Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm
entgegen und blieb unversehrt? Hiob 9,4

Ich weiss, sagt Hiob im Vers 2, wie könnte je ein Mensch
Gott gegenüber im Recht sein. Und so geht es dann in den
folgenden Versen weiter: Gottes Macht und Möglichkeiten
sind unbegrenzt, es gibt keinen Weg, um Gott herumzukommen
oder sich ihm in den Weg zu stellen. Ja, auch wenn
ich im Recht wäre, kann ich mit ihm nicht auf Augenhöhe
reden (Vers 15). Schuldlos bin ich, aber er hat mich schuldig
gesprochen (Vers 20). Aber kein Richter vermittelt zwischen
uns und legt seine Hand auf uns beide (Vers 33). Hiob, der
sich unschuldig fühlt in seiner Lebensgestaltung und dem
dennoch alles genommen worden ist, klagt Gott an. Aber
er lässt Gott nicht los, wendet sich nicht ab, hält an ihm
fest. Dennoch rechtet er mit ihm – und das wird ihm in der
grossen Gottesrede am Ende des Buchs (Kapitel 38–42) hoch
angerechnet. Gott nimmt sein Klagen als berechtigt entgegen.
Er hört auf Hiob. Das grosse Gedicht des Hiobbuchs,
das auf einer alten Sage beruht und über mehrere Jahrhunderte
ergänzt und weitergeführt wurde, ist eine Ermutigung,
sich mit einer als ungerecht empfundenen Situation nicht
einfach zu arrangieren, sondern sich gegen sie aufzulehnen.
Dieses Aufbegehren entwickelt eine eigene Kraft – es führt
nicht automatisch zu einem Happy End, aber es gibt den
Klagenden Selbstwertgefühl und Hoffnung.

Von: Hans Strub