HERR, du hast mich heraufgeholt aus dem Totenreich,
zum Leben mich zurückgerufen von denen, die hinab
zur Grube fuhren. Psalm 30,4
Da hat einer Genesung erfahren und erzählt das öffentlich an
einem Weihefest für den Tempel (Vers 1). Mit eindrücklich
anschaulichen Bildern (heraufgeholt aus dem Totenreich wie
mit einem Eimer aus einem Wasserloch, zum Leben zurückgerufen)
beschreibt er, was ihm durch Gott widerfahren ist –
auch zum grossen Ärgernis seiner Feinde. Wieder mit einem
heftigen Bild. Er dankt seinem Gott vor allen Menschen, die
ihn hören, er wolle ihn preisen in alle Ewigkeit (Vers 11). Er
verschweigt aber nicht, dass er eine schwere Anfechtung
durchgemacht und zu ebendiesem Gott auch unüberhörbar
geklagt hat: Was nützt dir mein Blut, wenn ich ins Grab
hinabfahre? Kann denn Staub dich preisen und deine Treue
verkünden? (Vers 10)
Und Gott hat ihn erhört, hat auf sein Flehen und sein Bitten
ums Leben aufgemerkt: «Du hast meine Klage in Reigen
verwandelt», sagt oder singt er (Vers 12). Gott hat ein Ohr
für Menschen, die klagen – auch wenn sie über ihn, Gott,
klagen! Über Gott klagen ist etwas ganz anderes als über
Gott fluchen, wie das in der Regel schnell passiert: Im Klagen
bleibe ich im Verhältnis zu Gott; im Fluchen laufe ich weg.
Im Klagen bin ich dabei, es geht um mich; im Fluchen habe
ich meine Beziehung zu Gott gelöst.
Der heutige Vers ist eine erneute Ermutigung zur Klage –
und zur Zuversicht, weil Gott hört.
Von: Hans Strub