Autor: Benedict Schubert

28. August

So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf,
den HERRN, euren Gott, zu suchen.
1. Chronik 22,19

Wenn es bloss so einfach wäre, Herz und Sinn auf etwas
zu richten! Schon der Prophet wusste, dass das Herz «ein
trotzig und verzagt Ding» ist. Und in der Flut von Sinneseindrücken
– wie soll es mir da gelingen, meinen Sinn nicht
ablenken zu lassen, sondern mich zu konzentrieren, mich auf
die Mitte hin auszurichten?
In den Chronikbüchern wird David als der König Israels
dargestellt, der in allen Stücken Gottes Weisung befolgt und
Gottes Ehre sucht. Deswegen muss auch er es sein, der den
Tempelbau in die Wege leitet, den Standort festlegt, die
Pläne zeichnen lässt und die Finanzen besorgt. Salomo soll
bloss ausführen, was David begründet hat. Unsere Losung
ist der Abschluss von Davids grosser Ermahnung an Salomo.
David wendet sich an die «Oberen Israels» mit diesem Aufruf,
die Gottsuche zuoberst auf die Prioritätenliste zu setzen
und deswegen schliesslich den Tempel zu bauen.
Wer immer über die Jahrhunderte Gott gesucht hat, weiss:
Weil das Herz sich oft widerspenstig zeigt und der Sinn sich
so leicht in Zerstreuungen ablenken lässt, brauchen wir für
Gott geheiligte Orte in Raum und Zeit. Die können unterschiedlich
aussehen.
Wenn sie es uns bloss etwas leichter machen, unser Herz
und unseren Sinn immer wieder auf Gott auszurichten!
Denn von Gott kommt Licht, kommt Orientierung.

Von: Benedict Schubert

27. August

Die Befehle des HERRN sind richtig und
erfreuen das Herz.
Psalm 19,9

Es ist eher unüblich, «Befehl» und «erfreuen» miteinander
zu verbinden und so direkt aufeinander zu beziehen, wie der
Psalmvers es tut. Die Zeiten, in denen man mit bolzengeradem
Rücken von den «Freuden der Pflicht» sprach, sind
glücklicherweise vorbei. Können und wollen wir dem Psalmisten
zustimmen und dankbar einstimmen in sein Loblied
der Weisungen des Ewigen?
Ich glaube, der entscheidende Punkt liegt darin: Die Freude
im Herzen entspringt eher nicht im Moment, in dem wir
Gottes Weisung hören, sondern sie stellt sich ein im Mass,
wie wir uns darin üben, die Weisung in unserem Leben zu
verfolgen. Sportlerinnen würden mir wohl zustimmen. Die
Anweisung zu dieser oder jener Trainingseinheit lässt noch
nicht die Freude aufkommen, die sich aber dann einstellt,
wenn der Lauf siegreich absolviert ist. Mir liegt der Vergleich
mit der Musik näher: Ich hätte Freude am Klavierspiel
und wäre nicht frustriert über mein Geklimper, wenn mein
Klavierlehrer damals strenger gewesen wäre und ich seine
freundlichen Anweisungen besser befolgt hätte.
Oder anders: Es ist eine Zumutung für unseren Anspruch
auf Autonomie, auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung,
uns sagen zu lassen, dass Gott besser weiss als wir,
wie Leben geht. Doch das zu glauben und sich darauf einzulassen,
macht Freude.

Von: Benedict Schubert

7. August

Die Furcht des HERRN ist Unterweisung zur Weisheit.
Sprüche 15,33

Die Entwicklungen in Sachen KI, Künstlicher Intelligenz,
vollziehen sich in einer Geschwindigkeit, die vermutlich bei
vielen, ganz sicher bei mir, das Gefühl auslöst, abgehängt
zu werden: Ich komme da nicht mehr mit. Ich lese, dass es
eine der grössten Herausforderungen sei, jetzt sofort KI mit
ethischen Werten zu «füttern», wenn wir vermeiden wollen,
dass alles nur noch der Logik des maximalen ökonomischen
Gewinns bei minimalem Aufwand folgen soll. Es besteht
offenbar die Gefahr, dass wir (einmal mehr) wie der Zauberlehrling
einem Ding eine Macht geben, die wir nicht mehr
kontrollieren können. KI verarbeitet unvorstellbare Mengen
von Informationen. Sie hortet und hat Zugriff auf beinahe
unendliches Wissen – aber ist da auch Weisheit?
Weisheit – das ist die Fähigkeit, in grosser Gelassenheit und
mit unbestechlicher Menschenfreundlichkeit das, worauf es
wirklich ankommt, zu unterscheiden von dem, was zwar dringend,
verlockend, notwendig, attraktiv erscheint, aber das
Leben nicht fördert. Weisheit lässt sich nicht mit elektronischen
Impulsen gewinnen, sie ist nicht die Summe von immer
mehr Daten. Sie ist Frucht aufmerksamen Hinhörens auf die
Stimme des Ewigen. Nur Gott, der gesagt hat: «Es werde
Licht!», rückt alles ins rechte Licht, und wir erkennen, was
gross und was klein, was gut und was böse, was schön und
was grässlich ist. Und lernen so, ein gutes Leben zu führen.

Von: Benedict Schubert

28. Juni

Auf den HERRN traut mein Herz, und mir ist geholfen.
Nun ist mein Herz fröhlich, und ich will ihm danken mit
meinem Lied.
Psalm 28,7

Da haben Menschen in ihrem Herzen Vertrauen; sie sind
dadurch fröhlich geworden, und deshalb singen sie. Was
aber, wenn dein Vertrauen etwas wackelig geworden ist und
deine Grundfreude einer etwas müden Rat- und Lustlosigkeit
gewichen ist? Das kommt auch bei Menschen vor, die
eigentlich ihren Glauben, ihr Vertrauen pflegen (indem sie
beispielsweise täglich die Losungen lesen).
Dann kannst du den Weg auch in der entgegengesetzten
Richtung gehen und mit dem Singen anfangen. Im Reformierten
Gesangbuch zum Beispiel stehen die Nummern 666
bis 707 unter dem Titel «Vertrauen». Ich selbst singe gerne
«Hymns» aus dem angelsächsischen Raum. Manche lieben
die Gesänge aus Taizé oder aber Anbetungslieder. Auch Lieder,
die eigentlich schwermütig und traurig sind, können
eine heilsame Wirkung haben. In einem Konzert sagte die
sephardische Sängerin Yasmin Levy einmal lachend: «I’m
only happy when I can sing sad songs. / Ich bin nur glücklich,
wenn ich traurige Lieder singen kann.»
Wenn ich singe, kommt etwas in Bewegung. Und wenn ich
mich und erst recht die, die mit mir singen, vom Vertrauen
singen höre, dann erlebe ich, dass es mir leichter wird ums
Herz. Meine Betrübnis weicht einer gelassenen Heiterkeit
und mein Vertrauen hat wieder Boden gewonnen.

Von: Benedict Schubert

27. Juni

Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige
meinem Volk seine Abtrünnigkeit.
Jesaja 58,1

Ein heikles Losungswort, wenn es uns fragen lässt, weswegen
und wann wir selbst prophetischen Lärm machen sollen.
Denn wo Menschen (vor allem predigende) den Anspruch
erheben, sie müssten ein prophetisches Donnerwort ausrichten,
kommt meist eine kleinkarierte, aber umso ärgerlichere
Moralpredigt heraus.
Wirksamer und heilvoller ist, wenn ich mich in der schönen
alten Formulierung «unter dieses Wort stelle», wenn
ich mich zu dem Volk zähle, dessen Abtrünnigkeit angeklagt
wird, seine «Vergehen» oder sogar «Verbrechen», wie
andere übersetzen. Wenn ich mich also vom Propheten auch
nach mehr als zweitausend Jahren dazu rufen lasse, meine
Frömmigkeit zu überprüfen. Darum geht es im Kapitel, das
mit diesem Befehl zum Posaunenstoss beginnt. Es klagt
heuchlerisches Fasten an, das nur das Gewissen beruhigen
will und nichts am herrschenden Unrecht ändert. Der Prophet
deckt zum Glück nicht bloss auf, was schiefläuft, sondern
er sagt auch, wie das Volk umkehren, was es tun, wie es
so leben kann, dass die Zustände sich ändern. «Abtrünnigkeit
» ist also ein Leben, das in sich nicht stimmig ist.
Ein glaubwürdiges Bekenntnis zu Gott drückt sich in der
Art und Weise aus, wie ich mit meinen Nächsten umgehe,
namentlich auch mit denjenigen, bei denen es mir scheinbar
fernliegt.

Von: Benedict Schubert

7. Juni

Der HERR spricht: Siehe, ich sende einen Engel vor dir
her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an
den Ort, den ich bestimmt habe.
2. Mose 23,20

Warum? Warum musste das mir passieren? Diese Frage
drängt sich anscheinend unweigerlich auf, wenn uns etwas
geschieht, das wir als Unfall, als Schicksalsschlag erleben.
Interessanterweise stellen wir die Frage aber nicht, wenn
es uns gut geht. Warum passiert ausgerechnet mir nichts?
Warum bleibe ich verschont? Warum gelingt mir, was ich mir
vorgenommen habe? Warum erlebe ich mehr glückliche als
betrübliche Zufälle?
Vor etlichen Jahren schrieb uns ein guter frommer Freund
einmal: «Ich glaube, Gottes Güte zeigt sich vor allem in der
Bewahrung.» Genau die verspricht das heutige Losungswort.
Der Ewige sagt seinen Schutz zu, nachdem sein Volk
von Gott die Weisung erhalten hat, Orientierung auf dem
Weg in die Freiheit. Wenn wir die Geschichte vom Auszug
aus den Bindungen und Abhängigkeiten in die Weite, ins
Erhoffte lesen, werden wir indessen wiederholt auf Ereignisse
stossen, die uns fragen lassen, ob das Volk da wirklich behütet
wurde. Diese Frage mögen wir auch haben, wenn wir auf
unseren eigenen Weg zurückschauen. Eine Verheissung ist
eben keine Garantieerklärung, sondern die Einladung, uns –
notfalls gegen den Augenschein – einzulassen, zu verlassen
auf Gott, der Engel schickt, damit wir gut im Leben und bei
Gott ankommen.

Von: Benedict Schubert

28. April

Erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte. Psalm 86,11

Kaum eine, kaum einer setzt sich wohl Einfalt zum Ziel. Im Lied vom aufgegangenen Mond mögen wir zwar darum bitten: «Lass mich einfältig werden.» Aber das tun wir bloss, weil der Text so alt ist und die Melodie so vertraut. Wer will schon einfältig werden? Wenn, dann schon eher englisch: «Simplify your life!» Viele finden ihr Leben mit gutem Grund zu kompliziert.

Ich habe es gerne anschaulich: Wenn du ein Blatt einmal faltest, bleibt die Oberfläche glatt. Du kannst darauf schreiben oder zeichnen. Staub und Schmutz lassen sich leicht abwischen. Wenn du ein Blatt vielfach faltest oder gar aus Zeitgründen zerknüllst, bekommst du es nicht mehr flach. Was geschrieben ist, wird verzerrt, und immer bleiben Sandkörner in den Knitterfalten hängen. Im Psalm 86 meldet sich eine Stimme aus einem komplizierten Leben, mit einer zerknitterten und vielfach gefalteten Seele. Sie möchte einfältig werden und vor dem Ewigen auf Erden wieder – wie ein Kind – fromm und fröhlich sein. Vom Psalm über Matthias Claudius bis zu unserer Zeit überbordender Möglichkeiten und Ansprüche wird die Bitte weiter überliefert, weiter gebetet, weiter geseufzt: Lass mich zur Konzentration finden, zur Ausrichtung und Entlastung auf die Mitte hin, bei dir, Gott, der du meines Lebens Mitte bist.

Die Sonntagsruhe ist übrigens ein schöner Ausdruck dieser Sehnsucht.

Von: Benedict Schubert

27. April

Du sprachst: Ich bin unschuldig; der HERR hat ja doch seinen Zorn von mir gewandt. Siehe, ich will dich richten, weil du sprichst: Ich habe nicht gesündigt. Jeremia 2,35

«Dieu me pardonnera, c’est son métier.» Von Berufs wegen soll und wird Gott vergeben. Heinrich Heine hat wortgewandt, aber zugleich arrogant Gottes Gnade zu einer Eigenschaft gemacht, die wir in unsere Berechnungen miteinbeziehen können. Gleichzeitig entledigen wir uns damit der Last, als die die Sünde auf uns liegt. Mit einem rhetorischen Kniff haben wir sie wegerklärt. Die Entlastung, die uns aus Barmherzigkeit geschenkt wird, verschaffen wir uns selbst durch Wortwitz.

Eine Begnadigung ist kein Freispruch. Das Ergebnis mag dasselbe sein: Ich muss die Kosten, die Folgen meines Handelns nicht tragen. Doch nur wenn du freigesprochen wirst, kannst du dich als unschuldig bezeichnen. Wer begnadigt wird, weiss: Ich bin noch einmal davongekommen. Gott eröffnet mir einen Neuanfang. Was ich vorher falsch gemacht, wo ich anderen geschadet habe, das kann ich jetzt gutmachen. Ich kann zum Beispiel lieben, anstatt rücksichtlos meine Interessen zu verfolgen.

Wer das nicht einsieht, wird gerichtet: Es ist vor Gott und für Gott nicht alles gleichgültig. Ich werde noch einmal erkennen müssen, was ich getan habe. Dann wird es erneut Gottes Gnade sein, die mich davor bewahrt, durch diese Erkenntnis vernichtet zu werden.

Von: Benedict Schubert

7. April

Die Israeliten sprachen zum HERRN: Wir haben gesündigt, mache du es mit uns, wie dir’s gefällt; nur errette uns heute! Richter 10,15

Nein, wir sind nicht bloss schwach geworden bei einer
süssen Verführung. Nein, wir haben nicht bloss aus Faulheit
oder Gedankenlosigkeit etwas gesagt oder getan, was unanständig ist. Nein, wir haben nicht mutwillig oder trotzig
das missachtet, was man den «moralischen Kompass»
nennt oder auch den «gesunden Menschenverstand».
Viel schlimmer und zugleich viel heikler, weil es so schnell
passiert: Wir sind aus der Liebe ausgestiegen. Wir haben
ihrem Zug nicht mehr nachgegeben, ihren Schub nicht mehr
genutzt. Obwohl wir tief in uns wussten, dass das hier und
jetzt nicht möglich ist, haben wir gemeint, wir könnten einen
Kompromiss machen: Die Liebe irgendwie kombinieren mit
unserem Sicherheitsbedürfnis oder unserem Wunsch, uns
allen anzupassen, mit unserer Lust auf Einfluss oder unserem Hang nach Bequemlichkeit. Eben: Wir haben gesündigt,
und jetzt kriegen wir es nicht mehr hin, sondern sind dir
ausgeliefert. Wenn du nicht du wärst, der gnädige, barmherzige, freundliche, das Leben schaffende und schützende
Gott, müssten wir vor Angst vergehen. Aber weil du du
bist, überlassen wir uns dir und deiner Gnade. Wir verlassen
uns darauf, dass du uns in Sicherheit bringst, in die Freiheit
führst, leben lässt.

Von: Benedict Schubert

28. Februar

Auf dich, HERR, mein Gott, traue ich! Hilf mir von
allen meinen Verfolgern und rette mich.
Psalm 7,2

Einem guten Freund von mir ist vor etlichen Jahren die Flucht aus Burma gelungen, aus Myanmar, wie es offiziell heisst. Er ist Sohn eines Baptistenpfarrers. Aufgewachsen ist er im Nordwesten des Landes. Während des Studiums wurde er einer der führenden Köpfe der Demokratiebewegung unter Studierenden, die sich für das Ende der Militärdiktatur einsetzten. Bei den Machthabern machte er sich nicht beliebt. Zum Glück wurde er gewarnt und konnte fliehen. Seine ganze Fluchtgeschichte ist zu spannend und farbig, als dass sie hier Platz hätte; inzwischen hat er einen Schweizer Pass, lebt mit seiner Familie in Basel, ist in der Kirche engagiert. Bei allem bleibt er verbunden mit seinem Land. Ich erinnere mich, wie glücklich er war, als die Militärs wenigstens anfingen, die Macht zu teilen. Nun konnten Freundinnen und Freunde aus der Schweiz seine Heimatkirche besuchen. Es kam zu berührenden Begegnungen. Doch das Militär hielt den Machtverlust nicht lange aus und übernahm 2021 erneut die Macht. Die Lage ist finsterer denn je; Tausende haben schon ihr Leben verloren.
Den Christinnen und Christen Burmas wird es nicht schwerfallen, den heutigen Losungsvers mitzubeten. Ich erinnere heute beispielhaft an sie. Es gibt Millionen von Glaubensgeschwistern, die leider nur zu genau wissen, wer ihre Verfolger sind. Mit ihnen flehen wir um Bewahrung.

Von: Benedict Schubert