Schlagwort: Benedict Schubert

25. Juli

Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung, ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohl gehe. Psalm 68,6–7

Als «Theologie der Befreiung» wird eine theologische Strömung
bezeichnet, die vor gut fünfzig Jahren in Lateinamerika
als Programm vorgestellt wurde und seither auf der ganzen
Welt Menschen inspiriert – nicht überraschend vor allem
solche aus dem «globalen Süden», also aus den Ländern,
die Mühe haben, aus ihren Armutsschlaufen herauszukommen.
Die wichtigste Behauptung der Befreiungstheologie ist:
«Gott hat eine Vorliebe für die Armen.» Ich halte das für das
grösste Geschenk an die Theologie überhaupt: die Erinnerung
daran, dass Gott konsequent von unten her, nicht von
oben herab zu den Menschen kommt. Israel wird von Gott
nicht adoptiert, weil es ein prächtiges Volk ist, sondern eines,
das leicht übersehen werden kann. Der schmächtigste der
Söhne Isais wird zum Stammvater des Königsgeschlechts,
aus dem schliesslich der Messias stammt. Dieser kommt
nicht im Palast, sondern im Stall zu Welt. Er stirbt den Tod
eines Verlierers, um daraus aufzustehen und den Aufstand
gegen den Tod anzuführen und gegen alle Mächte, die dem
Tod dienen. Unsere Losung ist bloss eines von vielen Echos
darauf – und wir tun gut daran, unser Denken und Handeln
danach auszurichten.

Von: Benedict Schubert

24. Juli

Gott tut grosse Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. Hiob 9,10

Zugesagt ist uns Menschen, dass wir «nach Gottes Ebenbild
» geschaffen sind. Woran liegt es, dass manche – auch
mir selbst passiert das manchmal – daraus Allmachtsfantasien
ableiten? Dann denken sie beispielsweise, sie müssten
einen Durch- und Überblick haben, wie nur Gott ihn hat.
Dies wiederum führt zu einer hohen inneren Empörung,
wenn ihnen etwas geschieht, das sie nicht verstehen, nicht
einordnen, nicht – wie eine Freundin das so schön formuliert
hat – «versorgen» können, also nicht so im Inneren ablegen,
dass sie nicht ständig darüber stolpern.
Hiob ist der Inbegriff eines Menschen, den sinnloses Leid
überfällt. Seine Freunde halten das nicht aus und versuchen,
dem, was Hiob widerfahren ist, sofort einen Sinn zuzuschreiben.
Sie suchen nach Gründen und behaupten auch, welche
gefunden zu haben, weshalb das, was kam, so kommen
musste. Das verbinden sie mit Rezepten, wie Hiob nun aktiv
damit umzugehen habe.
Hiobs beispielhafte Grösse besteht darin, dass er das
Widersinnige dessen, was er durchmacht, aushält. Er sucht
keinen Grund, sondern hält schlicht, aber nicht einfach,
denn einfach wird das nicht gewesen sein, am Vertrauen
fest, dass Gott sieht und weiss, was für uns undurchschaubar
und unerklärlich ist.

Von: Benedict Schubert

25. Juni

Seid getrost und lasst eure Hände nicht sinken; denn euer Werk hat seinen Lohn. 2. Chronik 15,7

Ich bin so reformiert geprägt und konditioniert, dass ich
immer ein wenig zusammenzucke, wenn von «Lohn» die
Rede ist. Schliesslich haben wir gelernt, wir glauben und
bekennen: «Alles ist Gnade.»
Dieses Bekenntnis soll auf keinen Fall relativiert sein. Das
Evangelium von der Gnade ist befreiend in einer Welt, in der
alles berechnet wird und es das erste und oberste Ziel zu sein
scheint, dass Kosten möglichst tief zu halten, aber möglichst
hohe Gewinne anzustreben sind. Das bedeutet nämlich in
der Regel harte, leider oft erfolglose Kämpfe um gerechten
Lohn für die unten auf der Leiter.
Durch den Begriff der «Wertschätzung» lassen sich Gnade
und Lohn indessen gut verbinden. Dann ist «Lohn» nicht
ein gnadenlos ausgehandelter Deal, nicht ein Recht, um das
ich kämpfen muss. Lohn ist dann Ausdruck von Respekt. Ich
werde gesehen, ich werde angesehen in dem, was ich tue.
Ich werde ernst genommen; mein Engagement bleibt nicht
unbemerkt, sondern bekommt ein Echo.
Unsere Beziehung zu Gott ist nicht ein frommer Handel,
sondern eine Beziehung der Wertschätzung. Gott sieht und
anerkennt, was wir tun, und wir werden von Gott die Zeichen
von Wertschätzung bekommen, die wir brauchen, um
in und trotz allem weiter zu glauben, zu hoffen und zu lieben.

Von: Benedict Schubert

25. Mai

Mächtig waltet über uns seine Güte, und die Treue
des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja. Psalm 117,2

Ich höre hin und wieder von Menschen, insbesondere
auch von jungen Menschen, dass sie schlecht schlafen, von
Albträumen geplagt werden, weil es um die Welt und das
Zusammenleben der Menschen so schlecht bestellt ist. Es
erschüttert mich, dass sich eine Bewegung, die sich für den
Respekt gegenüber Gottes Schöpfung einsetzt, als «Last
Generation» bezeichnet, wie wenn es keine Hoffnung auf
Zukunft mehr gäbe.
Umso schöner, wenn ein biblisches Wort wie diese Losung
dem widerspricht, was den Gang der Geschichte und das
Verhalten der Menschen zu bestimmen scheint. Mächtig
scheinen die, die sich durchsetzen, die sich nicht ums Recht
oder um den Anstand scheren, die sich nicht bremsen lassen,
bloss um Rücksicht zu nehmen.
Doch wir stimmen in den Psalm ein, der jubelnd behauptet,
die Güte Gottes habe Macht über uns und über die
Welt und wir könnten uns darauf verlassen, dass Gott treu
ist. Wir müssen nicht mit der Treulosigkeit derer rechnen,
die auch ihre Freunde verraten, wenn sie sich davon Gewinn
versprechen.
In der klösterlichen Tradition gehört Psalm 117 – es ist der
kürzeste aller Psalmen – ans Ende des Tages. Das Halleluja
über Gottes Güte und Treue wird uns vor den Albträumen
wegen der Rücksichtslosigkeit und Untreue von Menschen
schützen.

Von: Benedict Schubert

24. Mai

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehren einziehe! Psalm 24,7

«Macht hoch die Tür!» Diese adventliche Losung lädt ein,
Pfingsten wie Weihnachten zu feiern. Es wird manchmal
angemerkt, Pfingsten sei so unanschaulich als Fest; es sei
schwierig, sich vorzustellen, was da eigentlich passiert.
Aber probieren wir es einmal so:
«Unser Heiland ist nun da!» «Christ ist erschienen, uns
zu versühnen.» «Heut schliesst er wieder auf die Tür zum
schönen Paradeis.» «Unser Kerker, da wir sassen und mit
Sorgen ohne Massen und das Herze selbst abfrassen, ist
entzwei, und wir sind frei.» «Eins aber, hoff ich, wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen, dass ich dich möchte für und
für in, bei und an mir tragen.» «Die ihr arm seid und elende,
kommt herbei, füllet frei eures Glaubens Hände.» «Das ewig
Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein.»
Ich habe etwas wahllos Zeilen aus Weihnachtsliedern aneinandergereiht,
um uns zu vergegenwärtigen, dass Pfingsten
wirklich das Fest der Gottesgegenwart in und unter uns ist.
Der Heiland kommt in der Gemeinde zur Welt. Wer Gott
sucht, findet ihn in der Kirche. Wo zwei oder drei im Namen
von Jesus versammelt sind, da werden Menschen aufgerichtet,
getröstet, wiederhergestellt, befreit.
Das schreibe ich notabene ohne Fragezeichen.

Von: Benedict Schubert

25. April

Das Erdreich erschrickt und wird still, wenn Gott sich aufmacht zu richten, dass er
helfe den Elenden auf Erden. Psalm 76,9-10

Mittelalterliche Kirchen wie das Basler oder das Berner Münster stellen den Thronsaal Gottes dar. Über dem Hauptportal ist das Jüngste Gericht dargestellt. Wer eintritt, soll sich und sein Leben prüfen. Denn in der Vierung, wo Längs- und Seitenschiff sich kreuzen, stehen die Gläubigen vor und unter dem Thron dessen, der als letzte Instanz richtet. Die dort stehen, sollen sich klein vorkommen; sie sollen nicht meinen, sie könnten den Richtspruch des Ewigen in Frage stellen. Sie sollen in Demut niederknien und Gottes Urteil annehmen.
Die Rede vom Jüngsten Gericht befremdet heute viele. Doch die Elenden tröstet sie. Sie macht denen Hoffnung, die ganz unten sind und meist absichtlich unten gehalten werden. Sie richtet diejenigen auf, die niedergeschmettert sind, die um ihr Recht und um ihr Leben gebracht werden. Die kein Ansehen haben, nicht respektiert werden, können sich darauf verlassen, dass Gott sie sieht und ansieht. Und endlich Recht spricht.
Wir, die wir in Umständen leben, die aufgrund von Ungerechtigkeiten so komfortabel und sicher sind, gehören zu denen, die erschrecken und still werden sollen. Um uns dann wenigstens dort, wo wir es können, für die Gerechtigkeit Gottes einzusetzen.

Von: Benedict Schubert

25. März

HERR, steh auf, dass nicht Menschen die Oberhand gewinnen. Psalm 9,20

Es wird dem Christentum hin und wieder vorgeworfen, es habe ein viel zu negatives Menschenbild. Da werde ständig die Sünde, die Sündhaftigkeit und Verworfenheit betont, statt das Gute und Schöne im Menschen zu erkennen und zu fördern.
Was soll dieser Vorwurf? Lest doch bloss die Nachrichten! Ich bete aus tiefem Herzen mit dem Psalm um Bewahrung davor, dass Menschen sich durchsetzen. Wir beten es mit grosser Dringlichkeit, manche können es nicht ohne einen Anflug von Verzweiflung beten. Es braucht viel Glaubensmut, daran festzuhalten, dass Gott «im Regimente» sitzt und uns nicht denen überlässt, die ihre Muskeln spielen und Waffen sprechen lassen. Das Schlimmste daran ist, dass im Osten wie im Westen diese Machtmenschen als Heilsbringer und Werkzeuge Gottes verehrt werden von solchen, die sich nach Jesus Christus nennen. Wir aber beten: Lass sie nicht wirklich die Oberhand gewinnen. Wir beten es in der Passionszeit in der bewussten Erinnerung daran, dass Gott dieses Gebet nicht einmal für seinen Sohn am Kreuz erhörte. Da schienen die Menschen zu siegen. Aber wir beten auch in der dankbaren Gewissheit, dass wir am Ostermorgen lachend jubeln können: Nein, die Menschen haben die Oberhand endgültig verloren. Jetzt können Menschen wieder in Würde Menschen sein.

Von: Benedict Schubert

24. März

Der HERR wird seinen Engel vor dir her senden. 1. Mose 24,7

Die Aufgabe, mit der Abraham seinen ältesten Knecht ausschickt – die Tradition vermutet, es sei der in 1. Mose 15,2 genannte Eliëser von Damaskus –, ist im Grunde nicht zu bewältigen: Eliëser soll für Abrahams und Saras einzigen Sohn und Träger der Verheissung eine Frau suchen. Abraham ist zwar schon sehr gebrechlich, doch nicht so schwach, dass er nicht eine detaillierte Liste der Eigenschaften aufzählen könnte, die diese Frau haben müsse oder vor allem nicht haben dürfe.
Uns Heutigen kommt diese Aufgabe sehr fremd vor. Doch lesen wir sie als Modell für die Art von Aufträgen, die uns übertragen werden, jedoch so komplex und schwierig sind, dass jeder vernünftige Mensch davor zurückschrecken muss.
Eliëser macht sich auf den Weg, denn er hat nicht nur die konkreten Anweisungen, sondern auch die Zusage, dass der Ewige selbst seinen Engel vor ihm her senden werde.
Das rückt alles in eine anderes Licht, denn mit diesem Versprechen werden wir entlastet. Uns wird zugesagt: Das Unmögliche wird möglich, weil Gott handelt. Gott öffnet im richtigen Moment die richtige Tür. Gott schenkt dir die sichere Intuition dafür, was jetzt ansteht. Gott schickt dir einen Menschen über den Weg, der genau das sagt oder tut, was dir in dem Moment weiterhilft. Gott lässt dich auf die Idee kommen, die den Knoten löst. Engel gehen vor dir her und bahnen dir den Weg.

Von: Benedict Schubert

25. Februar

Ich, der HERR, habe dich gerufen in Gerechtigkeit
und halte dich bei der Hand.
Jesaja 42,6

In der Bibel wird die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wiederholt mit einer Liebesbeziehung verglichen, die durch einen Bund gesichert sein sollte. Fest und sicher war sie indessen nicht. Sie wurde im Gegenteil immer und immer wieder infrage gestellt von Seiten des Volks. Das führte schliesslich zur tiefsten Krise: der Eroberung und Zerstörung des letzten Rests von Israel und zur Vertreibung ins Exil.
Nun aber darf der unbekannte Prophet, den wir behelfsmässig den «Zweiten Jesaja» nennen, das Ende dieser Entfremdung und den Beginn einer Art neuer Romanze ankündigen: Gott wird sein Volk wieder in sein Haus führen. Es wird einen Neuanfang geben, der ähnlich befreiend sein wird wie damals der Auszug aus Ägypten.
In der Beziehung zwischen zwei Menschen, so meinen die entsprechenden Fachleute, sei es wichtig, das, was die beiden einander versprochen haben, nach einer Krise erneut zur Sprache zu bringen. So macht es auch der Ewige mit seinem Volk: Wie eine Liebende ihren Geliebten, nimmt Gott sein Volk bei der Hand. Gott hat «in Gerechtigkeit» gerufen: nicht abrechnend, sondern auf eine Weise, die wieder zurechtbringt, was verschoben und verrückt worden war, damit sie zusammen Hand in Hand auf das zugehen können, was kommt.

Von: Benedict Schubert

25. Januar

Ich habe die Erde gemacht und Menschen und Tiere, die auf Erden sind, durch meine grosse Kraft und meinen ausgestreckten Arm und gebe sie, wem ich will. Jeremia 27,5

Ist der Ewige willkürlich? Ist er ein absoluter Herrscher, der nach Lust und Laune Gunst gewährt oder entzieht? Können die Autokraten, die derzeit die Schlagzeilen bestimmen, sich auf Gottesworte wie dieses berufen, wenn sie gross werden lassen, wer ihnen schmeichelt, aber ins Elend stossen, wer ihnen nicht passt? Aus dem heutigen Losungswort kann ein solcher Beiklang herausgehört werden.
«Denn Gottes Wege sind nun mal verworren und diskret.» So formulierte der Kabarettist Georg Kreisler vor Jahren. Wir haben den Überblick nicht. Wir sehen nicht das Ganze. Uns kommt vieles sinnlos vor, was in unserer kleinen oder in der grossen Welt geschieht. Können und wollen wir mit Paul Gerhardt bekennen: «Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl» (RG 680,7)?
Das muss Jeremia dem Volk als Botschaft zumuten: Ihr müsst euch auf das Exil einstellen, auf den Verlust des Vertrauten. Das ist nicht finsteres Geschick, sondern Konsequenz des Irrwegs, den ihr seit langem verfolgt. Gott wird das Korrupte zusammenbrechen lassen, um einen gründlichen Neuanfang zu machen. Es wird nicht ausbleiben, dass ihr darin Sinnlosigkeit und Gott als willkürlich erlebt, doch glaubt trotz allem an Gottes Gerechtigkeit und daran, dass Gott das Leben will und schafft.

Von: Benedict Schubert