Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Lukas 22,40

Zweimal spricht Jesus gemäss dem Lukasevangelium
diese Worte, am Anfang und am Ende (Vers 46) der
Getsemani-Szene. Dazwischen betet er selbst: «Vater, … nicht
mein Wille, sondern der deine geschehe.» (Vers 42) Wie sein
eigenes Gebet, so erinnert auch sein Aufruf an die Jünger ans
Unservater: «Führe uns nicht in Versuchung», heisst es dort
(Lukas 11,4). – Was mit Versuchung / Anfechtung (im griechischen
Urtext steht für beides dasselbe Wort) gemeint ist,
hat Jesus selbst exemplarisch erfahren. Am Anfang des Evangeliums
(Lukas 4) wird er in der Wüste vom Satan versucht:
Er soll Stein in Brot verwandeln und von der Tempelzinne
springen. Ausserdem werden ihm alle Reiche der Welt versprochen.
Immer geht es ums Ego. Dieses zugunsten Gottes
loszulassen, ist die Funktion des Gebets: In ihm verschiebt
sich der Wille aus dem Ego-Bereich in den Bereich des Vaters.
Es geht dabei nicht darum, zu «plappern wie die Heiden»
(Matthäus 6,7). Das Unservater genügt. Oder die Stille. Jesus
betete nächtelang allein auf einem Berg (Lukas 6,12). Es ist
nicht anzunehmen, dass er dabei viele Worte machte. Vielmehr
verband er sich im Gebet mit dem Vater, indem er
radikal frei war von den Versuchungen des Ego. – Der dänische
Philosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) beschreibt
das Gebet als Verschiebung vom Reden ins Schweigen und
Hören: «Beten heisst nicht, sich selbst sprechen zu hören,
sondern … beim Schweigen zu verharren und zu warten, bis
der Betende Gott hört.»

Von: Andreas Fischer