Schlagwort: Hans Strub

17. April

Gott, du holst mich wieder herauf aus den Tiefen
der Erde. Du machst mich sehr gross und tröstest mich wieder. Psalm 71,20–21

Wer hier betet, hat gute Erfahrungen mit Gott gemacht: Gott hat ihn in belastenden und niederdrückenden Situationen nicht allein gelassen. Gott hat ihm zu spüren gegeben, dass er da ist und dass er ihm immer wieder neues Leben schenkt. Der Beter ist dankbar, dass er offensichtlich von seinem Gott geliebt ist und dass Gott will, dass er dableibt, dass er ihm also trotz seinen Fehlern wichtig ist. Das ehrt ihn und tröstet ihn, das richtet ihn auf und gibt neue Kraft. Eine Art «Auferstehung» im Leben. Er erhält die Möglichkeit eines Neuanfangs, sogar mehrmals!
Je älter ich werde, umso deutlicher erkenne ich im ehrlichen Rückblick, dass es nicht die eigene Leistung war, die Neuanfänge ermöglichte. Sondern dass ich sie als Geschenk sehen darf und auch so sehen muss. Manchmal sind sie auf den ersten Blick zu übersehen, erst später entpuppen sich auch Ecken oder gar Brüche im Lebenslauf als Chancen, die mir neu eröffnet worden sind.
«Gott schreibt auch auf krummen Linien grade …», so hiess vor Jahren ein Buchtitel, der in fast kindlichem Ton solche Erfahrungen auf den Punkt bringt. Es ist an mir, sie zu erkennen und sie zu schätzen. Sie machen dankbar und demütig und rücken Schweres in ein anderes Licht, in Gottes
Licht. Gerade im Älterwerden sind solche Lichtpunkte in meinem Leben ein Trost …

Von: Hans Strub

16. April

Der HERR sprach zu Jona: Meinst du, dass du
mit Recht zürnst? Jona 4,4

«Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört!» (Jona 3,4)
Um diesen knappen Satz herum ist die ganze Jona-Novelle aufgebaut. Es ist die unglaubliche Geschichte eines von Gott erwählten Mannes, der der Grossstadt Ninive die unmittelbare und unausweichliche Vernichtung ankündigt. Und der mit diesem einen Satz eine radikale Veränderung in der Stadt bewirkt: Die Menschen von Ninive samt ihrem König werden schlagartig gottgläubig, rufen ein Fasten aus und legen Trauergewänder an, um deutlich zu machen, dass sie umkehren und ihr sündiges Tun sofort aufgeben wollen, weil das diesen Gott vielleicht doch noch gnädig stimmen könnte. Ein überwältigender Erfolg für Jona – eigentlich – und der zur Folge hat, dass Gott tatsächlich die riesige Stadt verschont: Der grosse Gott zeigt seine grosse Barmherzigkeit!
Aber: Der kleine Prophet hat nicht das geringste Verständnis dafür! Er, der von Gott aus der Unterwelt, dem Bauch des grossen Fischs, befreit und errettet wurde, kann nicht verstehen, dass sein Gott die sündige Stadt Ninive mit über 100 000 Einwohnern (und dem vielen Vieh!) rettet. Er schmollt, er ärgert sich über seinen Gott und zürnt ihm. Er will einen klaren, gradlinigen Gott, der seine Ankündigungen wahrmacht. Und nicht einen, dem das Leben der Menschen und ihre Einsicht in ihr Tun wichtiger ist. Gottes Barmherzigkeit stört sein Bild von Gott …

Von: Hans Strub

Mittelteil März / April 2026

Frieden, Hoffnung, Liebe, Zukunft –
«500 Jahre Disputation Baden» 2026

Mit einem grossen Festakt in der Pfarrkirche Baden im Kanton
Aargau erreicht am 31. Mai 2026 das Gedenken an jenes
wichtige Ereignis der Schweizer Geschichte seinen Höhepunkt
und Abschluss. Seit Herbst 2025 und in immer dichterer
Folge finden an verschiedenen Orten in der Stadt Veranstaltungen
statt, die der Bedeutung jener Disputation für
Gegenwart und Zukunft unseres Landes und unserer Gesellschaft
nachgehen (www.disputation.ch).


Europa im Umbruch
Die 1520er-Jahre erlebten eine fundamentale Zäsur der bisherigen
Geschichte: An mehreren Orten in Europa, auch in
Zürich, fasste eine Bewegung Fuss, die zum Ziel hatte, den
christlichen Glauben grundlegend zu reformieren und offensichtliche
Missstände der damaligen Kirche (Verweltlichung
der römischen Kirchenleitung, käuflicher Sündenablass zur
Kirchenfinanzierung, Machtkämpfe mit den Königen und
Fürsten der Welt um die Vorherrschaft etc.) zu beseitigen.
Solche Bestrebungen waren nicht neu, seit zwei Jahrhunderten
gab es schon da und dort Zellen zur Erneuerung
der (katholischen, einzigen) Kirche. Im dritten Jahrzehnt
des 16. Jahrhunderts (1520–1530) war die Zeit reif für diese
länderübergreifende Bewegung, später zusammenfassend
Reformation genannt, welche die damalige Gesellschaftsordnung in Frage stellte. Dass bald an unterschiedlichen Orten
daraus neue christliche Kirchen entstanden, war ursprünglich
nicht im Blick. Die unerwartete Dynamik der Bewegung,
massiv unterstützt durch den kurz zuvor erfundenen Buchdruck,
mit dem Flugschriften und Bücher rasend schnell verbreitet
werden konnten, erfasste alle Schichten der Bevölkerung.
Die Politik war dadurch höchst beunruhigt, der Kaiser
und die Kurfürsten im Deutschen Reich versuchten rasch
(erfolglos), den Wittenberger Mönch Martin Luther zum
Ketzer zu stempeln und damit unschädlich zu machen.


Die eidgenössische Einheit unter Druck
In der Schweiz war eine Mehrheit der Stände (Kantone), die
damals die dreizehn Orte der Eidgenossenschaft bildeten,
höchst beunruhigt über die Entwicklungen, die der neue
Grossmünsterpfarrer Ulrich Zwingli seit 1519 ausgelöst hatte.
Die Tagsatzung, eine Art Ständerat, befürchtete, dass sich
die neuen Glaubensansichten aus Zürich auch in weiteren
Gebieten des Landes durchsetzen und damit die bestehende
politische Ordnung angreifen könnten. Sie berief deshalb
eine breit abgestützte Zusammenkunft ein, um der um sich
greifenden Unruhe ein Ende zu setzen. Am 19. Mai 1526
begann die Versammlung, an der Vertreter der neuen Richtung
ihre Argumente der Diskussion aussetzen sollten, damit
ermittelt werden könnte, ob sie wirklich tragen oder mit
guten Gründen zu widerlegen sind. Die «Badener Disputation
» dauerte insgesamt drei Wochen, bis zum 8. Juni 1526.
Nur schon acht Tage nahm die «disputatio» (lat. Erwägung,
Erörterung) der Frage in Anspruch, ob der Leib Jesu in der
Messe wirklich verwandelt werde.
Disputiert wurde jeweils von frühmorgens bis abends,
danach gab es die Möglichkeit, eines der Bäder am Limmatknie
unten aufzusuchen …
Auf der altgläubigen Seite war der Ingolstädter Theologe
Dr. Johannes Eck der führende Disputant (er hatte schon
früher mit Martin Luther gestritten), auf der neugläubigen
Seite war es der Basler Johannes Oekolampad, der anstelle
von Zwingli (dem man aus Sicherheitsgründen dringend
von einer Teilnahme abgeraten hatte) die neuen Überlegungen
vertrat. Einige weitere Fachpersonen unter den rund
zweihundert Teilnehmenden ergriffen sporadisch das Wort
in der Pfarrkirche. Insgesamt vier Protokollanten schrieben
die Ausführungen mit, der Luzerner Stadtschreiber machte
daraus eine Schlussfassung. Sie erschien 1527, also erst ein
Jahr nach der Disputation.


Entscheidende Veränderungen
In diesem einen Jahr geschah vieles, was die Weiterführung
der Reformation beförderte: Obwohl es keine formelle
Schlussabstimmung in Baden gegeben hatte, war eindeutig,
dass die Altgläubigen in der Mehrheit waren und die
Neugläubigen sie nicht hatten überzeugen können. In der
Zwischenzeit aber kippte die Stimmung vor allem in den
bevölkerungsreichen und politisch-wirtschaftlich wichtigen
Städten Basel und Bern: Sie schlossen sich dem reformierten
Glauben an. Plötzlich waren die Mehrheitsverhältnisse
im Land anders. Das führte dazu, dass eine Form gefunden werden musste, damit es nicht zu einem Bruch in der Eidgenossenschaft kam. Diese bestand darin, dass – erstmals in Europa – in einem Land zwei unterschiedliche Glaubensrichtungen nebeneinander existieren konnten!


Die neue Situation: «Cohabitation»
Im Gefolge der Disputation von Baden 1526 endete die bis anhin überall geltende Formel «ein Land – ein Glaube». Auf kleinem Raum wurde es möglich, dass neben der weiterhin omnipräsenten katholischen Kirche auch reformierte Gemeinden ihren Platz bekamen. Diese damals ganz neue Situation bestimmt bis heute und auch in Zukunft das mehr oder weniger friedliche Nebeneinander und Miteinander von verschiedenen Konfessionen in unserem Land. Die «Badener Disputation» konnte verhindern, dass die damalige Eidgenossenschaft auseinanderbrach.
Schon kurz danach wurde dieses Ergebnis der Disputation wieder ernsthaft in Frage gestellt, und zwar ausgerechnet von Zürich: Mit den beiden Kappeler Kriegen 1529 (ohne grosse Kampfhandlungen, mit der berühmt gewordenen «Milchsuppe» im Weiler Menzingen) und 1531 (als 400 Zürcher, unter ihnen auch Zwingli, den Tod fanden) wollten die Zürcher mit Gewalt die altgläubigen Gebiete bekehren, wofür die damals kleine Stadt teuer bezahlte; im anschliessenden Landfrieden aber zeigten sich die Innerschweizer ausgesprochen friedliebend und respektierten das «Ergebnis von Baden».


Innere Kämpfe und Expansion
Während «Baden» eine politische Perspektive für die Eidgenossenschaft eröffnet hatte, spitzten sich in Zürich die Auseinandersetzungen innerhalb der Neugläubigen zu: Der sogenannt linke Flügel der Reformation, Wiedertäufer genannt (weil sie die Kindertaufe nicht anerkannten und die Erwachsenentaufe illegal einführten), wurde verfolgt und aus der Stadt vertrieben. Anfang 1527 wurde mit Felix Manz gar der erste Täufer in der Limmat ertränkt (in der Folgezeit noch fünf weitere). Es gelang dann dem umsichtigen Nachfolger von Zwingli, Heinrich Bullinger aus Bremgarten, in enger Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister Röist die noch junge Reformation in ein ruhigeres Fahrwasser zu bringen, 1549 die Zürcher mit der Genfer Reformation von Jean Calvin zu verbinden und so den Grundstock dafür zu legen, dass sich die reformierte Form des christlichen Glaubens im westlichen Europa und später nach Amerika verbreiten konnte.


«500 Jahre Disputation Baden» 2026
Seit Herbst 2025 finden in Baden Veranstaltungen statt, die auf den grossen Gedenkmonat Mai hinführen wollen. Dazu gehören auch Gespräche mit Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens zu den bewegenden Fragen der Gegenwart und zu Perspektiven für die nächsten Jahre. Es ist eine Reihe von Konzerten angesagt, an mehreren Orten in der Stadt gibt es Diskussionsgelegenheiten, Schulen beteiligen sich, Vereine, die Stadt ist sehr engagiert, an Pfingsten findet «Taizé in Baden» statt, am Samstag
vor dem Höhepunkt laufen verschiedene Aktivitäten, auch für Jugendliche, unter der Überschrift «Manifestation».
Im Hintergrund aller Festivitäten stehen stets die vier Grundbegriffe aus der Disputation, die das Nachdenken heute leiten sollen:
Frieden, Hoffnung, Liebe, Zukunft.
Und dann, am Sonntag, 31. Mai, findet der Höhe- und Schlusspunkt des Jubiläums statt – ein festlicher Gottesdienst mit Vertreter:innen der Kirchen und der kantonalen und eidgenössischen Politik und vielen interessierten Menschen. Der ganze Anlass ist von Anfang an ökumenisch geplant mit dem reformierten Stadtpfarrer Res Peter und dem katholischen Pfarreileiter Claudio Tamassini. Das Programm ist ersichtlich auf www.disputation.ch

Hans Strub
(ist für die Mitwirkung in der Projektleitung angefragt worden)


Die Badener Disputation war in jener bewegten Epoche eine von europaweit rund dreissig Disputationen; sie wurde auf Deutsch geführt. Es ist die am besten dokumentierte politisch-religiöse Veranstaltung jener Jahre.
Im Theologischen Verlag Zürich TVZ erschien 2015 ein Buch mit rund 750 Seiten mit der akribisch recherchierten und kommentierten Fassung der Protokolle, herausgegeben von Alfred Schindler und Wolfram Schneider-Lastin.

17. März

Sehet, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und kann heilen, und niemand kann aus meiner Hand reissen. 5. Mose 32,39

Mit einem buchstäblich gewaltigen Lied beendet Mose seine Führungstätigkeit. In gut vierzig Versen rekapituliert er die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel, das sich in der Wüste verloren hatte und das dort von ihm gefunden wurde. Vor allem aber handelt das Lied von der erschreckenden Abkehr dieses Volkes von seinem Gott, indem es sich andere Götter schuf. Und als dann immer deutlicher wurde, dass diese «anderen Götter» ihm nicht helfen konnten, weil die Schicksalsschläge immer heftiger wurden – da liess Gott dieses Volk nicht fallen, aber zeigte ihm auf drastische Weise, wie grausam falsch der Weg war, den es selbstgerecht eingeschlagen hatte. Es sollte erkennen, dass es nur einen einzigen Gott gibt, ihn, Jahwe! Und dieser Gott will und wird sich in jeder Hinsicht durchsetzen. «Hört auf das, was Gott euch sagt», schloss Mose sein Lied, «das Wort des Herrn ist kein leeres Wort, sondern es ist euer Leben. Er wird seinem Volk Vergebung schenken und den Fluch der Schuld wegnehmen!» (Verse 43–47)
Wir wissen, dass die Geschichte Gottes mit den Menschen zu jeder Zeit sehr bewegt war, bis auf den heutigen Tag. Aber wir wissen auch, dass Gott zu keiner Zeit aufhörte, seine Menschen – uns alle – auf seinem Weg zu behalten, weil nur er zum Heil führt.

Von: Hans Strub

16. März

Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt,
und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. Psalm 71,17

Je älter ich werde, desto öfter erfahre ich, wie meine Kräfte an ihr Limit kommen. Der Mensch, der diesen Psalm betet, kennt das, und er möchte gerne weiter tun, was er seit seiner Jugend immer wieder gemacht hat: Er hat von Gott geredet, von Gottes Schöpferkraft, von Gottes Gerechtigkeit, von seiner Treue, seiner Macht, seiner Hilfe und seiner Zusage, aus schweren Situationen zu erretten. Jetzt schwinden seine Kräfte, und er fürchtet, das bald nicht mehr zu können. Nicht mehr seinen Kindern und Enkeln erzählen zu können, wie er Gott immer wieder erlebt hat, wie er gestützt worden ist, wie er Gott erfahren hat als Fels und Burg, wohin er sich zurückziehen konnte, wenn er bedrängt wurde … Manchmal tönen seine Worte wie «do ut des» («ich gebe, damit du gibst») – ich habe mich für dich, Gott, eingesetzt, jetzt revanchiere dich und gib mir bitte alle nötigen Kräfte, damit ich weiterhin der sein kann, der ich doch eigentlich, trotz meines Älterwerdens, bin. Aber dann schaut er noch einmal genau und erkennt, dass alles in seinem Leben von Gott geschenkt war, mit und ohne sein Zutun, erwartet oder überraschend, wie er ihn in schwierigen Zeiten begleitet und beschützt hat. Daraus schöpft er Vertrauen, dass er auch jetzt mit Gottes Beistand rechnen darf. Er kann das, was er erlebt und erfahren hat, als starke Gotteszeichen sehen. Da wird der Psalmbeter unerwartet zu einem Vorbild.

Von: Hans Strub

17. Februar

Was verborgen ist, ist des HERRN, unseres Gottes;
was aber offenbart ist, das gilt uns und unsern Kindern ewiglich.
5. Mose 29,28

In der grossen Rede des alten Mose vor dem Überschreiten des Jordans in das verheissene neue Land wird das zentrale Thema nochmals in grosser Deutlichkeit vertieft: Gott hat mit euch, seinem Volk, einen Bund geschlossen – und ihr habt ihn immer wieder gebrochen! Dieser Bund ist durch die ganze Geschichte hindurch klar und unmissverständlich erkennbar, und er gilt bis in alle Ewigkeit! Alles, was dem Volk Israel widerfahren ist, an Gutem wie an Schwerem, hat Gott gemacht. Weil er sein Volk nicht nur aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeholt hat, sondern weil er ihm eine neue Zukunft in einem neuen Land in Aussicht stellt und es nun vor dem Beginn dieser Zukunft steht. Gott hat alles so gewollt, aber nun muss das Volk seinen Teil leisten und einsehen, dass es diesem seinem Gott verpflichtet ist.
Ich bin heute Teil dieses Volkes, und ich lese den Text als Anfrage an mich heute: Lebe ich in diesem Bund mit Gott, oder nehme ich ihn ernst bloss «in Auszügen», also mit Vorbehalten und Zurückhaltung an all den Stellen, wo er mich in meiner Eigenständigkeit in Frage stellt? Wo ich eigentlich lieber meine eigenen Ziele, die ich mir gesteckt habe, verfolge und nicht so sehr auf «seine» Stimme hören möchte? Dann trifft es mich, wenn ich lese, dass Gottes Stimme für alle Zeiten und Orte gilt …

Von: Hans Strub

16. Februar

Siehe, ich will meinen Engel senden,
der vor mir her den Weg bereiten soll.
Maleachi 3,1

Die Zürcher Bibel übersetzt die Losung so: «Seht, ich sende meinen Boten, und er wird den Weg freiräumen vor mir.» Den Weg freiräumen von Steinen, von Angst und Sorge. Und der Weg soll in den Tempel führen. Und, so meine Überzeugung, führt der Weg auch wieder aus dem Tempel hinaus in den Alltag der Menschen. Gott ist mit den Menschen auf ihrem Weg, sie sind nicht allein, wir sind nicht allein. Er schickt den Boten, um unseren Blick auf ihn zu lenken, denn Gott will bei den Menschen sein. Die Steine bleiben auf dem Weg, aber sie sind überwindbar, so die Hoffnung. Wege können lang sein, sie brauchen Kraft und Atem, brauchen Ausdauer. Die Boten, die Gott schickt, sind unsichtbar und doch da. Sie begegnen uns in den Menschen, die mit uns gehen. Sie begegnen uns, wenn wir unser Vertrauen in das Leben stärken können. Sie begegnen uns in den Blumen am Wegrand oder in der Sonne, die uns wärmt. Es ist nicht einfach, die Boten wahrzunehmen. Und es ist nicht einfach, auf dem steinigen Weg das Vertrauen zu stärken. Da hilft es, wenn wir den Weg trotzdem gehen und nicht lange stille stehen. Gott ist da und räumt den Weg frei, darauf können und sollen wir hoffen.

Danke, dass du mit uns auf dem Weg bist.

Von: Hans Strub

17. Januar

Der HERR ist deine Zuversicht. Psalm 91,9

Der ganze Psalm ist ein Text über den Schutz, den der Glaube verleiht. Einerseits wird Gott besungen als ganz konkreter Zufluchtsort, als Burg, als Schutzmauer, als Refugium im Gebirge. Und andererseits als ein Denken und Fühlen, das Sicherheit und Ruhe gibt, hier als «Zuversicht». Dieses alte und auch schon altdeutsche Wort ist noch zielgerichteter als das umfassendere, aber diffusere Wort «Hoffnung». Es bezieht sich auf etwas, das unmittelbar in der Nähe ist. Etwas, worauf ich bauen und mit Gewissheit davon ausgehen kann, dass es da ist oder gleich kommt.
Etwas, das ich gewissermassen schon zu «sehen» vermag, dessen Nähe ich deutlich fühle. Gott ist es, dem ich mich nahe fühlen kann. Und der mir Schutz und Sicherheit gibt vor allem, was mich bedrängt. Und vor allen, die mir zu nahe kommen oder die etwas von mir wollen. Dieser Zuversicht kann ich mich ergeben, in sie kann ich mich fallen lassen und weiss mich aufgehoben, geborgen, eben: geschützt. Der Psalm wird an dieser Stelle noch direkter: «Den Höchsten hast du zu deinem Hort gemacht, dir wird kein Unheil begegnen … denn er wird seinen Boten gebieten, dich zu behüten auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit dein Fuss nicht an einen Stein stosse.» (Verse 9–12)
Wer auf Gott vertraut («Zuversicht» wird auf Englisch wie Französisch übersetzt mit «confidence/confiance»), ist stark beschützt!

Von: Hans Strub

16. Januar

Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist. Sacharja 8,23

Wie viele Familien und Volksgruppen, die vor kurzem oder vor längerer Zeit aus ihrer Heimat fliehen mussten, wären glücklich, wenn ihnen heute ein Sacharja seine Visionen erzählen würde! Es sind «Nachtgesichte», die von einer Wiederherstellung des Tempels in Jerusalem reden, vom Wiederaufbau des Zentrums jenes Volkes also, von dem Teile seinerzeit in die babylonische Gefangenschaft weggeführt worden sind. Die Vertriebenen können heimkehren! Und nicht nur sie: Andere, viele, werden sich ihnen anschliessen und mitgehen auf dem Weg in eine neue Ära. Sie haben davon gehört, dass eine neue Zeitrechnung beginnt, weil Gott selbst dabei ist. Es ist eine durchaus kühne Hoffnung, von der der hebräische Prophet spricht. Aber die Menschen zu allen Zeiten brauchen solches Reden, um die ganz andere Gegenwart bestehen zu können. Um über das hinauszusehen, was ist – wenigstens für einige Augenblicke. Aber in diesen Augenblicken bricht das Bild einer anderen Welt durch die umgebende Finsternis; ein Bild, an das ich mich halten kann. Hoffnung hat viele Gestalten; manchmal ist sie wie ein (Gedanken-)Blitz, in dem verdichtet eine Zukunft aufscheint, die möglich ist. Er überstrahlt nur ganz kurz die Realität, aber er kann ermutigen und Kraft geben. Sacharja wollte das, Gott gab ihm die Visionen, viele hörten sie und schöpften daraus Energie zum Leben.

Von: Hans Strub

17. Dezember

Weh denen, die Böses tun und Gutes böse nennen,
die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis
machen. Jesaja 5,20

Situationen bewusst und willentlich zu verdrehen, ist
Machtausübung, ist Manipulation. Sie dienen meinen Zielen.
Sie gehören zum Arsenal menschlichen Vorgehens in der
Politik, in der Wirtschaft, im Recht, in der Moral, im Zusammenleben
bis in die kleinsten und engsten Zusammenhänge
der Familie und der Beziehungen hinein. Und sie sind böse,
Ausdruck eines bösen Willens, Ausdruck der Verachtung.
Auch wenn sie fast harmlos daherkommen, setzen sie mich
unter Druck, reizen mich zur Abwehr oder zum «Umegää»
(Heimzahlen) – und schon sind wir mitten im Unfrieden, im
gegenseitigen Verdächtigen, in Reaktion und Gegenreaktion,
in einer Spirale der Eskalation. Über sie ergeht hier ein Wehruf.
Im Hebräischen ist das noch heftiger: Es ist die Vorwegnahme
einer Totenklage! Jesaja fragt seine Landsleute, ob sie
das wirklich wollen. Ob sie wirklich wollen, dass so Leben
verdorrt und zum Ende kommt. Er geht hart ins Gericht mit
ihnen und dem, was sie tun, gegeneinander und gegen Gott.
So weit muss und so weit soll es nicht kommen! Dort, wo ich
Verdrehungen sehe, will ich versuchen, sie zu stoppen. Jedenfalls
sie als das benennen, was sie sind. Bei Jesaja geschieht
das nicht nur um meinet- oder unseretwillen, sondern auch
um Gottes willen. Denn Gott verdreht nicht, er dreht wieder
gerade. Darauf kann ich bauen, und darum kann ich bitten …

Von: Hans Strub