1. Januar

Der HERR wird aufheben die Schmach
seines Volks in allen Landen.
Jesaja 25,8

Es ist eine opulente Vision der Hoffnung, die der Prophet ins Bild setzt. Gott wendet sich allen Völkern zu und bereitet ihnen auf dem Berg «ein fettes Mahl» (Jesaja 25,6). Die Menschen sollen sich nicht nur satt essen, Gott will sie auch befreien von der Schmach, die sie erlitten haben, und von der Angst vor dem Tod: «Den Tod hat er für immer verschlungen, und die Tränen wird Gott der Herr von allen Gesichtern wischen.» (Jesaja 25,8)
Die aufscheinende Jenseitshoffnung leuchtet hell mitten ins Diesseits, ins Leben und in die Welt hinein. Sie will die dunkle Macht der Gewalt, der Vergeltung und des Todes brechen. Und sie verspricht all jene zu sättigen, die hungern nach Brot und nach Gerechtigkeit.
Das Versprechen vom göttlichen Mahl, das den Hunger stillt und vom Joch der Unterdrückung befreit, ist das Bild, das all jene Menschen eint, die an der Gewissheit festhalten, dass eine andere Welt möglich ist: in der geteilt statt geraubt, versöhnt statt vergolten, Frieden gestiftet statt Zwietracht gesät wird. Der Weg auf diesen Gipfel ist weit; wer ihn geht, rutscht immer wieder ab. Doch Gott kommt entgegen und schenkt den Mut, weiterzugehen und sich von der Hoffnung immer wieder neu berühren und bewegen zu lassen.

Von: Felix Reich

31. Dezember

Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden
Gottes Kinder heissen. Matthäus 5,9

Was für eine grossartige Zusage an Friedensstiftende! Und
wie nötig sind sie! An verschiedensten Orten der leidenden
Welt ist beim Schreiben dieses Textes alles andere als Frieden
in Sicht; im Nahen Osten, in der Ukraine, im Südsudan, in
den politisch zweigeteilten USA, für die Frauen in Afghanistan
oder im Iran. Die Liste ist lang.
Auf welche Friedensstiftenden setzen wir Hoffnung? Auf
die mächtigen Selbstinszenierer? – Kaum, sie sind gefangen
in ihrem Herrschaftswahn und ihrem Narzissmus. Auf die
Kirchen? – Sie sind zu marginal geworden. Auf die Demokratie?
– Auch sie ist mehrfach gefährdet! Oder hilft der Glaube?
Wir werden auf viele mutige Menschen zählen müssen, die
bereit sind, Frieden zu schaffen, wo sie können, Gesprächskultur
zu pflegen, zu geben und nicht nur zu nehmen. Das
beginnt auch bei uns selbst. Zum Schluss lasse ich für das
neue Jahr eines meiner Lieblingslieder aus dem Kirchengesangbuch
sprechen:
Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns auf unsern
Wegen. Sei Quelle und Brot in Wüstennot, sei um uns mit
deinem Segen.
Bewahre uns, Gott, behüte uns Gott, sei mit uns vor allem
Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns
zu erlösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns,
uns zu erlösen.

Von: Bernhard Egg

30. Dezember

Der HERR sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen
Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 2. Mose 33,17

Für mich ist die Klarheit, mit der hier der Dialog zwischen
Menschen und Gott dargestellt wird, stets eines der faszinierenden
Elemente jüdischen Glaubens. Die heutige Losung
ist in ihrem Vor- und Nachlauf eine deutliche Beschreibung
dafür. Mose debattiert mit Gott darüber, was Gnade für
ihn für Folgen hat. Was bedeutet, Gnade vor Gott gefunden
zu haben? Da ist das persönliche Angenommensein,
um das Mose weiss. Dies, verbunden mit der Aussage «Ich
kenne dich mit Namen», ist ihm zugleich Verlangen nach
mehr. Wenn Gott betont, dass er Mose im Blick hat und
dieser Gnade vor seinen Augen gefunden hat, dann, so Mose,
soll er sich ihm gefälligst zeigen. Mose fordert einen Beweis
für Gottes Gnade. Das ist uns nicht ganz unbekannt. Der
Ausgang der Geschichte aber ist bekannt: Gott verweigert
Sichtbarkeit. Vielmehr fordert er, dass sich Mose auf einmal
gemachte Zusagen einlässt. Dieses Einlassen ist es, was
für mich Vertrauen in Gott heisst. Die Passage, aus der die
Losung stammt, enthält einen weiteren, mich beeindruckenden
Aspekt. Gott verweigert Mose den Blick ins Angesicht,
er verweigert ihm aber nicht den Blick im Nachhinein. Dort,
wo erkennbar wird, dass Gott in unserem Leben vorübergegangen
ist, uns kennt und uns begleitet hat.
Wie war das 2025? Wie in unserem bisherigen Leben?

Von: Gert Rüppell

29. Dezember

Die Kraft des Herrn war in Jesus, dass er heilen konnte.
Lukas 5,17

Was für ein schöner, schlichter Satz! Er lässt ahnen, aus welcher
Quelle Jesus gelebt und gehandelt hat. Die Kunde vom
wunderheilenden Rabbi verbreitet sich in Windeseile. Er
ist ein Hoffnungsschimmer für ein Heer von Kranken, Blinden,
Gebrechlichen, Verkrüppelten in einer Zeit, in der es
kaum wirksame Mittel dagegen gibt, schon gar nicht für die
Armen. Sie kommen, weil sie krank sind. Aber sie bekommen
weit mehr als die Wiederherstellung der Gesundheit. Die
«Kraft des Herrn» weckt in ihnen Glauben, Freude, Frieden,
Gotteslob und Gottvertrauen.
Zwei Beispiele unmittelbar vor und nach dem Losungstext:
Der Aussätzige, der sich ja den Menschen gar nicht nähern
darf, mutet sich Jesus zu: «Herr, wenn du willst, kannst du
mich gesund machen.» «Ich will es, sei rein», sagt Jesus. – Die
Männer, die ihren gelähmten Freund durchs Dach hinunter
direkt vor Jesus hinlegen: Er staunt über ihren Glauben! Dem
Gelähmten spricht er Vergebung der Sünden zu, warum,
weiss wohl nur dieser selbst. Die anwesenden Pharisäer aber
sind empört. Sie können und wollen «die Kraft des Herrn,
die in Jesus war» nicht gelten lassen. Dass der Gelähmte
gesund wird, ist dann aber nicht zu widerlegen: «Steh auf»,
sagt Jesus, «nimm dein Bett und geh nach Hause!» Und der
steht auf, nimmt sein Lager und geht. Er hat verstanden, aus
welcher Kraft die Heilung kommt: Er preist Gott. Ich denke,
er hat auf dem Heimweg gesungen.

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

28. Dezember

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder
einträchtig beieinander wohnen! Denn dort verheisst
der HERR Segen und Leben bis in Ewigkeit. Psalm 133,1.3

Der kurze Psalm 133 ist mit «Wallfahrtslied» überschrieben.
Ich stelle sie mir vor, die Brüder, wie sie fröhlich singend nach
Jerusalem zum Tempelberg hinaufpilgern. – Ob sie etwas
von der Hochstimmung vom Fest mit nach Hause genommen
haben? Und wieder zu Hause, haben sie da «einträchtig
beieinander gewohnt»?
In einer Agrargesellschaft, in der jede Arbeitskraft zählt,
ist einvernehmliches Miteinander überlebenswichtig. Aber
selbstverständlich ist es deswegen noch lange nicht. Es fallen
mir mehr problematische, gar desaströse biblische Beispiele
ein als geglückte: Kain und Abel, da nahm das Verhängnis
seinen Anfang. Esau und Jakob. Die zwölf Söhne Jakobs, die
ihrem Vater so viel Kummer bereiteten (an dem er aber auch
beteiligt war).
Psalm 133 enthält keine Ermahnung, keine Zurechtweisung,
kein Gebot. Er erinnert eher an eine Seligpreisung: Glücklich
die Geschwister, die einander Gutes gönnen, die Gemeinsinn
vor Eigensinn stellen.
Paulus sprach die Gläubigen als «Brüder» an, die Schwestern
hatte er noch nicht im Blick. Auch unter ihnen ging
und geht es nicht immer «fein und lieblich» zu, ist Eintracht
nicht selbstverständlich. Aber sie ist es wert, gesucht zu werden,
denn sie hat ein Ziel und eine Verheissung: «Segen und
Leben bis in Ewigkeit».

Von: Dorothee Degen-Zimmermann

27. Dezember

Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN;
ich preise deine Gerechtigkeit allein. Psalm 71,16

In der christlichen Kirche beten wir die Psalmen der hebräischen
Bibel und der jüdischen Tradition mit. Ich stelle mir
vor, wie sich die christlichen Gemeinden in Gaza in schweren
Zeiten des Ausharrens, in der Sorge um die Allerschwächsten
der Gesellschaft und in grauenvollen Momenten der Vertreibung
in den Worten des Psalms 71 wiederfinden.
«Gott, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden
werden. Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf
mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! Sei mir ein
starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt
hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.
Mein Gott, hilf mir aus der Hand des Gottlosen, aus der
Hand des Ungerechten und Tyrannen. (…) Du lässest mich
erfahren viel Angst und Not und machst mich wieder lebendig
und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.»
Als würde er auf Psalm 71 Bezug nehmen, sagt der
römisch-katholische Pater Gabriel Romanelli in Gaza: «Wir
werden hier mit grosser Einfachheit und Demut weitermachen.
Es ist nicht leicht, aber wir sind in Gottes Händen und
vertrauen darauf, dass all dies eines Tages mit der Hilfe vieler
guter Menschen auf der Welt ein Ende haben wird.»

Von: Matthias Hui

26. Dezember

Alle, die im Hohen Rat sassen, blickten auf Stephanus
und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.
Apostelgeschichte 6,15

Heute ist Stephanstag. Die Verlängerung der Weihnachtstage
ist willkommen. Aber was ist der Hintergrund des Feiertags?
Stephanus wurde in Jerusalem hingerichtet. So wurde er zum
ersten Märtyrer in der jungen christlichen Gemeinschaft, die
immer noch Teil der jüdischen Gesellschaft war. Stephanus
war begeisterter Anhänger von Jesus. Auch sich selbst verstand
er – so jedenfalls lesen wir in der Apostelgeschichte –
als in der prophetischen jüdischen Tradition verankert.
In den Augen von Stephanus steht die Befreiungsgeschichte
Gottes mit den Menschen Institutionen wie dem
Hohen Rat und religiösen Kulten gegenüber, die Menschen
Macht über andere verleihen. Diese Gegensätzlichkeit verläuft
mitten durch religiöse Traditionen. Es geht nicht um
Gräben zwischen scheinbar homogenen Religionen. Jedenfalls
so lange, wie nicht alle Anhänger:innen einer Religion
wegen ihrer Zugehörigkeit kollektiv verfolgt werden.
Die Figur Stephanus wurde oft für eine angeblich wesenhafte
Unvereinbarkeit von Christentum und Judentum missbraucht.
Von antijüdischen christlichen Lesarten der Bibel
erstrecken sich tödliche Linien bis zum Holocaust. Noch
immer gibt es christlichen Antijudaismus. Stephanus verkörpert
– ganz im Geist von Weihnachten – völlig anderes: den
Glauben an die Überwindung der Mächte des Todes. Auch
im Bereich der eigenen Religion.

Von: Matthias Hui

25. Dezember

Bringe uns, HERR, zu dir zurück, dass wir wieder
heimkommen; erneure unsre Tage wie vor alters!
Klagelieder 5,21

Genau das tut Gott! Heute an Weihnachten feiern wir, wie
Gott es tut. Er bringt uns nicht zurück zu sich, sondern bringt
sich zu uns, bringt sich im Kindlein zur Welt. Die Klagenden
kehren nicht einfach in etwas zurück, das sie verloren haben.
Sie werden in ihrer Verlorenheit mit Licht beschenkt. Gott
füllt ihre Leere mit seiner Gegenwart. Und alles erscheint in
neuem Licht, weil nichts mehr gottfern und gottlos, sondern
alles gottvoll ist.
Alle Heimatlosen und Vertriebenen, alle Verlorenen und
Verirrten, alle Geplagten und Erschöpften, aber auch die
Satten und Stolzen, die Zufriedenen und Erfolgreichen – sie
alle bekommen diese Gottesgegenwart geschenkt. Manche
sind viel zu beschäftigt, das Geschenk entgegenzunehmen,
und sie lassen es achtlos irgendwo liegen.
Doch immer wieder begreift die eine oder der andere, was
sie da in Händen und im Herzen halten, und ihre Klage verwandelt
sich in den Weihnachtsjubel: Gott lässt uns nicht
im Alten, Bekannten, Abgenutzten sitzen, sondern – wie
wir im Weihnachtslied «Lobt Gott, ihr Christen allzugleich»
singen: «… heut schleusst er wieder auf die Tür zum schönen
Paradeis».

Von: Benedict Schubert

24. Dezember

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit
als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

Nicht mit einem Wort kommt Gott in die Welt, sondern
mit einem Schrei. Weihnachten ist das Fest des Wunders der
Geburt. Mit dem Schrei der Bedürftigkeit kommt das Kind
in die Welt, ausgeliefert und verletzlich. Es ist darauf angewiesen,
dass es auch ohne Worte verstanden wird.
Lange bevor es eigene Worte findet, erfährt das Kind die
Kraft der Worte. Es erkennt, dass Worte Zuwendung bedeuten
können und wie heilsam gutes Zureden sein kann. Es
lauscht dem Durcheinander der Stimmen. Es beobachtet,
wie Worte hin und her fliegen können, wie sie verletzen und
versöhnen, verhöhnen und stärken, klären und verwirren
können.
Jenes Kind, das im Stall von Bethlehem zur Welt gekommen
ist, findet später eigene Worte. Seine Worte rütteln auf
und provozieren, lassen Wahrheiten aufscheinen, stärken
den Glauben, dass eine andere Welt möglich ist. Sie heilen,
schenken Hoffnung und lassen das Himmelreich anbrechen,
indem sie Menschen bewegen und dazu ermutigen, sich in
Liebe einander zuzuwenden, Grenzen zu überwinden, Frieden
zu stiften. Mit jedem Wort.

Von: Felix Reich

23. Dezember

Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR,
und arbeitet! Denn ich bin mit euch. Haggai 2,4

Der Wideraufbau des Tempels benötigt Kraft und Mut. Es
sind unsichere Zeiten, die Welt ist im Umbruch, die politische
Situation unbeständig. Im Volk wächst der Widerstand
gegen das Bauprojekt. Der Prophet Haggai redet gegen die
Skepsis an und versucht den Einwand zu zerstreuen, dass der
Neubau nicht an die Herrlichkeit des alten Tempels heranreichen
werde.
Kirchen werden zurzeit kaum neu gebaut. Zumindest nicht
hierzulande. Einige Kirchen erscheinen inzwischen gar zu
gross, sind vielleicht sogar überflüssig geworden. Ideen für
eine neue Nutzung gibt es zwar viele. Oft aber scheitern sie
am fehlenden Mut und an der Nostalgie. Denn eine Kirche
loszulassen, schmerzt. Und eine Nutzung zu finden, die keine
Risiken mit sich bringt, ist eigentlich unmöglich.
Vielleicht braucht es deshalb vermehrt Prophetinnen und
Propheten, die gegen Verlustängste und Verzagtheit anreden.
Und dazu ermutigen, die Zeit des Umbruchs, in der
die Institution Kirche steckt, mit jener Zuversicht, die der
Prophet Haggai einfordert, anzugehen. So wächst das Vertrauen,
dass für jede Kirche gilt, was Gott für den neuen
Tempel verspricht: «Und an dieser Stätte werde ich Frieden
schenken!» (Haggai 2,9)
Kirchen, Moscheen, Synagogen als Orte des Friedens: Das
genügt als Nutzungsbedingung.

Von: Felix Reich