Die Völker hören auf die Zeichendeuter und Wahrsager;
dir aber hat der HERR, dein Gott, so etwas verwehrt. Mose 18,14

Hellsehen kann ich nicht, aber Tarotkarten liegen wohl kaum
neben Ihrem Heft mit den Bolderntexten. Der Kaffeesatz
ist auch langweilig geworden, seit in der Küche ein Vollautomat
schnurpst und zischt: Er sieht – genau wie die Kapseln –
immer gleich aus.
Aber seit Moses Zeiten sind trotzdem die Zeichendeuter
und Wahrsager nicht ausgestorben, sondern betreiben bis
heute ihr lukratives Geschäft mit der Angst vor der Zukunft.
Dabei sollte sich doch auch herumgesprochen haben, wie oft
es schon ganz anders kam.
In den Ferien kam ich am angeblichen Geburtshaus von
Nostradamus in Saint-Rémy-de-Provence vorbei. Als ich
über ihn las, offenbarte sich mir nicht die Wahrheit seiner
Prophezeiungen, sondern vielmehr, wie viele Ängste dieser
Mann in seinem Leben ausgestanden hatte. Er musste unter
anderem «auf Reisen gehen», also fliehen vor der Inquisition.
Aktuell hat jemand ein weisses Blatt mit einem riesigen
Fragezeichen an seine Haustür geklebt.
Es ist gut und einfach, ein Fragezeichen zu deuten: Gott
erwartet, dass wir trotz Ungewissheit unbeschwert leben.
Denn es ist Gnade, nicht wissen zu müssen, was kommt. Sonst
würden sich alle schon vorher aufregen und noch viel mehr
Angst haben. Kommt es übel, hat die Angst davor nichts
gebessert. Kommt es gut, ist die Überraschung wunderbar.

Von: Dörte Gebhard