Schlagwort: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Januar

Ich harrte des HERRN, und er neigte sich zu mir
und hörte mein Schreien.
Psalm 40,2

David hat Schweres erlebt. Er schreit zu Gott und bittet um sein Eingreifen. Und Gott, die Lebendige, hat sein Schreien gehört. Es sind zwei Gedankenstränge, die mir entgegenkommen. Der erste ist das Harren, ist mehr als warten. Es ist die innere Stimme, die schreit. David hofft aktiv auf Gottes Eingreifen. Er tut etwas. Er gibt seiner inneren Stimme Raum. Habe ich das Harren weggesteckt in meinem Herzen? Oder kann ich mir Zeit nehmen, um auf die innere Stimme zu hören, und ihr die Bedeutung geben, die ihr zusteht? Der zweite Gedankenstrang betrifft das Zuhören. Wie befreiend ist es doch, wenn mir jemand zuhört, auf meine Klagen eingeht, wenn es mir nicht gut geht! Hörende Menschen, die sich zu mir neigen, sind ein Geschenk. Nur ist da so oft auch etwas dazwischen. Ich will nicht klagen, ich muss doch stark sein, ich will gar nicht, dass jemand sich zu mir neigt, es könnte heissen, dass ich etwas ändern muss. Und: Kann ich zuhören, ohne von mir zu reden, oder habe ich das verlernt? Die Lebendige neigt sich uns zu. Der Psalm spricht von Errettung aus dem Leid. Aus dem Zuhören Gottes erwächst Kraft, Hoffnung, Würde. Und wie heisst es doch in einem alten Lied:
«Harre, meine Seele, harre des Herrn, alles ihm befehle, hilft er doch so gern. Sei unverzagt, bald der Morgen tagt.»

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Januar

HERR, deine Augen, sind sie nicht auf Treue gerichtet? Jeremia 5,3

In Jerusalem sind die Strassen leer. Es sind nur Heuchler und Lügner zu finden. Gott hat sie geschlagen, aber es schmerzt sie nicht. Ihre Gesichter sind so hart wie Fels. Da hinein fragt der Prophet, ob Gottes Augen nicht auf Treue gerichtet seien. Die verstörenden Bilder beschreiben, wie das Volk von Gott abgefallen ist. Lange musste ich darüber nachdenken, welches Bild von Gott in diesem Text beleuchtet wird. Gott hat das Volk bestraft. Wieder kommen mir, wenn ich den Text weiterlese, verstörende Bilder entgegen, diesmal in der Rede Gottes, der Lebendigen. Sie fragt, ob sie das Volk nicht bestrafen soll. Und da finde ich in dieser Rede eine Antwort: Die Missetaten sollen geahndet werden. Die Ernte soll Einbussen haben, aber nicht vernichtet werden. Das ist der Weg, den die Lebendige dem Volk zumutet. Sie vernichtet nicht!
Gott, die Lebendige, mutet den Menschen schwierige Situationen zu, Situationen, die auch Fehler enthalten. Ich denke an die vielen Kriege, Verletzungen der Menschenrechte, Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Auf Treue gegenüber der Lebendigen sind meine Augen gerichtet, denn sie vernichtet nicht. Und so wird die heutige Losung zu einem Hoffnungswort, Hoffnung auf Leben.

Danke, dass du nicht vernichtest, sondern die Menschen liebst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Dezember

Kinder, die das Gesetz nicht kennen, sollen es auch
hören und lernen, den HERRN, euren Gott zu fürchten
alle Tage. 5. Mose 31,12

Im Kapitel, aus dem die heutige Losung stammt, findet ein
Generationenwechsel statt. Gott sagt, dass Mose jetzt alt
sei und den Jordan nicht überschreiten werde. Josua soll
sein Nachfolger werden. Dieser wird in sein Amt eingesetzt.
Dabei weist Mose auf das Gesetz hin. Er erwähnt speziell die
Unterweisung der Kinder. Die nächste Generation soll den
Gott des Lebens kennen lernen und mit ihm unterwegs sein.
Jeder Generationenwechsel ist wohl geprägt vom Wunsch,
dass die nächste Generation die Werte hochhält, die ihnen
von den Eltern mitgegeben werden.
Mir ging das so. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass ich
den Weg der Kinder nicht vorzeichnen kann. Sie sollten frei
sein und ihren ganz eigenen Weg suchen. Das war vielleicht
auch zur Zeit von Mose und Josua so, denn es gehört zum
Leben, dass die jungen Menschen ihre Persönlichkeit entfalten
und auch andere Wege gehen als ihre Eltern. Mose
war wichtig, dass sie das Gesetz lernen. Das sehen wir heute
bestimmt anders. Wir sind mit den nächsten Generationen
im Gespräch und entdecken dabei immer wieder ihre eigenen
Persönlichkeiten. Wenn es gelingt, uns dabei am Gott
des Lebens zu orientieren, schenkt er Kraft für den Weg.
Begleite du die jungen Menschen auf ihrem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Dezember

Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen,
der auf euch kommen wird. Apostelgeschichte 1,8

Der Vers des Lehrtextes geht noch weiter: «Ihr werdet meine
Zeugen sein in Jerusalem, in Judäa, in Samaria und bis ans
Ende der Welt.» So stark ist die Kraft des Geistes, der von
Gott, der Lebendigen, kommt. Er soll den Jünger:innen Kraft
schenken, Kraft, die Botschaft und das Leben, Sterben und
Auferstehen von Jesus weiterzutragen und dafür geradezustehen.
Diese Botschaft richtet sich auch heute an uns.
Sie kann sogar gesungen werden. Für mich wird sie immer
wieder zum Ohrwurm. Ich glaube, das ist gar nicht schlecht,
denn ich bekomme durch sie Kraft. Mich beschäftigt aber
auch, wie ich denn Zeugin sein kann. Der Vers ist ganz präzis:
Zeugin für Jesus, Zeugin, dass er den Tod überwunden
hat. Und sogleich stellt sich die Frage, wie ich das leben
kann in der Welt, wo die Werte der Menschen doch oft bei
materiellen Dingen sind und bei Technologien, die ich überhaupt
nicht verstehe. Und doch nehme ich wahr, dass junge
Menschen sich engagieren für das Leben, auch das Leben
der Menschen im globalen Süden. Aber eigentlich singe ich
den Ohrwurm in meinem Alltag und versuche, diesen so zu
gestalten, dass das Leben der Mitmenschen, das Leben der
Natur, das Leben der leidenden Menschen zentral ist.
Schenke du uns deinen Geist, der uns Kraft und Freude gibt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. November

h werde wandeln vor dem HERRN
im Lande der Lebendigen. Psalm 116,9

Die Zürcher Bibel übersetzt die heutige Losung so: «Ich darf
einhergehen vor dem Herrn im Lande der Lebenden.» Der
Dichter oder die Dichterin hat Gerechtigkeit erfahren von
Gott. Das stärkt und öffnet den Blick für das Leben. «Gott,
die Lebendige, behütet die Einfältigen; bin ich schwach, so
hilft er mir.» (Vers 5)
Mit den Lebenden sind wir auf dem Weg. Manchmal, so
denke ich, gehöre ich einfach zu den Einfältigen des Glaubens,
weil ich ohne grosse Umschweife die Lebendige um
ihren Beistand bitte, ihr danke, dass ich zu ihr beten darf,
um dann den Weg weiter zu gehen. Wir sind umgeben von
einer wachsenden Kultur des Todes. All die Kriege, die Verletzungen
der Menschenrechte, das Machtdenken, welches
das Denken an die Menschen verhindert.
Sollen wir da noch vom Lande der Lebenden reden, wir in
unserer privilegierten Situation? Ja, das sollen wir. Wir sollen
für die Leidenden bitten, an sie denken, sie in unserem
Herzen tragen.
Das Land der Lebenden auf der ganzen Welt ist in Gottes
Hand, denn die Lebendige ist barmherzig und gerecht. In
diesem Beten sind auch unsere Zweifel und Gefühle der
Ohnmacht aufgehoben. Aber wir gehen mit Gott.
Sei du bei allen Menschen, deren Leben bedroht ist, schenke
ihnen deine Barmherzigkeit.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. November

Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel,
und mein Fürsprecher ist in der Höhe. Hiob 16,19

Hiob ist im Gespräch mit Elifas, seinem Freund. Es ist eine
Klage. Hiob hat alles verloren, was das Leben ausmacht. Er
ist krank und verfolgt von seinen Feinden. In dieser aussichtslosen
Situation fühlt er sich auch von Gott verlassen,
ja noch mehr: Er ist der Überzeugung, dass Gott nicht mehr
zu ihm hält. Er fragt nicht, was er falsch gemacht habe. Er
entwickelt auch keine Aktivität, schmeisst den Bettel nicht
hin. Vielmehr sagt er zu seinem Freund, dass er im Himmel
einen Fürsprecher hat. Vielleicht ist es ein Engel. Ein Fürsprecher
schaut genau hin, damit er sich für seinen Klienten
einsetzen kann. Und ein Zeuge schaut ebenfalls genau hin,
denn auf ihn soll Verlass sein. Die Situation ist nach wie vor
schwierig. Doch Hiob lässt nicht locker. Er weiss, dass sowohl
der Fürsprecher als auch der Zeuge mit ihm unterwegs sind.
Aushalten, beharrlich sein, der Schwierigkeit nicht davonlaufen,
nicht in Aktivismus verfallen, von alledem erzählt Hiob.
Und er bleibt im Gespräch sowohl mit seinem Freund als
auch mit Gott.
Und noch etwas: Er bittet nicht um Kraft, sondern vertraut
darauf, dass sie irgendwann wiederkommt. Von Hiob lerne
ich, nicht wegzulaufen, wenn es Schwierigkeiten gibt. Und
ich lerne, dass es nicht bloss um das Aushalten geht, sondern
um das Aufbauen von Vertrauen.
Sei du auch ein Zeuge für uns.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Oktober

Salomo betete: Du hast deinem Knecht, meinem Vater David, gehalten, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. 1. Könige 8,24

Salomo lädt ein zur feierlichen Eröffnung des Tempels. Die Bundeslade soll dort ihren Platz erhalten. Sie wird in den heiligsten Teil des Tempels gebracht. Da betet Salomo so, wie es die heutige Losung wiedergibt. Die Bundeslade zeugt von Gottes Grösse und dem Bund, den er mit Mose geschlossen hat. In seinem Gebet bittet Salomo um Beistand bei Krieg und bei Katastrophen. Kann die Lade im Tempel eingeschlossen sein? Kann unsere Bibel einfach in der Kirche liegen?
Ich erinnere mich, wie meine Grossmutter bei starken Gewittern jeweils die Bibel auf den Stubentisch legte und wir uns um den Tisch versammelten. Für mich war das so etwas wie eine Versicherung. Es war aber auch das Zeichen, dass die Bibel in die Stube gehört oder vielmehr in den Alltag, in unser Leben. Zwar gehöre auch ich nicht zu den fleissigen Leser:innen. Aber es gibt viele Texte und Geschichten, mit denen ich lebe, die mir Kraft schenken, mir das Herz öffnen. Vielleicht ist es das, was wir aus dem Gebet Salomos mitnehmen können: Gott, die Lebendige, hat mit den Menschen gesprochen und ihnen wertvolle, liebende Gedanken mitgegeben. Um dies wahrzunehmen, lohnt es sich, hie und da in die frohe Botschaft einzutauchen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Oktober

Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde,
und an wem ist der Arm des HERRN offenbart?
Jesaja 53,1

Das Gebet von Dietrich Bonhoeffer, das für heute als dritter Text im Losungsbüchlein steht, spricht mir aus dem Herzen: «Daran entscheidet sich heute Gewaltiges, ob wir Christen Kraft genug haben, der Welt zu bezeugen, dass wir keine Träumer und Wolkenwandler sind.»
Auch wenn wir nicht wissen, wem Gottes Arm offenbart ist, können wir an unserer Überzeugung festhalten. Festhalten daran, dass der Gott des Lebens uns die Kraft schenkt, uns für das Leben und die Würde der Menschen einzusetzen. Ob das genügend verkündigt wird, spielt keine so grosse Rolle. Unsere Stimme und unsere Kraft sind gefragt. Auch und gerade in der Situation, wie wir die zerrissene Welt und die vielen Kriege mit den leidenden und toten Menschen erfahren, zählt unsere Kraft.
Weil ich meine Stimme nicht mehr in der Öffentlichkeit erheben kann, brauche ich sie für das Gebet und für Gespräche mit den Menschen, die mit mir unterwegs sind. Eines wird mir aber immer klar bewusst: Kriege und Aufrüstung bringen keinen Frieden. Kürzlich habe ich gelesen, dass wir gescheiter von Abrüstung als von Aufrüstung reden sollen.
Der Arm Gottes, der Lebendigen, wird uns als Wegweiser dienen. Und mit dieser Überzeugung sind wir weder Träumer noch Wolkenwandler.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. September

Von Gott werde dir geholfen, und von
dem Allmächtigen seist du gesegnet.
1. Mose 49,25

Jakob, der Stammvater, segnet seine Söhne, jeden einzeln. Joseph bekommt diesen Segen mit auf seinen Weg. Er bekommt eine doppelte Zusage: Gott, die Lebendige, wird dir helfen. Und von Gott bist du gesegnet. Zusagen von Müttern und Vätern stärken den Rücken für den weiteren Weg. Diese Kraft kann uns niemand nehmen, auch wenn der Weg steinig ist. Wir können uns an Zusagen erinnern. Und wir sollen uns daran erinnern und an der Zusage festhalten. Denn sie stärkt den Glauben an das Leben. Den Segen Gottes erhalten wir als Geschenk. Er ist ein Gebet, das uns zeigt, dass die Gnade der Lebendigen mit uns ist. Der Segen lässt uns durchatmen, macht das Herz warm und öffnet die Augen für den weiteren Weg und die Menschen, die hier und weltweit mit uns unterwegs sind. Der Segen stärkt das Vertrauen und die Hoffnung auf ein Leben in Würde für alle Menschen.
Ich sage den Menschen, mit denen ich vertraut bin, gerne beim Abschied: «Bhüet di Gott.» Das ist mehr als ein Wunsch. Dieser Gruss ist tief verwurzelt in meinem Vertrauen auf die Lebendige und kommt von Herzen. Ich denke, Jakob hat es auch so oder ähnlich gemeint. Davon zeugt die weitere Geschichte von Joseph.
Gott, behüte uns auf unserem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. September

Ich will euch ein neues Herz und einen
neuen Geist in euch geben.
Hesekiel 36,26

Wenn ich das ganze Kapitel lese, schaudert es mich. Gott hat sein Volk in alle Nationen zerstreut. Es hat Mistgötzen gedient und ein grosses Blutvergiessen verursacht. Und jetzt will Gott das Volk wieder sammeln. Aber es geht ihm nicht um das Volk, sondern um seinen heiligen Namen.
Ich lasse das Bibelstudium und halte mich an die heutige Losung und nehme an, dass sie an uns gerichtet ist. Denn auch ich sehne mich nach einem neuen Geist. Es ist die Sehnsucht nach Vertrauen. Vertrauen in das Leben aller Menschen, Vertrauen in Gottes Handeln in unserer zerrütteten Welt, Vertrauen in die Kraft der Lebendigen. Vertrauen ist der Boden, auf dem Hoffnung wachsen kann.
Es geht mir aber nicht um mich, sondern ich bitte Gott, die Lebendige, für die Menschen, die jegliches Vertrauen und die Hoffnung verloren haben, Menschen, die flüchten müssen, immer wieder, Menschen, die Kriege erleiden müssen, für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Sie brauchen den Gott des Lebens; ihnen, den zerstreuten Menschen, gilt in erster Linie seine Liebe. Und mir soll der neue Geist Kraft schenken, damit ich mein Vertrauen stärken kann, um für die Menschen, ihre Würde, ihr Leben einzustehen.
Schenke du uns Vertrauen und Hoffnung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud