Schlagwort: Andreas Fischer

9. Januar

Brüder und Schwestern: Was wahrhaftig ist, was
ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert,
was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es
ein Lob – darauf seid bedacht!
Philipper 4,8

Es sind unerwartete Worte, die in diesem Lehrtext auftauchen.
Viele von ihnen kommen sonst im Neuen Testament
nirgends vor, dafür umso häufiger in allgemein-antiken
Tugendkatalogen. Es handelt sich um Begriffe des bürgerlichen
Lebens. Worauf wir gemäss diesen Begriffen bedacht
sein sollen, sind gesellschaftliche Normen: Man achte auf
seinen «guten Ruf»! – Die These, die z. B. die Marburger
Neutestamentlerin Angela Standhartinger vertritt, leuchtet
ein: Das hier ist nicht Paulus. Das ist eine spätere, spiessige
Glosse, die in den Text reingerutscht ist. Da ist vergessen
gegangen, dass christliche Ethik sich gerade nicht am
in der Antike geltenden Ethos von Ehre und Ruhm orientiert,
sondern am Gekreuzigten, der in die tiefsten Tiefen der
menschlichen Seele hinabgestiegen ist. Dort unten, in den
Abgründen, abseits des «guten Rufs», beginnt die Erlösung,
ausgelöst durch die göttliche Gnade ohne Bedingung. – In
eine ganz andere Richtung geht ein englischsprachiger Kommentar:
Er sagt, der Fokus auf Tugenden helfe, sich aus der
Negativspirale der Angst («negative sentiment override»,
NSO) zu befreien. Es tue den Christenmenschen wie allen
Menschen gut, sich auf positive Gedanken auszurichten.

Von: Andreas Fischer

8. Januar

Gebt, so wird euch gegeben. Lukas 6,38

In der jüdischen Tradition ist es üblich, von Gott verhüllt zu
sprechen. Eine Form solch verhüllender Rede ist das «Passivum
divinum», das «göttliche Passiv»: «Euch wird gegeben.» Es ist also Gott, der mir gibt, wenn ich gebe.
Nun könnte man kritisch einwenden, dies sei einfach eine ins
Metaphysische gehobene Handelsbeziehung: «Do ut des»,
«ich gebe, damit du gibst.» Der gebenden Geste läge egoistisch-
berechnendes Denken zugrunde. Der Zürcher Neutestamentler
Hans Weder sieht diese Art von Kalkulation aber
im Angesicht Gottes aufgehoben: «Im Angesicht Gottes ist
weder weltliche noch metaphysische Berechnung möglich.
Im Angesicht Gottes löst sich die Berechnung selbst auf, und
damit wird der Mitleidserweis zu dem zurückgeführt, was
er in Wahrheit ist: die jede Berechnung hinter sich lassende,
elementare Zuwendung zum Bedürftigen.»
Der paradoxe Profit des Gebens liegt möglicherweise darin,
dass ich darin mein eigenes Ego – seine Ansprüche an Besitz,
Sicherheit, Komfort – transzendiere und im Urgrund meines
Seins in Kontakt komme mit Gott, dessen schöpferisches
Handeln am Ursprung allen Gebens liegt:
«Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von
dir; wir danken dir dafür.»

Von: Andreas Fischer

9. Januar 2022

Darum sollen wir desto mehr achten auf das Wort,
das wir hören, damit wir nicht am Ziel  vorbeitreiben.

Hebräer 2,1

Der Hebräerbrief verwendet mancherorts nautische Metaphorik. Im heutigen Lehrtext etwa bezieht sich «am Ziel vorbeitreiben» auf das Bild des vom Kurs abdriftenden Schiffs, und das griechische Wort, das hier mit «achten auf» übersetzt ist, kann den Sinn haben «ein Schiff in den Hafen bringen».

Es geht, könnte man meinen, um Sicherheit. Doch der Neutestamentler Herbert Braun (1903–1991) sieht das anders. Es gehe, sagt er, um Unruhe. Wer «auf das Wort achtet», dem kommen Gewohnheiten, Gewissheiten abhanden.

Um diese «Entsicherung» bittet eine philippinische Basisgruppe mit den folgenden Worten: «Mache  uns unruhig
… wenn wir uns im sicheren Hafen bereits am Ziel wähnen, weil wir allzu dicht am Ufer entlang  segelten.»

Die Gefahr, das Ziel zu verfehlen, geht nicht vom stürmischen Meer, sondern vom sicheren Hafen aus. Es entspricht der Kernbotschaft des Hebräerbriefs («Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.» 13,14), wenn es im Gebet weiter heisst: «Mache uns unruhig, wenn wir, verliebt in diese Erdenzeit, aufgehört haben, von der Ewigkeit zu träumen.»

Von Andreas Fischer

8. Januar 2022

Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen,
was man hofft, und ein Nichtzweifeln
an dem,  was man nicht sieht.          
Hebräer 11,1

Dass der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht der Gott der Philosophen und Gelehrten sei, wie der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal (1623–1662) einst in seinem Mémorial schrieb, das gilt nicht für den heutigen Lehrtext. Es gilt umso weniger, wenn man diesen sachlicher, weniger subjektiv und näher am griechischen Original übersetzt:

«Glaube ist Verwirklichung von Erhofftem, Beweis für Dinge, die man nicht sieht.»

Das klingt tatsächlich «philosophisch und gelehrt». Da tauchen – mancherorts als bibelfremd bezeichnete – platonische Denkformen auf: Diese Welt sei nur Abschattung jener anderen, göttlichen.

Ebendiese Denkformen halte ich für hochaktuell. Nur ein Glaube, der das Unverfügbare, Transzendente, «das, was man nicht sieht», als etwas Gewisses realisiert – einem mathematischen «Beweis» gleich, wird endlich bereit und befähigt sein, die weltlichen Sicherheiten und Abhängigkeiten, die Kontrollmechanismen, Besitztümer und Süchte loszulassen und gelassen zu werden.

Von Andreas Fischer