,
Verachtung
und Gewalt, die so Raum greifen, an Menschen
in meiner Umgebung, die schwer erkrankt sind oder im
Sterben liegen. Dankbar in allen Dingen? Wenn die vertraute
Welt aus den Fugen gerät? Wenn (mein) Gottvertrauen
brüchig wird? – Ich denke an Hiobs Worte: «Haben wir
Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch
annehmen?» (Hiob 2,10) Aber dann folgt auch bei ihm die
Klage über all das Unglück, das über ihn hereingebrochen ist:
«Warum bin ich nicht gestorben im Mutterschoss?» (3,11)
Ich kann die Spannung nicht auflösen. Vielleicht liegt der
Unterschied in dem kleinen Wort «in» – dankbar in allen
Dingen, nicht für. Vielleicht schafft Dankbarkeit (griech.
auch Anmut und Gnade) einen (Frei-)Raum (um mich),
einen Raum zum Atmen, der mich in (heilsame) Distanz zu
«den Dingen» bringt. Vielleicht ist es eine tägliche Übung,
die mich aufrichtet und ausrichtet auf Gottes Gnade hin?

Von: Annegret Brauch

25. Juni

Hört mir zu, ihr trotzigen Herzen, die ihr ferne seid
von der Gerechtigkeit! Ich habe meine Gerechtigkeit
nahe gebracht; sie ist nicht ferne.
Jesaja 46,12–13

Der zweite Teil des Jesajabuchs klingt fast wie eine Bewerbungsrede
Gottes: «Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet
…» (Jesaja 45,22), «Ich, ich bin der HERR und ausser mir
ist kein Heiland» (43,11), «Hört mir zu!» (Vers 12) … Gott
umwirbt sein Volk. Trostworte, Zusagen, Verheissungen weisen
auf eine neue Zukunft nach Exil und Verlust. Nicht von
ungefähr setzt Luther über diesen Teil (ab Kapitel 40) die
Überschrift: «Das Trostbuch von der Erlösung Israels».
Aber nun: «trotzige Herzen» …? Das hebräische Wort
«abir», das hier steht, bedeutet eigentlich «stark»,
«tapfer»,
auch «widerständig». Der Unterschied liegt dort, wo ich
mich (nur) auf meine eigene Stärke und Kraft verlasse, wo
ich denke, alles hängt an mir oder von mir ab. Da ist Überforderung
oder auch eine (vielleicht verborgene?) Selbstüberschätzung
nicht weit. Gott wirbt um die trotzigen Herzen,
die verwundeten Seelen, die überforderten Starken: «Ich
habe meine Gerechtigkeit nahe gebracht; sie ist nicht ferne.»
Sie ist vielleicht nicht das, was ich mir unter Gerechtigkeit
vorstelle und erwünsche. Sie übersteigt oder durchkreuzt
meine Vorhaben. Sie fordert mich heraus – sie zeigt mir
Gottes offene Arme: «Fürchte dich nicht, denn ich habe
dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du
bist mein!»

Von: Annegret Brauch

24. Juni

Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch
reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.

Philipper 1,9

Erkenntnis und Erfahrung: Wie sehr brauchen wir das in
diesen kriegerischen und politisch unruhigen Zeiten. Wir
bitten darum, wir versuchen uns kundig zu machen, wir
leiden mit den Opfern von physischer, aber auch von psychischer
Gewalt.
Ich lebe in Berlin. Im Herbst stehen Wahlen in drei Bundesländern
in Ostdeutschland an, und viele von uns erkennen
erschrocken, aber auch zur besseren Erkenntnis entschlossen,
wie wichtig es ist, unsere Demokratie vor autoritären,
rechtsextremen Bewegungen und Parteien zu schützen.
Es leuchtet mir unmittelbar ein, dass Liebe gepaart mit
Erkenntnis und Erfahrung nicht nur im gesellschaftspolitischen,
sondern auch im persönlichen Umfeld mehr Gutes
bewirken kann als nur emotional gesteuerte Liebe. Es gehört
in Krisensituationen dann auch Widerstand und Widerspruch
dazu. Wenn Widerspruch mit Achtung vorgebracht
wird, von Respekt und Liebe im weitesten Sinn getragen,
kann Widerstand viel bewirken, und wenn er es nicht kann,
brauchen wir nicht zu verzweifeln. Wir sollten uns hüten vor
einem Kippen in den Hass. Aber das schaffen wir wohl nicht
allein. Das Gebet um Ruhe und Zuversicht, auch in Niederlagen,
hilft uns, aufrecht zu bleiben.
Bleib uns bitte nahe, Gott!

Von: Elisabeth Raiser

23. Juni

Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern.
Psalm 22,23

… und Schwestern. Der Psalm 22 ist der grosse Klagepsalm
eines Schwerkranken oder eines Gefolterten, dessen Verzweiflung
uns noch heute unter die Haut geht. Er ruft mit
aller Kraft, die ihm verblieben ist, nach Gottes Hilfe in seiner
Not. Seine ersten Worte sind die, die Jesus am Kreuz wiederholt:
«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
» Es ist ein Ruf, der sicher auch heute vielen Menschen
in all der Gewalt, die sie erleben, über die Lippen kommt.
Möge auch für sie der Wendepunkt kommen: «Du hast mich
erhört!» (Vers 22) Dann, ab Vers 23, folgen die Lobpreisungen
und Danksagungen an den grossen, gnädigen einzigen Gott,
sehr poetisch, mit immer neuen Wendungen, ein Dankgebet,
in das wir Menschen wohl nur einstimmen können, wenn
wir von wirklicher Not erlöst werden. Wo werden heute
solche Dankgebete gesprochen? In der Ukraine von den
Eltern, wenn der Sohn nach vielen Monaten an der Front
unversehrt zurückkehrt, in Gaza, wenn die schwer verletzte
Mutter aus den Trümmern ihres Hauses geborgen wird,
überlebt und gesund wird; in Israel, wenn die Tochter und
die Enkelkinder, die als Geiseln verschleppt waren, zurückgebracht
werden. Oder von uns nach schwerer Krankheit?
Ich glaube, die wirkliche Heilung nach solchen Katastrophen
kann nur durch tiefen Dank kommen. Die Errettung können
wir nicht selber schaffen.
Gott sei Lob und Dank!

Von: Elisabeth Raiser

22. Juni

HERR sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile
mich, HERR, denn meine Seele ist sehr erschrocken.

Psalm 6,3.4

Es ist schwierig, aus dem Erschrecken herauszufinden. Manchmal
sind es ja Kleinigkeiten, die uns erschrecken, etwa wenn
etwas in die Brüche geht. Manchmal sind es tiefgehende
Erfahrungen, die nach Heilung rufen. Die Heilung kommt
auch bei intensiven Gebeten nicht sofort. Es ist, als ob Gott,
die Lebendige, sich Zeit liesse. Ist es gerade diese Zeit, in
der ich mir meiner Schwachheit so richtig bewusst werde?
Ist es diese Zeit, die mich zum Nachdenken führt? Denke
ich über die Heilung nach? Ungezählte Menschen, Kinder,
Frauen, Männer als Soldaten brauchen Heilung von ihren
Kriegstraumata. Sie sind zutiefst erschrocken. Lässt sich die
Lebendige da auch Zeit, oder schenkt sie Heilung? Stimmt es,
dass die Zeit Wunden heilt? So einfach scheint mir das nicht.
Bestimmt gibt es Menschen, die Hilfe erfahren in ihrer Situation,
aber das bedeutet nicht, dass sie Heilung erfahren. Mir
ist es wichtig, mir diese Tatsache immer wieder vor Augen
zu führen. Unsere Welt macht uns verletzlich. Und da gibt es
für mich eigentlich nur eines: das Bewusstwerden, wie nötig
Heilung ist. Ich kann die Lebendige darum bitten. Ich kann
für die Menschen beten, für sie eintreten, die Augen nicht
verschliessen, selbst zu erschrecken in meiner Seele.
Sei du den Menschen in den Kriegssituationen ganz nahe.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Juni

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das ist mein Gebot,
dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Johannes 15,12

Mein Blick wandert über den Bahnhof zum See. Ich blicke
zu den Menschen und mit ihnen in die Weite. Alle, die ich
sehe, sind verschieden, haben ihre je eigene Biografie und
gehen ihren Lebensweg. Die Vielfalt der Menschen gehört zu
unserer Gesellschaft, macht sie reich. Ich atme durch und bin
dankbar für das Leben, meines und dasjenige der Menschen,
die ich sehe. Und doch ist da jene Herausforderung der
Bewertung. Wie rasch bin ich dabei, Menschen zu bewerten.
Ihre Haltung, ihr Gesicht, ihre Ausdrucksweise – ach, so vieles
steht da im Weg. Und es tut mir ja gar nicht gut, was ich
tue. Denn unweigerlich setze ich mich unter Druck. Ich will
selber eben nicht bewertet werden. Jesus hat die Menschen
so genommen, wie sie sind. Er ist ihnen mit einem offenen
Herzen begegnet, hat sich mit ihnen ausgetauscht, ihr Leiden
wahrgenommen. Und er hat gespürt, dass die Menschen
etwas suchen. Zum Beispiel Heilung, Halt, Hoffnung auf ein
gutes Leben. Da sind wieder die Vielfalt und die Weite. Wegschauen
von mir, hin zu den anderen. Ein hoher Anspruch,
aber auch eine Befreiung. Die Weite und die Vielfalt helfen,
mich nicht so ernst zu nehmen, mich ein Stück weit zurückzunehmen.
Dann ist das Leben selbst vielfältig und reich.
Dazu gib uns Kraft und Mut.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

20. Juni

Euer Herz sei ungeteilt bei dem HERRN,
unserm Gott.
1. Könige 8,61

In dieser Mahnung steckt ein schönes Bildwort. Ein ungeteiltes
Herz ist ein ganzes Herz. Wenn es ganz bei Gott ist,
funktioniert es richtig. Was das meint, kann man mit einem
trivialen Vergleich besser verstehen. Wer nicht ganz bei der
Sache ist, hat eine geteilte Aufmerksamkeit. Bei Herzensangelegenheiten
hat das unter Umständen fatale Folgen. Das
ungeteilte Herz taucht immer dort auf, wo es um unsere
Person geht und gefragt wird, wer wir sind und zu wem wir
gehören, also um Treu und Glauben und um das, was uns im
Innersten zusammenhält. Das erinnert an das Liebesgebot.
«Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.» (Deuteronomium
6,5) Wenn ich mit mir ehrlich bin – und das
Bolderntext-Schreiben lässt es mich ab und zu versuchen –,
muss ich zugeben: In der Regel bin ich «aufgeteilt» in allerlei,
und es geht vom Hundertsten ins Tausendste. Viel Zeit, um
Gott von ganzem Herzen zu lieben, bleibt da nicht. Anderen
soll es auch so gehen. Darum sind Gebetszeiten so kostbar.
Ein Bruder in Taizé erklärte mir das Wort «Mönch» so:
Das altgriechische «monachós» leitet sich von «mónos» ab.
Man kann es mit «allein» übersetzen. Aber angemessener ist
es, sich ein Herz vorzustellen, das sich danach sehnt, ganz bei
Gott zu sein – oder ganz bei Trost. Ein wenig mönchischer
werden täte mir wohl gut …

Von: Ralph Kunz

19. Juni

Simeon pries Gott und sprach: Meine Augen haben
das Heil gesehen, das du vor den Augen aller Völker
bereitet hast, ein Licht zur Erleuchtung der Heiden und
zur Verherrlichung deines Volkes Israel.
Lukas 2,28.30–32

Wenn von Gott die Rede ist, gibt es nichts, auf das wir zeigen
könnten und sagen: «Schau, das ist Gott!» Denn Gott ist
unsichtbar. Niemand hat Gott je gesehen. Manche Zeitgenossen
meinen darum, Gott sei ein Nichts oder, schlimmer
noch, ein Nichtsnutz. Simeon widerspricht. Er preist Gott,
weil seine Augen ein Licht zur Erleuchtung der Völker und
ein Zeichen seiner heilsamen Nähe sehen. Er bezeugt Gottes
Wirken und verweist auf die Spur der Geschichte, die mit
Sara und Abraham begonnen hat. Er schaut den Segen, der
von Generation zu Generation weitergetragen wird oder –
ein bisschen körperlicher – der bis zum heutigen Tag von
einem Bauch zum anderen wandert. Der Augenzeuge
Simeon hat das Jesuskind gesehen: Glied in der Kette und
doch Anfang von etwas Neuem, Mensch aus Fleisch und
Blut und doch mehr, als wir mit den Augen erkennen können.
Wenn die Zeugen nach ihm von Gott reden, spüren sie
die Kraft, die ihn durchströmte, die Liebe, die ihn befeuerte,
seinen Segen, der uns aufblühen lässt.
Nein, dieser Segen ist nicht nichts und auch nicht irgendetwas.
Er ist im Du verborgen, von dem wir nichts wissen,
aber dem wir alles anvertrauen.

Von: Ralph Kunz

18. Juni

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass
Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, damit wir
durch ihn leben sollen.
1. Johannes 4,9

In meiner Bibel sind die Verse 7–10 im 1. Johannesbrief 4 wie
Poesie gedruckt. Und wie ein Gedicht oder Lied, wie Musik
lesen sie sich auch. Ich verstehe, auch ohne sie zu verstehen.
Oder ich verstehe nicht, und sie sprechen mich dennoch
an. Ein Liebeslied. Ich horche auf seinen Klang und seine
Resonanz in mir.
7 Ihr Lieben, lasst uns einander lieben!
Denn die Liebe ist aus Gott; und jeder,
der liebt, ist aus Gott gezeugt, und er erkennt Gott.
8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt,
denn Gott ist Liebe.
9 Darin ist die Liebe Gottes unter uns erschienen,
dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat,
damit wir durch ihn leben.
10 Darin besteht die Liebe:
Nicht dass wir Gott geliebt hätten,
sondern dass er uns geliebt
und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.
Gott ist Liebe. Alle Erfahrungen von Liebe haben ihren
Ursprung in Gott. Ohne Liebe macht nichts Sinn. Diese Liebe
ist sichtbar, erfahrbar geworden durch Jesus Christus, den
«einzigen Sohn». Wer es gerne nüchtern hat, halte sich an
die Jahreslosung 2024: «Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.»

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

17. Juni

Von seiner Fülle haben wir alle genommen
Gnade um Gnade.
Johannes 1,16

Jesus bringt die Fülle. Jesus ist die Fülle. Die Fülle, aus der
wir schöpfen. Leben aus der Fülle. Das ist – bei allem Überfluss,
in dem nicht wenige von uns im Westen und Norden
dieser Welt leben – doch eine ungewöhnliche Perspektive.
Denn unsere Gesellschaft fokussiert den Mangel. Überall
wird Mangel erlebt: Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit,
Mangel an Lebensmitteln und Wirtschaftsgütern,
Mangel
an Arbeitsplätzen und Geld. Die vorgebliche Knappheit soll
uns zu Wettbewerb und unermüdlichem Streben nach mehr
antreiben.
Tatsächlich aber führt die Fixierung auf den Mangel und
die Angst davor in Geiz und Neid. Neid macht eng – eng um
die Brust, eng im Leben, eng in den Beziehungen zu anderen.
Ein Dieb kommt, um zu stehlen, sagt Jesus, ich aber bin
gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben
(Johannes 10,10). Martin Luther übersetzt: volle Genüge.
Leben aus der Fülle heisst nicht leben im Überfluss. Sondern
den Blick richten auf die Wirklichkeit der Fülle, die uns
geschenkt ist: die Fülle in Gottes guter Schöpfung, die Fülle
an Möglichkeiten für jedes Leben, die Fülle an Gaben, die
wir täglich erhalten.
Leben aus der Fülle macht dankbar und stärkt in uns das
Vertrauen. Das Vertrauen, dass genug für alle da ist. Dieses
Vertrauen führt in die Solidarität, ins Miteinander, ins Weitergeben.
Vertrauen macht unser Herz weit.

Von: Maria Moser