Autor: Ruth Näf Bernhard

2. Juni

Was hast du, das du nicht empfangen hast? 1. Korinther 4,7

Nichts. Es gibt nichts, was ich nicht empfangen hätte. Was ich bin und habe, habe ich empfangen. Einfach so. Ohne eigenes Verdienst. Auch wenn wir am Tun und Machen sind, empfangen wir immer mehr, als wir tun. Um so vieles mehr.

Machen wir uns nichts vor. Unser Machen allein ist es nicht. So vieles wurde mir gegeben. Auch ich mir selber. Ich bin nicht aus mir selber gemacht. Ich bin mir gegeben. Und empfange, was ich werde.

Die Antwort auf alles Empfangene heisst nicht: festhalten wollen und kontrollieren müssen. Nur an scheinbar selbst Gemachtem klammert man sich fest. Weil es einen eben ausmacht. Zu dem macht, was man ist. Und das gibt man nicht so leicht aus der Hand.

Wie so ganz anders, wenn das Bewusstsein dafür wächst, dass wir, was wir sind, empfangen haben. Vorübergehend empfangen. Und dass wir es daher auch wieder loslassen müssen. Dorthin zurück, woher es kam.

Die Antwort auf alles Empfangene heisst: loslassen dürfen und danken können. Es spüren, wie wir weicher werden. Es zulassen, dass wir weicher werden. Wenn uns das Danken zuvorderst ist.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Juni

Der HERR wird richten die Völker.                  Psalm 7,9

Eine verstörende Aussage. Wie sollen wir denn am Morgen schon wissen, wie am Abend gerichtet werden wird? Wer gerichtet werden wird? Aus welchem Grund? Zu welchem Zweck? Ob Gott wohl davon weiss, dass er richten wird? Dass er richten soll. Ob er das überhaupt will? Oder sind wir es, die das wollen? Dass einer dann richtet. Dann. Irgendwann. Wenigstens dann. Wenn wir uns schon jetzt nicht zu helfen wissen.

Wie viele Kinder dieser Erde haben schon bis am Abend darauf warten müssen, bis sie von ihrem Vater jene Strafe erhalten haben, die ihnen im Laufe des Tages von ihrer Mutter angedroht wurde. Wie viele Menschenkinder konnte man sich gefügig machen, indem man ihnen im Laufe ihres Lebens mit Höllenqualen im Jenseits drohte. Wie viele Male scheuen wir uns – gerade in kirchlichen Kreisen –, Unrecht beim Namen zu nennen, und warten einfach einmal ab in der Hoffnung, dass Gott es schliesslich richten wird. Richten soll. Dann. Irgendwann. Wenn wir uns schon jetzt nicht zu helfen wissen.

Der HERR wird richten die Völker. Eine verstörende Aussage. Lassen wir uns stören in unserem Glauben. Warten wir damit nicht bis am Abend. Es wäre schade um den Tag.

Von Ruth Näf Bernhard

2. April

Gott liess das Volk einen Umweg machen,
den Weg durch die Wüste zum Schilfmeer.
2. Mose 13,18

Gott lässt uns manchmal einen Umweg machen. Durch eine Wüste. Damit es anders weitergeht.
Wenn mein Mann auf einer Wanderung sagt: «Wir könnten doch hier eine Abkürzung nehmen», sage ich: «Nur das bitte nicht!» Die Erfahrung hat uns nämlich gelehrt, dass wir mit sämtlichen Abkürzungen oft länger und gefährlicher unterwegs waren, als wir es ohne sie gewesen wären. Daher ist es für uns ein geflügeltes Wort: Abkürzung? Nein, bitte nicht!
Wege brauchen ihre Zeit. Manchmal länger, als uns lieb ist. Wo die Wege zu kurz sind für unser Leben, da lässt uns Gott einen Umweg machen. Wir haben nicht damit gerechnet. Das haben wir nicht eingeplant. Jedenfalls nicht in diesem Moment. Später vielleicht. Umwege liegen immer quer, uns steil im Weg. Niemand hat es sich gewünscht. Man weiss ja nicht, wie lange es dauert. Und trotzdem ist es ein Geschenk. Weil sonst die Zeit nicht reichen würde, zu lernen, was zu lernen ist. Umwege werden uns zugemutet. Und geschenkt. Doch das verstehen wir erst Jahre später. Manchmal. Viele, viele Jahre später. Wenn wir dann beim Schilfmeer sind.

Gott lässt uns manchmal einen Umweg machen. Einen Weg durch die Wüste. Damit es anders weitergeht. Damit es mit uns weitergeht.

Von Ruth Näf Bernhard

1. April

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
Psalm 51,17

Ein neuer Tag. Ein neuer Morgen. Neues darf werden. Hier und heute.
Mit Gottes Hilfe.

Du. Tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.

Du. Tue meine Ohren auf, dass ich die Nöte und Schreie vernehme. Und auch das Lachen und Jauchzen höre.

Du. Tue meine Augen auf, dass ich das Elend und Unheil erkenne. Und auch das Schöne und Gute sehe.

Du. Tue meine Nase auf, dass ich rechtzeitig Unrecht wittere. Und auch den Duft der Versöhnung rieche.

Du. Tue meine Hände auf, dass ich zupacken kann am richtigen Ort. Und auch das empfangen, was mir zufällt.

Du. Tue mein Herz auf, ich bitte dich, dass genug Platz ist für die Freude. Für alles Helle. Hier und heute.

Du. Lass es mich lassen. Dass du es tust. Dass du mich auftust. Wenn ich es nicht kann. Wo ich es nicht kann.

Gott, lass mich dich tun. Amen.

Von Ruth Näf Bernhard

2. Februar

Ich will den HERRN loben allezeit; sein  Lob soll immerdar in meinem Munde sein.      Psalm 34,2

Gott loben. Wer möchte das nicht. Doch «allezeit» ist viel. Und «immerdar» ist lang. Gott loben. Wer möchte das nicht können. Es wenigstens vermehrt versuchen. Dieses Loben–Können lernen. Üben. Damit es auf der Zunge liegt. Vielleicht nicht gerade immerdar. Aber immer öfter.

Was braucht es, damit Sie Gott loben können?

Was müsste sich alles ändern, damit Sie ihn wieder loben könnten?

Muss bei Ihnen das Wetter stimmen, das Essen schmecken, müssen die Blumen blühen und alle Vögel des Himmels gleichzeitig singen, damit Ihr Herz von Lob erfüllt ist – oder darf es ein bisschen weniger sein?

In Psalm 34 wird aus dem Leben erzählt. Mit allen seinen Höhen und Tiefen. Da wird gebetet. Und erhört. Es ist von zerbrochenen Herzen die Rede. Und wie die Nähe Gottes heilt. Die Leiden sind zahlreich. Doch Gott befreit. Aus Not und Ängsten. Wohl dem, der bei ihm Zuflucht sucht.

Ich will! Das ist eine Absichtserklärung. Ganz am Anfang. Ich will Gott loben. So gut es geht. Ich will Gott auch dann vom Ende her loben, wenn es mir gegenwärtig nicht nur gut geht.

Von Ruth Näf Bernhard

1. Februar

Ist die Wurzel heilig, so sind auch die Zweige  heilig. Römer 11,16

Ich kann die Zweige nicht ohne die Wurzel denken. Nicht ohne das, was schon immer ist. Nicht ohne das, was bleiben wird. Was vor uns und nach uns dauert, länger als wir. «Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!» – so steht es geschrieben, einen Atemzug später.

Ich kann die Wurzel nicht ohne den Himmel denken. Die Zweige nicht ohne Luft und Licht. Wohin wir aus dem Dunkel wachsen. Welche Früchte sichtbar werden.

Ich kann die Zweige nicht ohne die Vögel denken. Und die Vögel nicht ohne Gesang. Wie sie auch im Winter singen:
«Alles Leben strömt aus dir! Deiner Hände Werk sind wir.»

Ich kann das Leben nicht ohne das Sterben denken. Dieses Lied nicht ohne die letzte Strophe. Drum singe ich voll Inbrunst mit. Von der Wurzel, die mich trägt. Selbst wenn das Lied zu Ende ist.
«Deiner Gegenwart Gefühl sei mein Engel, der mich leite,
dass mein schwacher Fuss nicht gleite, nicht sich irre von dem Ziel.»
(RG 520,4)

Von Ruth Näf Bernhard