Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohl gehe. Psalm 68,6–7
Als «Theologie der Befreiung» wird eine theologische Strömung
bezeichnet, die vor gut fünfzig Jahren in Lateinamerika
als Programm vorgestellt wurde und seither auf der ganzen
Welt Menschen inspiriert – nicht überraschend vor allem
solche aus dem «globalen Süden», also aus den Ländern,
die Mühe haben, aus ihren Armutsschlaufen herauszukommen.
Die wichtigste Behauptung der Befreiungstheologie ist:
«Gott hat eine Vorliebe für die Armen.» Ich halte das für das
grösste Geschenk an die Theologie überhaupt: die Erinnerung
daran, dass Gott konsequent von unten her, nicht von
oben herab zu den Menschen kommt. Israel wird von Gott
nicht adoptiert, weil es ein prächtiges Volk ist, sondern eines,
das leicht übersehen werden kann. Der schmächtigste der
Söhne Isais wird zum Stammvater des Königsgeschlechts,
aus dem schliesslich der Messias stammt. Dieser kommt
nicht im Palast, sondern im Stall zu Welt. Er stirbt den Tod
eines Verlierers, um daraus aufzustehen und den Aufstand
gegen den Tod anzuführen und gegen alle Mächte, die dem
Tod dienen. Unsere Losung ist bloss eines von vielen Echos
darauf – und wir tun gut daran, unser Denken und Handeln
danach auszurichten.
Von: Benedict Schubert