Schlagwort: Andreas Fischer

31. Juli

Betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Lukas 22,40

Zweimal spricht Jesus gemäss dem Lukasevangelium
diese Worte, am Anfang und am Ende (Vers 46) der
Getsemani-Szene. Dazwischen betet er selbst: «Vater, … nicht
mein Wille, sondern der deine geschehe.» (Vers 42) Wie sein
eigenes Gebet, so erinnert auch sein Aufruf an die Jünger ans
Unservater: «Führe uns nicht in Versuchung», heisst es dort
(Lukas 11,4). – Was mit Versuchung / Anfechtung (im griechischen
Urtext steht für beides dasselbe Wort) gemeint ist,
hat Jesus selbst exemplarisch erfahren. Am Anfang des Evangeliums
(Lukas 4) wird er in der Wüste vom Satan versucht:
Er soll Stein in Brot verwandeln und von der Tempelzinne
springen. Ausserdem werden ihm alle Reiche der Welt versprochen.
Immer geht es ums Ego. Dieses zugunsten Gottes
loszulassen, ist die Funktion des Gebets: In ihm verschiebt
sich der Wille aus dem Ego-Bereich in den Bereich des Vaters.
Es geht dabei nicht darum, zu «plappern wie die Heiden»
(Matthäus 6,7). Das Unservater genügt. Oder die Stille. Jesus
betete nächtelang allein auf einem Berg (Lukas 6,12). Es ist
nicht anzunehmen, dass er dabei viele Worte machte. Vielmehr
verband er sich im Gebet mit dem Vater, indem er
radikal frei war von den Versuchungen des Ego. – Der dänische
Philosoph Sören Kierkegaard (1813–1855) beschreibt
das Gebet als Verschiebung vom Reden ins Schweigen und
Hören: «Beten heisst nicht, sich selbst sprechen zu hören,
sondern … beim Schweigen zu verharren und zu warten, bis
der Betende Gott hört.»

Von: Andreas Fischer

14. Juli

Ich hörte eine grosse Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine
Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein. Offenbarung 21,3

Die «Hütte Gottes» meint in der hebräischen Bibel jenes
Zelt, in dem Gott mit seinem Volk unterwegs war in der
Wüste. Es ist der Vorläufer des Jerusalemer Tempels. Als
dieser im Jahr 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde,
entstand aus der «Hütte» (hebräisch «Mischkan») die Vorstellung
der «Schekina», der «Einwohnung» Gottes. Mit
dieser Ablösung vom Tempel wird alles anders. Der Tempel,
schreibt der chilenische Befreiungstheologe Pablo Richard,
sei «der Inbegriff von Unterschieden und Trennungen», zum
Beispiel zwischen dem Allerheiligsten und den diversen Vorhöfen
für verschiedene Untergruppen. Die Schekina hingegen
wohnt «bei den Menschen», unterschiedslos. Sie wohnt
nicht beim Volk, sondern bei den Völkern. «Nicht mehr
Israel», schreibt die deutsch-amerikanische feministische
Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza, «aber auch nicht
mehr nur die Kirche allein, sondern die ganze Menschheit
ist zum Volk Gottes geworden.» Bedenkenswert scheint mir
darüber hinaus die These des deutschen Neutestamentlers
Klaus Wengst, dass die Spitze des «christlichen Universalismus
» gar nicht gegen den «jüdischen Partikularismus» geht,
sondern gegen Rom: «Sie richtet sich gegen den römischen
Anspruch, in seinem Imperium alle Völker zu integrieren.»

Von: Andreas Fischer

14. Mai

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde,
so will ich alle zu mir ziehen. Johannes 12,32

Mit der «Erhöhung von der Erde» meint Christus seine Himmelfahrt,
die wir heute feiern. Der Gedanke liegt zumindest
nahe. Im nächsten Vers wird er allerdings in die Schwebe
gebracht. Da heisst es, Christus wolle mit diesen Worten
andeuten, welchen Tod er sterben würde (Vers 33). «Erhöhung
» hat einen doppelten Sinn: Sie meint zunächst die
Kreuzigung und dann den Aufstieg in den Himmel. Dass
beides mit ein und demselben Wort gesagt wird, ist mehr
als blosse Wortspielerei. Beides – der Abstieg in die Tiefen,
der Aufstieg ins Licht – hängt zusammen. Christus habe sich
erniedrigt bis zum Tod am Kreuz, heisst es in einem urchristlichen
Hymnus; darum habe Gott ihn über alles erhöht (Philipper
2,8 ff.). – In diese Dynamik der «Erhöhung» werde er
auch uns «ziehen», sagt Christus in unserem Vers weiter. Das
sind Worte, die Licht am Horizont aufscheinen lassen, wenn
man mit Schatten zu kämpfen hat. Sie machen deutlich, dass
es Christus selbst ist, der einen ins Dunkel hineinzieht. Dass
ich ihm mithin auf seinen Pfaden folge und er den Weg mit
mir geht. Und dass in diesen Schatten und durch sie hindurch
der Himmel sichtbar wird. – Die Dynamik der «Erhöhung»
betrifft «alle». Hier, schreibt der Jesuit Johannes Beutler, finde
der johanneische Heilsuniversalismus seinen unüberholbaren
Ausdruck. Einen Augenblick lang meint man, Licht am Horizont
zu sehen, für die eigene kleine Seele, für die ganze Erde.

Von: Andreas Fischer

14. März

Zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe! Galater 5,13

Freiheit gilt als hohes Gut. Das ist heute so, das war schon in der Antike so, auch für den Apostel Paulus. In der Regel wird Freiheit als Autonomie verstanden, als unabhängiges Verfügen über sich selbst. Der paulinische Freiheitsbegriff, wie er im heutigen Lehrtext zum Ausdruck kommt, ist indessen ein anderer. Hier «inkarniert» sich die Freiheit, wie der Zürcher Neutestamentler Samuel Vollenweider schön schreibt, «in der Liebe».
Gewiss, die Freiheit erwächst aus der Befreiung vom Dienst an falschen, faktisch inexistenten Göttern (Galater 4,8; man mag dabei an Götzen wie Geld und Gier, Macht und Sucht denken). Doch die so gewonnene Freiheit, sagt Paulus, darf nicht zum «Vorwand» (andere Übersetzungsmöglichkeiten: «Anlass», «Anreiz») für die Verkapselung des Egos in sich selbst werden. Vielmehr soll sich der befreite Mensch in ein Gewebe von Interdependenz hineinbegeben, wo einer dem anderen «dient». Freiheit manifestiert sich also paradox als gegenseitiger Dienst in der Liebe.
«Die hier gemeinte wechselseitige Abhängigkeit» aber, schreibt Dorothee Sölle in «Mystik und Widerstand», «bedeutet nicht Zwang und Unterlegenheit, nicht Dependenz als Krankheit, sie erhöht vielmehr meine Freiheit.»

Von: Andreas Fischer

14. Januar

Der Engel des HERRN lagert sich um die her,
die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
Psalm 34,8

Der «Engel des Ewigen» tritt auf in zentralen Geschichten der Bibel, unter anderem bei Hagars Flucht (Genesis 16), Abrahams Opfer (Genesis 22), dem brennenden Dornbusch (Exodus 3). Immer ist seine Identität schillernd: Ist der Engel ein vom Ewigen unterschiedener Gesandter? Oder ist es der Ewige selbst, der da erscheint? Vielleicht sind der «Ewige» und der «Engel des Ewigen» zwei Seiten desselben: Gottes Ferne und Nähe, die Transzendenz und Immanenz der Gottheit. Der Engel symbolisiert Gottes Zuneigung, der Ewige die göttliche Souveränität und Unverfügbarkeit.
In der heutigen Losung manifestiert sich der Ewige als Anführer eines himmlischen Heers, das sich um mich herum «lagert», mich bewahrt, behütet, beschützt; das entsprechende Partizip im hebräischen Urtext meint, übrigens, einen Zustand: Bei Tag und bei Nacht bin ich umgeben von guten Mächten.
Die Aussage gilt für jene, die ihn – den Ewigen – «fürchten», ihn mehr als alles andere in Respekt halten, mehr als alle irdische Ehre und Macht, als Karriere, Reichtum, Erfolg. Die «Gottesfurcht» führt – das ist die Verheissung der heutigen Losung – zu innerer Furchtlosigkeit und Freiheit: Da ist dieses himmlische Heer, das um mich herum «lagert»; da ist dieser Engel, der mir «heraushilft» aus all dem, was meine kleine Seele beengt.

Von: Andreas Fischer

15. November

Fülle uns frühe mit deiner Gnade, so wollen wir rühmen
und fröhlich sein unser Leben lang. Psalm 90,14

«Fülle uns frühe», heisst es in der Lutherbibel mit schöner
Alliteration. Die genaue Übersetzung lautet: «Sättige uns
am Morgen.» Hier wird der Bezug zu Vers 6 im selben Psalm
deutlich: «Am Morgen blüht das Gras, doch es vergeht, am
Abend welkt es und verdorrt.» Der Morgen gehört dort
zur Vergänglichkeit, die als schwermütiger Grundton den 90. Psalm durchzieht. Doch hier, im 14. Vers, der heutigen
Losung, ändert sich die Metaphorik des Morgens. Er ist, wie
auch sonst oft in der Bibel, die Zeit Gottes: «All Morgen ist
ganz frisch und neu des Ew’gen Gnad und grosse Treu; sie
hat kein End den langen Tag», heisst es in einem Morgenlied.
«Unser Leben lang» lautet genau übersetzt «all unsere
Tage». Der Basler Alttestamentler Klaus Seybold (1936–2011)
vermutet, dass ursprünglich an einen Frühgottesdienst
gedacht war, der den ganzen Tag über seelisch nährt.
Tatsächlich ist dies die Überzeugung des Psalmbeters:
Die Gnade Gottes nährt. Es sind keine konkreten irdischen
Güter, um die er bittet, nicht Reichtum, nicht Macht, nicht
ein langes Leben. Nur die Zuneigung Gottes erbittet er, die
«Erfahrung Gottes selber» (A. Weiser). Sie sättigt uns, wie
das Manna in der Wüste, an diesem Tag. Und alle Tage unseres
Lebens.

Von: Andreas Fischer

14. November

Jesus spricht: Mein Vater, der sie mir anvertraut hat,
ist mächtiger als alle. Niemand kann sie aus seiner Hand
reissen. Johannes 10,29

Die Übersetzung der Zürcher Bibel unterscheidet sich – aufgrund
einer anderen Lesart des Urtexts – deutlich von jener
des heutigen Lehrtexts: «Was mein Vater mir gegeben hat,
ist grösser als alles, und niemand kann es der Hand des Vaters
entreissen.» – Zwei Unterschiede fallen auf:

  1. Im Lehrtext ist von «sie» die Rede, was im Zusammenhang
    von Johannes 10 die «Schafe» beziehungsweise die
    Anhänger:innen Jesu im Gegensatz zu den «Juden» meint.
    Die Übersetzung der Zürcher Bibel hingegen spricht von
    «es». Damit könnte auch Innerseelisches gemeint sein, etwa
    jene «Kraft in der Seele», die im Gegensatz zu den Egokräften
    «grösser als die ganze Welt» sei, wie der deutsche
    Mystiker Meister Eckhart (1260–1328) sagt.
  2. Dass Gott «mächtiger als alle» sei, klingt, wie es in einem
    Kommentar heisst, «allzu banal». Dass hingegen mein wahres
    Wesen – wie die Liebe (1. Korinther 13,13) – in den Augen
    Gottes «grösser» als alles sei, grösser als Macht und Mammon,
    das ist eine überraschende Aussage. Sie lässt meinen
    Seelenfunken aufleuchten, meine bedingungslose Würde,
    die nichts und niemand der liebenden Hand Gottes entreissen
    kann, kein Wolf, wie es im Kontext heisst (Vers 12),
    nicht das Schreckliche, das in dieser Welt geschieht, nicht
    die Egomanen, die sie derzeit regieren, und auch nicht die
    eigene Gier.

Von: Andreas Fischer

15. September

Und viele, die zuhörten, verwunderten sich und
sprachen: Ist der nicht der Zimmermann?
Markus 6,2.3

Welchen Beruf Jesus einst genau ausgeübt hatte, ist nicht ganz klar. Vielleicht war er als Bauhandwerker beim Neuaufbau der in der Nähe von Nazaret liegenden Residenzstadt Sepphoris tätig. Vielleicht hatte er auch bäuerliches Gerät wie Pflüge und Joche hergestellt.
Jedenfalls hat er seinen Job in jungen Jahren aufgegeben. Seither verkündet er als Wanderprediger das «Geheimnis des Gottesreichs» (Markus 4,11) und verwirklicht es kraft seiner Wundertaten.
Nun kehrt er zurück in sein Heimatdorf. Die Synagoge ist voll, viele wollen ihn hören, eine Frage folgt der anderen, alle reden durcheinander. Man ist skeptisch ihm gegenüber. Man kennt ihn, man weiss, aus welcher Familie er stammt, welcher Arbeit er nachgegangen war. Man meint, ihn «in bekannte Kategorien eingliedern» zu können (E. Schweizer).
Doch der Messias ist nicht integrierbar, er ist anders, grösser. Er ist, wie der Apostel Paulus mit denselben Worten wie Markus 6,2 sagt, «Kraft Gottes» (das griechische Wort Dynamis, «Kraft», bedeutet in Markus 6,2: «Krafttaten») und «Weisheit Gottes» (1. Korinther 1,24).
Aus dieser Kraft und Weisheit Gottes leben auch wir. Durch sie, in ihnen werden auch wir die Horizonte des eigenen Gewordenseins weit überschreiten.

Von: Andreas Fischer

14. September

Als der Sohn noch weit entfernt war, sah ihn
sein Vater und es jammerte ihn, und er lief und
fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Lukas 15,20

Martin Werlen, der frühere Abt des Benediktinerklosters Einsiedeln, betont zu Recht: «Seine Not treibt den Verlorenen Sohn zurück nach Hause, nicht etwa die Liebe zu seinem Vater. Er will wenigstens wieder etwas zu essen haben.» Beim Vater verhält es sich anders: «Er hat ihn erwartet, hat nach ihm Ausschau gehalten, seine Liebe ist nicht erloschen.»
Das Mitgefühl des Vaters (es jammerte ihn) kommt von tief unten. Das entsprechende Wort im griechischen Urtext leitet sich von den Eingeweiden ab. Dort also, in den Eingeweiden, ist der Sitz der väterlichen Empathie.
Weiter ist es gegen jede Sitte, dass der Vater dem Sohn entgegenrennt. Ein würdiger Orientale rennt nicht, selbst wenn er es eilig hat. Dazu müsste er nämlich sein langes Gewand mit den Händen hochheben, und die nackten Waden würden sichtbar.
Der Kuss schliesslich ist in der Bibel Geste der Versöhnung. Mit dieser Geste kommt der Vater dem Schuldbekenntnis des Sohnes zuvor. Das in Vers 21 folgende Schuldbekenntnis hinkt hinterher. Es hat keine Bedeutung mehr.

Von: Andreas Fischer

15. Januar

Die Stunde kommt, und sie ist jetzt da, in der die
wahren Beter in Geist und Wahrheit zum Vater beten
werden.
Johannes 4,23

Als Rabbi Jischmael sich aufmachte, um Gott in Jerusalem
anzubeten, begegnete ihm ein Samaritaner und fragte ihn:
«Wäre es nicht besser für dich, auf diesem gesegneten Berg
zu beten als auf jenem Misthaufen?» Mit dem «gesegneten
Berg» meinte er den Garizim, den heiligen Berg der Samaritaner.
Der Jerusalemer Tempelberg hingegen war aus samaritanischer
Sicht ein «Misthaufen». – Der kleine interreligiöse
Dialog macht deutlich, wie tief der Graben zwischen Juden
und Samaritanern damals war. Dass der jüdische Mann Jesus
in der Szene, aus der der heutige Lehrtext stammt, mit einer
samaritanischen Frau in Dialog tritt, ist eine Grenzüberschreitung
sondergleichen.
Nichtsdestotrotz bleibt Jesus der Mensch jüdischer Herkunft,
der er ist: «Das Heil», sagt er, «kommt von den Juden»
(Vers 22). Doch dann transzendiert er diese chauvinistische
Position, transferiert sich selber in jenes grenzenlose Drüben,
das in ihm hier schon, heute schon angebrochen ist. Dass das
Gebet «in Geist und Wahrheit» vollzogen wird, setzt den
Ich-Tod voraus, in dem alle personalen, lokalen, nationalen
Eigeninteressen überwunden sind. Im Johannesevangelium
wird dieser Ich-Tod symbolisiert durch das «Weggehen»
Jesu Christi: Wenn er gehe, sagt er selbst, entstehe Raum für
den «Geist der Wahrheit», der kommt (Johannes 16,7–13!).

Von: Andreas Fischer