Schlagwort: Hans Strub

4. Februar

Er ist nahe, der mich gerecht spricht;
wer will mit mir rechten?
Jesaja 50,8

«Lasst uns zusammen hintreten! Wer ist Herr über mein Recht? Er soll zu mir kommen!» So geht dieser Vers aus dem dritten Gottesknechtlied weiter. Der Prophet, der hier spricht, ist herausgefordert von Kritik und Widerstand gegen das, was er vorbringt. Er verteidigt sich, indem er sein Vertrauen zu Gott in den Vordergrund stellt: Wer könnte es wagen, dem entgegenzutreten, was Gott sagt? Und es ist Gott, der durch mich redet. Wer mich angreifen will, soll nur kommen – er wird erfahren, dass Gottes Kraft und Macht stets grösser ist. Denn Gott gibt die Vollmacht, so zu euch zu reden! Reden zu müssen … Der «Gottesknecht» hier weiss, dass Gott auf seiner Seite steht, dass Gott ihm die Zunge aufgetan hat und das Ohr, und dass er vor seinem Auftrag nicht zurückgewichen ist (Verse 4–5). Das Vertrauen in Gottes Dasein macht ihn stark; gibt ihm den Boden unter die Füsse, den er braucht, um den Angriffen standzuhalten. Wer in sich den Auftrag spürt, seine Überzeugung deutlich zum Ausdruck zu bringen, muss mit Anfeindungen rechnen und darauf eingestellt sein. Dass sie an ihnen nicht zerbrechen, darauf dürfen sie sich verlassen. Wie hier: Gott selbst lässt mir Kraft zukommen dann, wenn ich sie brauche. Gott selbst lässt mich gerade hinstehen und stützt mich, jederzeit und überall!

Von: Hans Strub

3. Februar

Ich will dich mit meinen Augen leiten. Psalm 32,8

«Wohl dem, dessen Missetat vergeben, dessen Sünde getilgt ist.» Mit diesem Glückwunsch (Makarismus) beginnt der zweite altkirchliche Busspsalm, eine Art Lehrverse zur Umkehr, zur Busse. Und mittendrin ein überraschendes Wort, ein Gotteswort: Ich will dich mit meinen Augen leiten. Gott
will leiten, Gott will den Weg zur Busse zeigen, Gott will
also, dass Fehler, die ich begangen habe, weggelegt werden
können. Vergeben werden können. Die Vergebung ist Gottes
Wille – und Gottes Möglichkeit. Der Weg zu ihr ist das Gebet (Vers 6). Im Gebet gehen mir Zusammenhänge auf, werde ich mir bewusst, was geschehen ist, denn da muss ich nicht nach Ausreden suchen, weshalb mir dies und jenes «passiert» ist.
Im Gebet verändert sich meine Sicht auf die Geschehnisse, es «gehen mir die Augen auf», wie der Volksmund sagt. Das passiert aber nicht «einfach so» – was sich wirklich ereignet, ist: Ich sehe das, was war, mit «anderen» Augen, und diese Augen sind Gottes Augen.
Gott leitet meinen Weg, indem er/sie mich diesen Weg mit seinen/ihren Augen sehen lehrt. Im Psalm beginnt der Vers 8 so: «Ich will dich lehren und dir den Weg weisen, den du gehen sollst, ich will dir raten.» Und dann folgt der Satz von heute: «Ich will dich mit meinen Augen leiten.» Der Ort, wo dieser Sichtwandel zustande kommt, ist das Gebet – indem ich mich auftue und Gott Raum gebe für ihr/sein Wirken.

Von: Hans Strub

11. Januar

Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends. Jesaja 48,10

Gott hat seinem Volk Befreiung geschenkt – und nicht alle wollen diese! Die Zeit im «Glutofen des Elends» ist vorbei, ruft er ihnen durch den Propheten zu. Ich habe euch die Möglichkeit verschafft, dass ihr aus dem Exil zurückkehren könnt – nutzt sie! Nur: Nach drei Generationen im Land, in das man sie gezwungen hat, haben sich einige darin eingerichtet. Das Flüchtlingslager ist zum «Normalfall» geworden, jedenfalls für etliche der dort Geborenen. Der Bezug zur Heimat der Eltern und Vorfahren kann verlorengehen, wenn man so lange an einer Rückkehr gehindert wird. Und jetzt sollen sie plötzlich gehen. In eine ungewisse Zukunft aus einer einigermassen organisierten Gegenwart …
Jeder Aufbruch ist schwierig, in die eine wie in die andere Richtung, nach vorne oder zurück. Es braucht Zutrauen, dass es richtig ist, etwas Bekanntes zu verlassen. Jesaja muss viel Überzeugungskraft aufbringen, um mit seiner Botschaft anzukommen. Obwohl es Gott ist, der/die diese politische Möglichkeit aufgetan hat. Gott muss dafür werben, dass die Menschen ihre Befreiung annehmen! Das Vertrauen der Menschen in Gott ist nicht überwältigend. Das von etlichen selbst erschaffene kleine Glück wiegt stärker. Das ist eine deutliche Anfrage auch an uns, an mich: Wie sehr bin ich bereit, mich auf Gott wirklich einzulassen? Wie sehr bin ich bereit, genau hinzuschauen, welcher Weg für mich wirklich in die Befreiung führt?

Von: Hans Strub

10. Januar

Lass ab vom Bösen und tue Gutes;
suche Frieden und jage ihm nach!
Psalm 34,15

Ein ganzes friedensethisches Programm ist in den vier Verben dieses kurzen Satzes zusammengefasst: Es beginnt beim Ablassen (vom Bösen), kommt zum Tun (des Guten), wird intensiver im Suchen (des Friedens) und kulminiert schliesslich im Nachjagen desselben. Ein vierschrittiges Programm, das mich vom ersten Augenblick an in die Pflicht nimmt. Und mich dann in drei weiteren Schritten zu einem Friedensaktivisten macht, der nicht wartet, sondern die Initiative ergreift, wo immer er/sie kann! Das mag nach einem atemlosen Engagement tönen – ist es aber nicht, weil es eingebettet ist in einen grösseren Zusammenhang. Da geht es um nichts Geringeres als die Befreiung zu einer neuen Welt! «Der Herr erlöst das Leben seiner Diener, und keiner wird es bereuen, der Zuflucht sucht bei ihm» (Vers 23). Gott ist es, der das Gute und den Frieden will. Sie/er weist den Weg dazu, ich brauche ihn «bloss» zu gehen … Gottes Programm mit der Welt ist nicht Zerstörung oder gar Untergang, sondern Aufbruch, Neuanfang, Zutrauen, dass es geht, auch wenn rundum so vieles dagegen zu sprechen scheint. Vertrauen in einen Gott, der Unmögliches vermag. Dies in dieser jetzigen Welt zu glauben und sich daran auszurichten, verlangt viel und gelingt oft nicht. Das «Programm», von dem in diesem Vers die Rede ist, kann mir und uns helfen, die stets nötigen «ersten Schritte» zu tun.

Von: Hans Strub

4. Dezember

Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Jesaja 41,10

Schon am zweiten Tag der Adventszeit wird uns jener Satz zugerufen, der in der Weihnachtsgeschichte dann seine Kulmination hat: Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Ein wundervoller Satz von Gott, gerichtet an seinen «Diener Jakob», der aber hier und auch später für das ganze Volk steht.
Diesem Volk also, das im Finstern wandelt (wie es in einem Weihnachtslied heissen wird), wird in mehreren Anläufen laut und deutlich gesagt: Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir! Hab keine Angst, denn ich bin dein Gott! Ich mache dich stark, ja, ich stehe dir bei! Ja, ich halte dich mit der rechten Hand meiner Gerechtigkeit! Vier Mal ein Ausrufezeichen, vier Mal eine Versicherung, die immer umfassender wird. Vier Mal eine Verheissung gegen die Angst vor der Zukunft, vier Mal die Zusage einer gerechten Welt! Aus Gottes Hand.

Dieser so besondere Ruf Gottes an die Menschen damals darf auch heute genau so verstanden werden: Gott lässt die Welt und die Menschen nicht fallen. Nie! Dieses grossartige Versprechen ist aber gleichzeitig eine Aufforderung und Herausforderung an die, die es hören: Vergeudet eure Lebenszeit nicht mit Angsthaben, sondern schöpft daraus Mut zum Handeln! Baut mit an der neuen Welt und an der Gerechtigkeit! Ihr werdet eine Zukunft haben, sie wird Realität, weil Gott es so will.

von: Hans Strub

3. Dezember

Der HERR wird Zion wieder trösten. Sacharja 1,17

Erster Advent – und Sacharja, der auch anders kann, gibt einen Friedensgruss von Gott weiter: Meine Städte werden noch überfliessen von Gutem, und der Herr wird Zion noch trösten und Jerusalem noch erwählen! Das «noch» ist die Friedensverheissung. Denn jetzt, so sagt der Prophet, gilt weiterhin der Zorn Gottes über die treulosen Städte in Israels Landen. Aber ihr könnt darauf vertrauen, Gott wird das schon noch ändern. Dann wird das Gute im Überfluss da sein, und zwar schlicht überall!
Ein solches Wort am Anfang der Adventszeit zu hören und zu verinnerlichen, tut gut, damals wie heute. Denn auch heute liegt vieles im Argen und bedrückt viele. Und viele fragen sich mit grosser Sorge, ob das je einmal ein Ende haben wird. Und da kommt dieses Gotteswort und sagt: Ja, es wird! Und es wird ein gutes Ende haben, obwohl es jetzt gerade nicht den Anschein macht. Für Gott aber ist das möglich. Es wird eine neue Zeit kommen, darauf ist Verlass. Sie ist noch nicht da, aber sie ist zugesagt. Damit sind die Sorgen nicht einfach weggewischt und verschwinden wie von selbst. Aber neben ihnen oder hinter ihnen ersteht etwas anderes. Etwas Neues, das noch keine festen Konturen hat – aber das wir hören und in unser Herz hineinnehmen können.
Ein starker Funke Hoffnung, der auf diejenigen überspringen kann, die davon hören. Also heute auf uns!

von: Hans Strub

11. November

Jakob zog seinen Weg. Und es begegneten ihm
die Engel Gottes. 1. Mose 32,2

«I have a dream and I believe in angels…» So sangen ABBA vor vielen Jahren, so sang eine Frau heute an der Beerdigung von Heinz. Er hat mit seinem frühen Tod rechnen müssen, er hat seine Sachen rechtzeitig geordnet, er ist ruhig gegangen. Im Vertrauen, dass es ihm gut ergehen wird. Das hat mich tief beeindruckt. Und dann lese ich diesen lakonischen Satz von heute und denke: wie Heinz. Jakob hat eine schwierige Lebenszeit hinter sich mit viel Unrecht, viel List, viel Schmerz, den er bereitet hat. Nun ist er auf dem Weg zu seinem Bruder, den er um das Recht der Erstgeburt schändlich betrogen hatte und deshalb ausser Landes flüchten musste. Auf seinem Weg hatte er den berühmten Traum mit der Himmelsleiter (1. Mose 28,10 ff.). Auf ihr stiegen die Boten Gottes, die Engel, auf und ab. Und Gott versprach ihm Begleitung und Schutz, wohin er auch ginge. Und jetzt, da er sich der Grenze zum Bruderland nähert, vertraut er diesen Boten. Vertraut, dass sie ihn durch alle Schwierigkeiten, die kommen werden, hindurchbegleiten. Weil Gott das zugesagt hat. Das Lied heute vom Glauben an diese Engel hat die Anwesenden
richtiggehend erfasst und angerührt. Denn es macht Mut zu solchem Vertrauen. Weil es in Gott begründet ist. Dann konnten sie nach der Beerdigung «ihrer Wege gehen». Mir selbst war es, als ob uns fein ein Engel gestreift hätte…

von: Hans Strub

10. November

Weh denen, die weise sind in ihren eigenen Augen
und halten sich selbst für klug! Jesaja 5,21

Der Satz trifft. Ich kenne solche, denen dieser Ruf gilt. Manchmal bin ich selbst einer von ihnen. Wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mir selbst in Gedanken auf die Schulter klopfe im Gefühl, das war gut, was da eben war. Und es war nicht bloss Einbildung oder grundlose Selbstüberhöhung, es war tatsächlich gelungen, eine in meinen Augen tolle Idee durch die Teamsitzung zu bringen! Und dann lese ich diesen Satz und halte erschrocken inne. Dass ich dieser Haltung hier als Wehruf begegne, trifft mich. Ich kann mich ärgern und ihn unwirsch vom Tisch fegen wollen, es bringt nichts. Er steht weiter unmissverständlich da. Ich kann mich aber auf ihn einlassen und ihn wirken lassen. Aus dem Zusammenhang sagt er mir sehr klar, dass ich meine Weisheit nicht aus mir selbst schöpfe. Dass ich sie erhalten habe, dass sie mir geschenkt worden ist. Und dass ich sie im entscheidenden Moment abrufen konnte. Aus dem Ärger ersteht langsam eine Demut. Auch wenn der Wehruf des Propheten hart ist, ist er nicht das Ende! Im Gegenteil: Er nötigt mich, selbstkritisch zu sein. Und er ermöglicht mir eine Veränderung. Was auf das erste Hinhören wie eine Verurteilung tönt, bietet mir eine neue Chance. Macht mir bewusst, dass meine Klugheit eine Gabe ist, die ich einsetzen kann – als Entsprechung und aus Dankbarkeit.

von: Hans Strub

4. Oktober

Der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land,
ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser
in der Tiefe.
5. Mose 8,7

Am Ende des langen Abschnitts, aus dem unser Vers stammt,
steht die «Erklärung», weshalb dieser Abschnitt aus der
Schlussrede des Mose vor dem Übergang ins verheissene
Kanaan notwendig ist: Du (Israel) bist ein halsstarriges Volk
(Vers 9,6). Auch nach vierzig Jahren Wanderung durch wüstes
Land ohne Wasser, ohne Vegetation, hat das aus der
Sklaverei herausgeführte Volk die Dankbarkeit nicht hervorgebracht,
die eigentlich selbstverständlich wäre. Denn, wird
hier gesagt, dass es nun so weit gekommen ist, ist in keiner
Weise das Verdienst dieser Menschen. Und schon gar
nicht, dass jetzt, ennet dem Jordan, ein Land wartet, wo
alles anders und Wasser und noch viel mehr im Überfluss
da sein wird. Es ist Gott allein, dem dieser ganze wundersame
Vorgang zu verdanken ist. Es gibt keinen Anspruch
auf dieses Land! Es wird ein weiteres Geschenk sein von
Gott, wie seinerzeit das Manna vom Himmel und das Wasser
aus dem Felsen. Das sollt ihr nie vergessen, mahnt der
bald sterbende Anführer. Seine Worte gelten weit über den
damaligen konkreten
Anlass hinaus: Was wir haben und
nutzen können, ist Gottesgeschenk.
Das zu vergessen, wäre
Undank – auch von uns.

Von: Hans Strub

3. Oktober

Bewahre mich, Gott; denn ich traue auf dich.
Psalm 16,1

Wer Gott bittet, «bewahrt» zu werden, lebt in einem unsicheren
Zustand. Ist sich bewusst, dass die Zukunft nicht
einfach feststeht, sondern sich jederzeit anders entwickeln
kann als erwünscht und erhofft. Gott soll mich in seinen
Schutz nehmen, mich an einen sicheren Ort geleiten oder
mir Gewissheit geben, dass ich nicht allein und allen möglichen
Gefahren ausgeliefert bin. Ich bin, so wie der Psalmist
hier, darauf angewiesen, dass Gott mich in seine Obhut
nimmt. Und ich bitte darum, dass er mich gut und sorgsam
bewahrt, so wie ich selber einen kostbaren Gegenstand
sorgfältig verwahre. Ich kann unseren Gott darum bitten,
weil ich zutiefst überzeugt bin, dass das möglich ist. Ich
traue es Gott zu, denn er steht fest in jedem Sturm meines
Lebens und hält treu zu mir. Auch dann, wenn ich es
«nicht verdient» habe. Denn genau darum geht es bei diesem
Wort: Ich muss mich Gott nicht «würdig» zeigen – ich
kann darauf bauen, dass er mich kennt und erkennt. Und ich
kann jederzeit und überall bitten. Beten. Meine geschwächte
Zuversicht zugeben, aussprechen. Im Wissen darum, dass ich
nichts verbergen muss vor Gott, was er nicht schon kennt.
Die indogermanische Wurzel «tr*» in «trauen/treu» sagt
genau das aus: Gott ist da wie ein starker Baum, der nie
fällt, an den ich anlehnen kann und der mir zum sicheren
Ort wird.

Von: Hans Strub