Kategorie: Texte

4. Juni

Du bist mein Vater, mein Gott und der Hort
meines Heils.
Psalm 89,27

Die heutige Losung ist einem Weisheitslied entnommen. Es
erinnert an den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen
hat. Die Zürcher Bibel spricht im heutigen Vers vom Felsen.
Gott als Felsen, Vater und Mutter. Im Altwerden erinnere
ich mich an Situationen, in denen meine Mutter und mein
Vater für mich ein Felsen waren. Etwa dann, wenn ein Elternteil
ernsthaft krank war und der andere der Felsen war. Zu
diesem Felsen gehört das Vertrauen. Vertrauen in Gott, die
Lebendige. Und so spricht der Psalm auch von Gnade. Vater
und Mutter können zuhören, können einen Konflikt wieder
wegstecken. Das ist vielleicht das wichtigste Merkmal des
Felsens, dass er oder sie uns annimmt, mit allem, was Leben
ausmacht. An uns ist es, immer wieder neu dieser Gnade,
von der auch der Psalm spricht, zu vertrauen. So können wir
Schweres überwinden und neue Kraft sammeln. Ich meine,
das gehört zur Weisheit.
Und noch etwas: Der Bund, den Gott mit seinem Volk
geschlossen hat, ist nicht eine Zusage an einen einzelnen
Menschen, sondern an das Volk. Also sind wir eingeladen,
auch von uns wegzuschauen hin zu den Menschen, die uns
hier und weltweit umgeben.
Dein ist der Himmel, dein auch die Erde. (Vers 12)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6,3

Jesaja hat eine Vision im Tempel. Er sieht den HERRN auf
seinem Thron und über ihm stehen Serafim, die einander
zurufen: «heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth!» Im Kommentar
lese ich, dass Jesaja ein Prophet war, auf den niemand
hören wollte. Denn eines seiner Ziele war, die Menschen zur
Umkehr zu bewegen. Aber was bedeutet «Umkehr»? Vertraute
Wege verlassen und neue Ziele erreichen? Mein Leben
ändern? Ganz einfach nachdenken und mir bewusst werden,
wo ich stehe. Zur Umkehr gehört auch, die Gemeinschaft
der Menschen hier und weltweit anzuschauen und sich zu
fragen, wie wir die Gemeinschaft gerecht gestalten können.
Und das wiederum bedeutet, aufzubrechen, die Stimme zu
erheben, selbst wenn scheinbar niemand sie hören will. Es ist
wohl etwas hoch gegriffen, wenn ich von den prophetischen
Stimmen spreche. Aber eines wünsche ich mir: dass die Kirchen
ihre Stimme erheben und Stellung beziehen zugunsten
der Menschen, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der
Schöpfung. Dass sie Menschen mitnehmen auf den Weg der
Umkehr, hin zum Nachdenken darüber, was der Prophet uns
sagen will. Dann singen wir gemeinsam Lieder und stimmen
das Lob Gottes, der Lebendigen, an, denn sie ist es, die uns
die Kraft schenkt, um den Weg weiterzugehen.

Danke, dass wir auf deine Stimme hören dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

2. Juni

Jesus sprach zu Zachäus: Heute ist diesem Hause
Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.
Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen
und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19,9–10

Jesus war nicht wählerisch beim Essen. Er hatte oft Hunger.
Heute und hierzulande sind wohl die meisten heikler als er.
In Lenzburg läuft noch bis Ende Oktober «Hauptsache
gesund. Eine Ausstellung mit Nebenwirkungen». Gesundheit
und Heilung von allen möglichen Krankheiten sind die
grossen Versprechen unserer Zeit. Sie erreichen bei manchen
Menschen die Stufe des Religionsersatzes. Dafür tun
sie fast alles. Dann kommen nur Superfood und perfekt
abgestimmte Spurenelemente auf den Tisch.
Zu naschen gibt es auf dem interaktiven Parcours im Stapferhaus
entweder Schoggi, völlig geschmacklose Vitaminpillen
oder fein gewürzte Heuschrecken wie seinerzeit bei
Johannes dem Täufer (Markus 1,6), leider ohne Honig.
Die Seligkeit hängt gerade nicht an dem, was auf den Tisch
kommt. Zachäus lernt, dass es auf den Gast ankommt, der
sich da so frech selbst eingeladen hat. Aber viele Gäste
zu haben, ist gesundheitsförderlich: «Der Fokus auf hundert
Prozent physiologische Gesundheit isoliert uns. Wir
unterschätzen den Einfluss der gemeinsamen Mahlzeit auf
die soziale Gesundheit. Dort wo die Leute besonders gesellig
leben, werden sie auch besonders alt.» (Prof. Gunther
Hirschfelder, Kulturwissenschaftler)

Von: Dörte Gebhard

1. Juni

Hanna betete: Ach, HERR Zebaot, sieh das Elend
deiner Magd an! Denk doch an mich und vergiss
deine Magd nicht! Schenk deiner Magd einen Sohn!
Dann will ich ihn dem HERRN überlassen sein
ganzes Leben lang.
1. Samuel 1,11

Hanna hat zum Leben zu wenig: kein Kind und damit keine
eigene Zukunft, kein Ansehen bei der anderen Frau ihres
Mannes und nach vielen Jahren keine Lebensfreude mehr.
Hanna hat zum Sterben zu viel: die wahrhaftige Liebe ihres
Mannes trotz ihrer Unfruchtbarkeit, das innige Gebet zu
Gott und ihre grosse Weisheit.
Sie hat schon als kinderlose Frau von Kindererziehung
mehr verstanden als viele Eltern. Denn kein Mensch kann
ein Kind haben. Es gehört den Eltern nicht. Ein Kind ist ihnen
von Gott anvertraut. Es ist eine Lebensaufgabe, eine Herausforderung,
ein Grund, täglich innig zu beten, aber niemals
Besitz. Hanna weiss das von vornherein. Vielleicht lässt sich
Klugheit von Erziehungsberechtigten zu allen Zeiten daran
messen, wann sie Hannas Weisheit zu verstehen beginnen:
wenn die Kinder das erste Mal auswärts übernachten, wenn
sie in die Schule kommen, wenn sie beginnen zu pubertieren
oder wenn sie von zu Hause ausziehen.
Hannas Weisheit wäre allerdings zu nichts nütze ohne ihr
Gottvertrauen. Sie wird den Sohn nicht irgendwann dem
Getümmel der Welt überlassen, sondern legt ihn Gott ans
Herz, schon bevor er ihr geboren wird. Aber auch wenn schon
Grosskinder auf der Welt sind, ist es dafür nicht zu spät.

Von: Dörte Gebhard

31. Mai

Die Reichen sollen Gutes tun, reich werden an
guten Werken, freigebig sein und ihren Sinn auf
das Gemeinwohl richten. So verschaffen sie sich eine
gute Grundlage für die Zukunft, die dazu dient,
das wahre Leben zu gewinnen.
1. Timotheus 6,18–19

Diese Sätze könnten geradezu von den Juso stammen.
Kritische junge Menschen haben in der Schweiz ein Volksbegehren
formuliert und es – ganz in der Sprache des Timotheusbriefs
– «Initiative für eine Zukunft» benannt. Weil
aber nur ein frommer Appell «Die Reichen sollen Gutes tun,
freigiebig sein und ihren Sinn auf das Gemeinwohl richten»
wohl wenig Veränderungen bewirken würde, wollen die Juso
ihr Anliegen verbindlich in die Verfassung schreiben. Die
Jungpartei fordert eine Erbschaftssteuer, damit der Reichtum
von wenigen zur guten Grundlage für die Zukunft aller
werden könne. Sie schlägt einen Steuersatz von 50 Prozent
ab einem Freibetrag von 50 Millionen Franken vor.
Die Einnahmen sollen sozial gerechten Klimaschutzmassnahmen
und dem ökologischen Umbau der Wirtschaft dienen.
Gerade die Superreichen tragen mit ihren Yachten und
Privatflugzeugen, mit ihren Spekulationen und Geschäftspraktiken
enorm zur Klimakatastrophe bei. Es geht beim
Vorschlag weder um Neid noch um Zwang. Es geht darum,
das wahre, gute Leben zu gewinnen. Und dies nicht erst im
Himmel, wenn es für die Bewahrung der Erde zu spät ist.

Von: Matthias Hui

30. Mai

Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!
Psalm 5,12

Einige Zeilen vor der heutigen Losung steht im Psalm das
wunderbare Wort von den «Ruhmredigen» (Vers 6), die
nicht vor Gott bestehen. Es ist ein Begriff, der so recht in
unsere heutige politische Landschaft passt. Wie viel Ruhmrede,
um nicht zu sagen Rumgerede, geschieht da beständig,
ohne dass zu Wort kommt, was hinter dem Losungsteil «die
deinen Namen lieben» als Wertekanon steckt. Die Vergehen
der Übeltäter, gegen die sich der Psalmist wendet und um
deren Sanktion er Gott anruft, sind vielfältig. Sie lügen, sind
blutgierig, böse, ungerecht, heucheln. Wenig Gutes lässt er
an denen, die sich nicht in der Liebe zu Gott bewegen.
Auch heute bestimmt häufig der eigene Ruhm das Handeln.
Entscheidungen werden wenig von jenen Werten
bestimmt, die am Horeb und auch in Jesu Bergpredigt Ausdruck
finden. Im Festhalten an diesen Werten aber drückt
sich die Liebe zum Namen Gottes aus, aus der für viele Fröhlichkeit
kommt.
Oft also scheint heute menschliches Handeln von Selbstsucht
geprägt. Doch immer wieder findet sich die Fröhlichkeit
bei jenen, die sich, vielleicht auch ohne ausgesprochenen
Bezug auf die Liebe Gottes, engagieren – in Integrationshilfen,
schulischen Vorlesestunden, bei der «Tafel».
Ihre Fröhlichkeit drückt für mich aus, was der Segen Gottes
ist, der uns wie mit einem Schilde (Vers 13) beschützt.

Von: Gert Rüppell

29. Mai

Der HERR spricht: Ich will Frieden geben in eurem
Lande, dass ihr schlaft und euch niemand aufschrecke.
3.Mose 26,6

In welche Situation spricht dieses Wort heute? Angesichts
unserer eigenen Erfahrungen und der Erfahrungen vieler
Mitmenschen auf der Welt? Scheint dieses Wort nicht so von
Utopie geprägt, dass es schwer zu glauben ist? In der Ukraine,
in Palästina, Israel, im Sudan, in Myanmar, Kolumbien und
der Demokratischen Republik Kongo, um nur einige der
vielen Landstriche dieser Welt zu nennen. Orte, in denen
es Müttern und Vätern mit ihren Kindern kaum glaubhaft
scheint, dass die macht- und rohstoffgetriebenen Konflikte
ein Ende haben könnten und es für sie und ihre Angehörigen
Schlaf geben könnte, aus dem niemand sie aufschreckt. Das
angesprochene Unvorstellbare, diese Utopie ist aber für viele
Menschen in Not immer wieder Basis von neuer Hoffnung.
Basis der Kraft zum Weiterleben. Einer Kraft, die, wie im heutigen
Losungstext den Israeliten gesagt wird, den Blick nach
vorn richtet. Einer Kraft, die auch dort noch Lösungen für
Frieden sieht, wo dieser scheinbar unerreichbar ist.
Ich will Frieden geben, spricht der Herr und gibt uns in
einer friedlosen Umwelt zugleich den Auftrag, friedensgestaltend
zu sein. Gilt es doch, in Situationen des Schreckens
und der Furcht Frieden zu bringen, damit Ruhe einkehre in
den Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Völkern.
Ruhe und Hoffnung auf ein gelingendes Leben.

Von: Gert Rüppell

28. Mai

Zur letzten Zeit wird kein Volk wider das andere
das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht
mehr lernen, Krieg zu führen.
Jesaja 2,2.4

Ich lasse Gedanken bleiben, was mit der letzten Zeit gemeint
sein könnte. Aber wie wunderschön tönt die Zuversicht, dass
Krieg nicht mehr gelernt wird! Jesaja braucht hier, ausdrucksstark,
wie er ist, eine makabre, aufrüttelnde Umschreibung.
Ja, Krieg wird leider gelehrt und gelernt. Auch ich musste
mich dem in der Schweizer Armee unterziehen. Wie hoffnungsvoll
wäre es, wenn Friede gelernt würde! Nur geschieht
leider das Gegenteil. Es wird angesichts aktueller Kriege und
Bedrohungen eifrig auf- und nachgerüstet. Nicht abzusehen,
was für Eskalationen wir dieses Jahr noch zu gewärtigen
haben. Wo sind die Friedensbewegungen geblieben, die uns
mit dem Slogan «Schwerter zu Pflugscharen» oder «Frieden
schaffen ohne Waffen» zuversichtlicher werden liessen?
Heute müsste auf den Transparenten stehen «Kampfdrohnen
zu Luftballons» oder ähnlich. Und Gott? Wir müssen
damit leben, dass er nicht eingreift. Wir Menschen müssen
mit dem Entwaffnen beginnen! Den Krieg nicht mehr lehren
und nicht mehr vorbereiten. Was könnte die Welt für ein
friedlicher Ort sein, wenn der Zugang zu Bodenschätzen,
die Nutzung des Trinkwassers, die Befischung der Meere
usw. mit fairen Verträgen zwischen gleichgestellten Partnern
geregelt würden statt mit Machtgehabe und Krieg! Nächstenliebe
First statt America (oder Switzerland) First!

Von: Bernhard Egg

27. Mai

Wo ist ein Fels ausser unserm Gott? Psalm 18,32

Psalm 18 ist lang und strotzt vor Metaphern aus Kampf und
grossen Gefahren. Einige Elemente daraus, in unsere heutige
Welt übertragen:


Du bist mein Stützpunkt, meine Basis,
mein Kraftort, wo ich auftanken kann.
Unsere Welt gerät ins Wanken,
kein Stein bleibt auf dem anderen,
alles dreht sich im Kreis.
Mit dir überwinden wir Hindernisse,
mit dir überspringen wir Mauern.
Du gibst uns Kraft
und machst unseren Weg gut.
Du schaffst uns weiten Raum,
in dem wir zuversichtlich gehen können.
Du rettest uns vor allem Lebensfeindlichen,
es hat keine Macht über uns,
du befreist uns von aller Gewalt.
Darum sind wir dir dankbar
und sagen es allen weiter,
dass du uns hilfst – seit Urzeiten schon –
und uns auch in Zukunft helfen wirst,
mir und allen, die dir, der Liebe, vertrauen.

Von: Heidi Berner

26. Mai

Es soll nicht durch Heer oder Kraft,
sondern durch meinen Geist geschehen,
spricht der HERR Zebaoth.
Sacharja 4,6

Wir sind es gewohnt, zu messen,
zu zählen, zu vergleichen.
Zurzeit geht es um Truppenstärken
und um Rüstungsausgaben
zur Verteidigung unserer Freiheit,
unserer Werte, unserer Demokratien.
Was ist dem entgegenzuhalten?
Unsere Neutralität ist schal geworden,
schmeckt mir nicht mehr.
Wie sehr haben die letzten drei Jahre
meine Überzeugungen in Frage gestellt!
Hat Pazifismus trotzdem eine Zukunft?
Ich möchte festhalten an der Utopie,
dass Frieden möglich ist in unserer Welt.
Aber es braucht – leider, leider –
ein gewisses Mass an Heer und Kraft,
um ihn zu sichern.
Und einen Vorschuss an Vertrauen.
Das Vertrauen aber ist ein Wagnis
und ein Kind des Geistes,
lebt aus dem Glauben,
aus der Hoffnung und der Liebe.

Von: Heidi Berner