Autor: Katharina Metzger

22. Mai

Die kanaanäische Frau fiel vor Jesus nieder und sprach:
Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist
nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und
werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch
essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer
Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr:
Frau, dein Glaube ist gross. Dir geschehe, wie du willst!
Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Matthäus 15,25–28

Hoppla! Das ist eine Geschichte, die gleich mehrere Fragen
aufwirft und Empörung in mir weckt. Ich möchte mich gerne
neben diese Frau stellen, die Arme in die Seiten stützen und
diesem Jesus zurufen: «Was soll denn das? Du willst also ein
Spezialbrot für ein paar Auserwählte sein? Und du bezeichnest
diese Frau und ihr Volk als Hunde? Du verweigerst ihr
deine Hilfe? Auf dieses Brötchen kann ich getrost verzichten!»
Nicht so die Frau: Sie reagiert nicht auf die schroffe Abweisung.
Im Gegenteil: Sie sagt, die Krümel von diesem Brot, die
unvermeidlich vom Tisch fallen, würde sie sowieso essen. Da
geschieht etwas mit Jesus, er anerkennt ihren grossen Glauben
und die Hoffnung, die sie in ihn setzt. Es ist, wie wenn
sich etwas weitet: Das heilsame Brot darf geteilt werden, die
Tochter wird gesund.
Hat die Frau Jesus verändert? Ich nehme jedenfalls dies
mit: Beide, die Frau und Jesus, haben sich bewegt, weg von
starren Positionen, weg vom Stolz. Eine heilsame Bewegung.

Von: Katharina Metzger

23. März

Paulus sagt: Gottes Hilfe habe ich erfahren bis
zum heutigen Tag und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Klein und Gross.
Apostelgeschichte 26,22

Paulus ist in Gefangenschaft und rechtfertigt in einer Rede vor König Agrippa sein Dienen für Jesus Christus. Er beschreibt noch einmal seine Bekehrung, wie er als Verfolger der ersten Christen ein helles Leuchten am Himmel gesehen und die Stimme von Jesus vernommen habe und dadurch förmlich zu Boden geworfen worden sei. Jesus habe ihm dann gesagt: «Aber nun steh auf und stell dich auf deine Füsse!» Danach erwählt Jesus den gewandelten Paulus zu seinem Diener und verspricht ihm Schutz.
Ich bleibe an diesem Satz hängen: «Aber nun steh auf und stell dich auf deine Füsse.» Gerne möchte ich etwas nachspüren, was in diesem Satz für meine Ohren, meine heutigen Ohren, mitschwingt:
Aber nun steh auf und stell dich auf deine Füsse.
Bleib nicht am Boden liegen.
Warte nicht, dass ich dich aufhebe und trage.
Stell dich auf deine Füsse.
Schau um dich.
Schau auf den Weg, der dich hergebracht hat.
Schau auf den Weg, der vor dir liegt, unbekannt.
Schau auf deine Füsse, die hier stehen und dich tragen.
Und trage mich mit dir mit.

Von: Katharina Metzger

22. März

Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgiessen über alle Menschen. Joel 3,1

Der Prophet Joel schreibt, wie man sich dieses Ausgiessen des Geistes vorzustellen hat: Die Menschen, alte und junge, mächtige und dienende, werden Träume und Visionen haben und weissagen. Dies wird begleitet von Feuer und Rauch und einer sich verfinsternden Sonne. Es ist der Auftakt zum Tag des Herrn, der Gericht halten wird.
Träume und Visionen: welcher Art? Solche, die die Menschen überwältigen, sie klein, gottesfürchtig und demütig machen? Oder Bilder, die sie befreien von allen irdischen Bindungen?
Ein anderes Bild, ein Gegenbild: Eine Bekannte malt jedes Jahr eine Weihnachtskarte mit einer Krippe, sie liegt nun neben mir. Auch auf diesem Bild ist die Lebensrealität eine einstürzende Welt, abstrakte Formen, die an zerstörte Häuser erinnern, rahmen die Szene ein. In der Mitte gehen Josef und Maria, sie trägt das Kind, er trägt ein Schaf und legt den Arm um sie. Sie schauen nicht auf das Kind, sie schauen um sich, als müssten sie sich vor herabstürzenden Brocken in Sicherheit bringen. Aber hinter ihnen ist ein goldenes Licht, man weiss nicht, kommt es von ihnen oder kommt es auf sie herab. Auch auf diesem Bild, das mit «Anno 2024» betitelt ist, sind Katastrophe und Göttlichkeit ganz nahe beieinander. Das Göttliche hält hier kein – nach Joel: reinigendes – Gericht, aber es leuchtet, es ist da.

Von: Katharina Metzger

23. Januar

Meint ihr, dass ihr Gott täuschen werdet,
wie man einen Menschen täuscht?
Hiob 13,9

Einen streitbaren Hiob hören wir da! Er streitet mit seinen Freunden und er will mit Gott streiten. Er will wissen, wieso er so viel erleiden muss: Er hat nacheinander seinen Besitz, seine Kinder und seine Gesundheit verloren. Und er will nicht auf seine Freunde hören, die eine Erklärung dafür zu geben versuchen. Sie sollen nicht anstelle von Gott sprechen, er will diesen Gott selbst hören!
Streitbar – ich bleibe noch ein wenig bei diesem Wort. Ich selbst bin nicht so streitbar. Aber manchmal geht es nicht anders, und das ist auch gut so: Denn wenn mir etwas oder jemand ganz gegen den Strich geht, wenn ich herausgefordert werde, erwacht eine streitlustige Vitalität in mir. Ich muss für mich und für meine Meinung hinstehen, die dadurch auch geschärft wird. Wir alle kennen grosse Beispiele für das Erstreiten neuer Erkenntnisse und Haltungen: dass die Erde sich um die Sonne bewegt oder dass Frauen so wie Männer abstimmen können. Hier haben Menschen an überholten oder schädlichen Ansichten gerüttelt und Neues ermöglicht. – Hiob erfährt in seinem «Rechtsstreit» immerhin, dass Gott ihn nicht durch Leiden erziehen oder bestrafen will. Und er findet Frieden darin, dass er von Gott beachtet wurde.
Die lebenswichtige Kraft der Streitbarkeit – ich sehe Hiob für mich persönlich ab jetzt als den Schutzheiligen dafür!

Von: Katharina Metzger

22. Januar

Paulus schreibt: Ich war früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren. 1. Timotheus 1,13

Es sind grosse Themen, von denen Paulus schreibt: wie er sich als Sünder erkannt hat, wie er sich von seinem bisherigen Leben abgewendet und in den Dienst von Jesus Christus gestellt hat. Er spricht dabei zwei Dinge an: das Gesetz und die Barmherzigkeit. Das Gesetz sei wichtig für die Gesetzlosen, schreibt er. In seinem eigenen Fall spielt aber die Barmherzigkeit die grössere Rolle. Den Moment, als ihm die Augen geöffnet und ihm seine Sünden bewusst wurden, sieht er als Moment der Barmherzigkeit und des Vertrauens von Jesus Christus in ihn.
Gesetz und Barmherzigkeit – zwischen diesen Polen bewegen wir uns. Zur Barmherzigkeit kommt mir eine Film-
szene aus «Les Choristes» in den Sinn: Der Lehrer und Chorleiter Monsieur Mathieu streicht seinem begabten Schüler Morange nach einem Streich sein Gesangssolo, fordert ihn aber während einer Vorführung dann doch zum Mitsingen auf, eine grosse Geste der Versöhnung. Es scheint, als sei dieses Vertrauen für den Jungen ein Wendepunkt, ein wichtiger Schritt zu einem guten Leben gewesen.
In beiden Geschichten ist es die Barmherzigkeit, die den Betroffenen die Augen über sich selbst geöffnet hat und zum Schlüssel für ein gesetzestreues und gutes Leben geworden ist.

Von: Katharina Metzger

10. Dezember

Gott, der da sprach: Licht soll aus der Finsternis
hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere
Herzen gegeben, dass die Erleuchtung entstünde
zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem
Angesicht Jesu Christi.
2. Korinther 4,6

Bei den Worten «Leuchten» und «Angesicht» kommt mir
Folgendes in den Sinn: Meine Schwiegermutter nennt eines
meiner Kinder auf Russisch «maja solnitschka» – meine
kleine Sonne. Was schwingt in diesem Kosenamen alles mit?
Vielleicht dies: Du bist mein Ein und Alles! Du bist ein wunderbares
Geschöpf! Du bringst Licht und Wärme in mein
Herz!
Und das kennen Sie sicher auch: das Aufleuchten in den
Gesichtern, wenn sich Verwandte, Befreundete und Liebende
wiedersehen. Dabei zeigen die Gesichter, was gerade
in den Herzen geschieht: Berührtsein, Erkanntwerden, Verstandensein,
Freude, Liebe.
Die Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi: Für
mich bedeutet das, diese Herrlichkeit auch im Angesicht
meiner Mitmenschen und mir selbst suchen und finden zu
dürfen. Intensive Begegnungen und Erfahrungen können
uns aufleuchten lassen. Was ich dabei erfahre, hat für mich
durchaus eine religiöse Bedeutung: Ich werde gesehen, ich
werde erkannt, ich werde geliebt. Ich bin gut und richtig so,
wie ich bin. Ich bin geborgen.

Von: Katharina Metzger

9. Dezember

Paulus schreibt: In allem erweisen wir uns als Diener
Gottes: als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die
Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts
haben und doch alles haben.
2. Korinther 6,4.10

Der Abschnitt trägt in der Übersetzung die Überschrift «Die
Kraft Gottes». Und er handelt vom Dienen.
Ich selbst kenne das Dienen als das Erfüllen von Pflichten,
Pflichten in der Familie, im Beruf, in Vereinen. Dieses Dienen
ist mehr oder weniger selbst gewählt. Es macht manchmal
Freude und ist manchmal lästig. Oft schenkt es aber Sinn und
Befriedigung. Ich fühle mich nützlich, denn ich kann jemand
anderem etwas Gutes tun oder eine Sache vorantreiben.
In den Worten aus dem Korintherbrief schwingt aber noch
etwas anderes mit: das Dienen für etwas Grösseres, das
Dienen gegen Widerstand, das Dienen als ständige Daseinsform.
Das Dienen «als die Traurigen, aber allezeit fröhlich».
Gerade habe ich in der Zeitung einen Bericht über zwei Soldaten
gelesen, die eine heranrückende Front beobachten.
Laut Experten ist die Verteidigung der beschriebenen Stadt
entscheidend für den ganzen weiteren Kriegsverlauf. Das
Beispiel dieser Soldaten, die sich in den militärischen Dienst
stellen oder stellen müssen, zeigt mir eine ganz andere
Dimension des Dienens.
Der Gottes-Dienst als ständige Daseinsform: Wie kann er
in meinem Leben aussehen? Was bedeutet es, eine Dienerin
Gottes zu sein? Wie kann die «Kraft Gottes» in mir wirken?

Von: Katharina Metzger

10. Oktober

So ist es mit der Auferstehung der Toten: Was hier
auf der Erde gesät wird, ist vergänglich. Aber was
auferweckt wird, ist unvergänglich! Gesät wird ein natürlicher Leib. Auferweckt wird aber ein Leib, der vom Geist Gottes geschaffen ist.
1. Korinther 15,42.44

Mein Sohn, der jetzt dreizehn ist, hatte immer wieder Phasen,
in denen ihn die Frage «Was kommt nach dem Tod?» intensiv beschäftigte. Manchmal kam diese Frage plötzlich und mit einer Heftigkeit über ihn, dass er weinen musste. Wenn er sich etwas beruhigt hatte, überlegte er: Ist dann einfach nichts? «Aber das hat doch keinen Sinn: zuerst leben – und dann ist einfach nichts. Und ich kann mir das Nichts einfach nicht vorstellen», sagte er.
Seine liebste Variante war, dass wir nach dem Tod als Geister mehr oder weniger gleich weiterleben und dass wir in dieser Form auch als Familie zusammenbleiben können. Ich konnte ihm keine eigene Überzeugung mitgeben, die ihn beruhigt hätte. Aber ich sagte ihm, dass mich der Tod als Kind auch geängstigt habe, dass diese Angst jedoch irgendwann überwunden und verschwunden war. Das schien ihn ein wenig zu beruhigen. Für mich selbst ist das Leben im «natürlichen Leib» wichtig: Es ist Geschenk, Segen und Herausforderung. In diesem
Leib erfahre ich Wunderbares und Schwieriges, darin tue ich Gutes und weniger Gelungenes. Das zählt, für mich, für andere, hier und jetzt. Und nimmt mir die Angst vor dem Tod.

Von: Katharina Metzger

9. Oktober

Deine Hände haben mich gemacht und bereitet;
unterweise mich, dass ich deine Gebote lerne.
Psalm 119,73

Deine Hände haben mich gemacht und bereitet
Wie sie die Blindschleichen, die Mauersegler, die Hirsche und die Forellen bereitet haben
Wie sie die Berge, die Täler, die Flüsse und die Wüsten bereitet haben
Wie sie meine Eltern, meine Geschwister und meine Kinder bereitet haben
Wie sie die bereitet haben, die mir nahe sind, in ihrem Tun, ihrem Sein, ihren Gedanken
Und wie sie die bereitet haben, die mir fern sind, in ihrem Tun, ihrem Sein, ihren Gedanken
Lass uns deine Hände in uns allen spüren
Deine Hände, die uns alle formten
Lass deine Hände uns weiter formen:
Lass sie uns halten, wenn wir zerbröckeln
Lass sie uns wärmen, wenn wir kalt sind
Lass sie uns streicheln, wenn wir traurig sind
Lass sie uns beruhigen, wenn wir aufgeregt sind
Lass sie uns weit werden, wenn wir engstirnig sind
Lass sie uns zu Liebenden werden, die das Leben lieben,
das deine Hände beständig formen.

Von: Katharina Metzger

10. August

Niemand gehe zu weit und übervorteile seinen
Bruder im Handel. Denn der Herr straft dies alles.
1. Thessalonicher 4,6

Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von Handel habe.
Ich gehöre zu den Angestellten, die pünktlich, meist schon vor
Monatsende, einen recht guten Lohn auf ihrem Konto haben.
Vor allem dann, wenn ich mit meiner Arbeitsleistung zufrieden
bin, ist das ein schönes Gefühl: Ich habe das verdient!
Ich gehöre aber auch zu den Leuten, die manchmal mit
einem leicht schlechten Gewissen herumlaufen, weil sie wissen,
dass andere ihr Geld viel härter verdienen müssen.
Vor ein paar Wochen half ich meiner Klasse an einem
Kuchenstand und fand mich dann hinter diversem Gebäck
auf Kundschaft wartend. Viele gingen vorüber. Umso dankbarer
war ich, wenn mir jemand etwas abkaufte oder sogar
einfach so etwas spendete.
Ich kann – ausgehend von diesem kleinen Erlebnis – gut
verstehen, dass man so viel wie möglich verdienen will, vor
allem wenn es nicht um ein Klassenlager, sondern um den
Lebensunterhalt oder – weniger existentiell, aber doch auch
wichtig – den Lebensstil geht.
Doch Paulus warnt vor dem «Zu-weit-Gehen». Alles soll
einen angemessenen Preis haben. Er warnt um des gegenseitigen
Respekts willen und wider den Betrug. Heute kommt
noch etwas Neues dazu: Diese Haltung der Beschränkung
ist auch unserer Schwester Erde gegenüber dringend nötig.

Von: Katharina Metzger