Schlagwort: Andreas Fischer

9. Juli

Jesus nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie. Markus 10,16

Gemäss einer schönen Anekdote wurde Paul Klee einst vorgeworfen,
so wie er könne jedes Kind malen. Seine Antwort habe gelautet: «Das
ist es eben: Die Kinder können es!» Kinder sind Künstler: spontan,
weltoffen, unmittelbar.
Indessen bedeutet das griechische Wort «Paidion» nicht nur «Kind»,
sondern auch «Säugling», «Neugeborenes». Auf dieser noch
ursprünglicheren, noch weiter im Anfang liegenden Ebene gilt:
Das Kind ist radikal abhängig, angewiesen, ausgeliefert.
«Gerade so», schreibt der Neutestamentler Eduard Schweizer
(1913–2006), «als die, die nichts vorzuweisen haben, keine
Leistungen aufrechnen können, sind sie gesegnet.»
Beide Qualitäten, die der unverstellten Kreativität und die
der radikalen Abhängigkeit, gilt es, sich im Erwachsenenleben zu
erhalten. Beziehungsweise sie zu revitalisieren, wenn sie
verschüttgegangen sind.
Es sind diese Qualitäten, welche die Tür zum Himmel öffnen.
Den Kindern, sagt Jesus, gehört das Reich Gottes (Verse 14 ff.).
Den Worten folgt die Segensgeste im heutigen Lehrtext.
«Die äussere Handlung», schreibt Schweizer, «unterstreicht,
wie real Jesus solchen Zuspruch meint.»

Von: Andreas Fischer

8. Juli

Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben
die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben
seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 2. Petrus 1,16

Der Autor des heutigen Lehrtexts behauptet, seine Botschaft basiere
auf Augenzeugenschaft. In den folgenden Versen erläutert er, was mit
der «Herrlichkeit Christi», die er «mit eigenen Augen gesehen» habe,
gemeint ist, nämlich die Verklärung Jesu auf dem Tabor, dem
«heiligen Berg» (Verse 17 ff.; vgl. Markus 9,2–8).
Zwei Dinge muten bei der Argumentation merkwürdig an:
Erstens kann der Autor des 2. Petrusbriefs – darüber besteht in
der neutestamentlichen Wissenschaft Konsens – nicht der
Jesusjünger Simon Petrus gewesen sein. Und zweitens gehört jene
Lichterscheinung auf dem Tabor doch ausgesprochen in eine Welt
jenseits der augenscheinlichen Fakten. Trotzdem sollte man den
Autor unseres Lehrtexts nicht der Lüge bezichtigen. Vielmehr scheint
jenes Licht für ihn realer als die Realität gewesen zu sein, und er scheint
es in einer Intensität gesehen zu haben, als wäre er selbst auf dem Tabor
gewesen. Ähnlich wird später der Hesychasmus, die mystische Strömung
in der orthodoxen Kirche, das Taborlicht als ein überzeitliches,
transpersonales Phänomen verstehen: «Es gibt nur ein und dasselbe Licht,
das den Aposteln auf dem Tabor erschienen ist, das den gereinigten Seelen
jetzt erscheint und in dem das Wesen der zukünftigen Welt besteht.»

Von: Andreas Fischer

9. Mai

Seid allezeit fröhlich. 1. Thessalonicher 5,16

Die Freude, schreibt der grosse Schweizer katholische Theologe
Hans Urs von Balthasar (1905–1988) in einem Kommentar
zum heutigen Lehrtext mit Feuereifer, «ist striktes Gebot,
deshalb ist Niedergeschlagenheit, Verzagtheit, schlechte
Laune, Verdrossenheit, mürrisches, verschlossenes Wesen,
Schwermut einfachhin Sünde». Ich bin, denke ich an dem
Nachmittag, an dem ich diese kleine Betrachtung schreibe,
ein grosser Sünder. Die Stimmung hängt situativ tief wie die
Wolken draussen am Himmel. Ich tröste mich mit der Feststellung,
die der österreichisch-amerikanische
Psychotherapeut
Paul Watzlawick (1921–2007) im Buch «Anleitung zum
Unglücklichsein» macht: Es gebe, sagt er ironisch, jene Dickhäuter,
die «schon immer der Ansicht sind, dass gelegentliche
Traurigkeit ein unvermeidbarer Teil des Alltagslebens
ist». Der heutige Lehrtext könnte als typisches Beispiel
für das gelten, was Watzlawick als Sei-
spontan-Paradoxie bezeichnet: Sich auf Befehl zu freuen, ist schwierig und kann
krank machen. Doch ist es, scheint mir, nicht diese Paradoxie,
welche der Lehrtext meint. Sondern jene, die in der Liedzeile
«In dir ist Freude / in allem Leide» (RG 652) zur Sprache
kommt. Weiter heisst es dort: «Durch dich wir haben /
himmlische Gaben.» Die Freude ist eine solche Gabe. Sie
strömt uns – «allezeit» und unabhängig von der situativen
Befindlichkeit – zu aus jener Dimension, in die Christus aufgestiegen
ist am heutigen Tag.

Von: Andreas Fischer

8. Mai

Erneuert euch in eurem Geist und Sinn. Epheser 4, 23

Die genaue Übersetzung des heutigen Lehrtexts würde
vermutlich
so lauten: «Lasst euch erneuern durch den Geist,
der in eurer Vernunft wirksam ist.» Es geht also nicht um
aktives Erneuern, sondern darum, die Erneuerung zuzulassen.
Sie erfolgt durch den «Geist», der also nicht der
menschliche, sondern der göttliche Geist ist. Weiter meint
die «Vernunft» den Intellekt, doch nicht nur, sie meint auch
umfassender eine Haltung, die sich im Handeln äussert.
Vielleicht beschreibt das neudeutsche Wort «Mindset» die
Bedeutung am besten. Und noch etwas: Die Erneuerung
erfolgt nicht plötzlich, in einem Augenblick. Vielmehr, wie
es in einem Kommentar schön heisst, werden die Christenmenschen
«immer wieder hineinversetzt in das geheimnisvolle,
wunderbare Kraftfeld dieser Erneuerung, die ihnen
widerfährt». Es erinnert mich an das Lied, das mein Vater
selig gern mit uns sang, als wir Kinder waren: «All Morgen
ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und grosse Treu»
(RG 557). Indessen ist das «Kraftfeld», welches die «Geistkraft
» (das hebräische Wort «Ruach», das auch Wind und
Atem bedeutet, ist weiblich) generiert, irgendwie noch
anders als jenes des «Herrn»: Es verbindet mich mit dem
Rauschen des Winds, mit Inspiration und Intuition und mit
meinem Atem: Zu ihm zurückzukehren, «all Morgen» und
immer mal wieder mitten im Alltag, hat tatsächlich erneuernde,
erfrischende, erquickende Kraft.

Von: Andreas Fischer

9. März

Paulus schreibt: Weil wir uns auf den Herrn verlassen, dürfen wir zuversichtlich und vertrauensvoll vor Gott treten. Darum bitte ich euch: Lasst euch nicht irremachen durch das, was ich leiden muss. Epheser 3,1213

Im Messias Jesus, heisst es in der genaueren Übersetzung der Zürcher Bibel, «haben wir Freiheit und Zugang zu Gott». Diesen Zugang zu Gott ermöglicht der Messias, indem er die Hindernisse in den überirdischen Sphären durchbricht. Dem modernen Menschen sind die als «Mächte und Gewalten» (Vers 10) bezeichneten kosmischen Obstakel – Hindernisse – vielleicht fremd geworden; dass es aber überpersönliche Kräfte gibt, «biologische, soziale, politische und geistige Wirklichkeiten, Gesetze, Gesetzmässigkeiten, Anlagen, Traditionen usw.» (Petr Pokorny), leuchtet ein. Ihnen können wir in «Freiheit» gegenübertreten, wie freie Bürger in antiken griechischen Städten – deren Recht auf freie Meinungsäusserung meint das entsprechende Wort im Urtext.

In diese Freiheit führt die Fastenzeit, in der wir stehen. Beim Zugang zu Gott – vermittelt durch den gekreuzigten Messias – ist «Leiden» kein Indiz für die Absenz des Ewigen. Im Gegenteil: Im Kreuz ist Heil oder, wie Leonard Cohen sagt: «There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.» («In allen Dingen gibt es einen Bruch; auf diese Weise dringt das Licht ein.»)

In diese Einsicht führt die Passionszeit, in der wir stehen.

Von: Andreas Fischer

8. März

Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Römer 11,29

«Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?» lautete Luthers Frage. Es ging dem Augustinermönch um sein Seelenheil. Indessen fragt man sich: Welches fühlende, mitfühlende Menschenkind kann im Anblick des drohenden globalen Kollapses ernstlich besorgt sein um seine persönliche «Rechtfertigung» vor Gott?

In diesem Zusammenhang mag die Beobachtung des deutschen Neutestamentlers Ernst Käsemann (1906–1998) von Bedeutung sein, dass es bei der «Rechtfertigungslehre» des Apostels Paulus genuin gar nicht ums Seelenheil ging. Sondern ums Ganze, das Ziel des Kosmos, das Ende der Erde.

Entsprechend gilt unser heutiger Vers nicht einer skrupulösen Seele, sondern den Juden und Heiden, der Menschheit, allen Wesen der Welt (vgl. die Fortsetzung Verse 30–36 und den ganzen Zusammenhang in Römer 9–11).

«Nicht gereuen» steht im griechischen Urtext betont am Anfang. Darauf liegt alles Gewicht. Es ist eine erstaunliche Aussage; in der Bibel steht auch anderes, zum Beispiel: «Da reute es den EWIGEN, dass er den Menschen gemacht hatte.» (1. Mose 6,6) Doch Paulus, dessen «Rechtfertigungslehre» eben «geschichtliche Tiefe und kosmische Weite» (Käsemann) hat, glaubt, dass alles, dass das All – bedingungslos, so, wie es ist – in Gott geborgen ist und schliesslich heimgerufen wird ins göttliche Licht.

Von: Andreas Fischer

9. November

Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir
wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen. Römer 8,26

Das «Seufzen» ist eigentlich das «Stöhnen» einer in den Wehen liegenden Frau. Mit ihr vergleicht Paulus die Schöpfung (Vers 22) und uns Menschenkinder – auch wir stöhnen und sehnen uns nach Erlösung (Vers 23). Und nun, im heutigen Lehrtext, ist vom Seufzen beziehungsweise Stöhnen der göttlichen Geistkraft die Rede. Ein dreifaches Seufzen-Stöhnen durchzieht also das Universum, es gibt eine kosmische Konsonanz und Resonanz des Seufzens und Stöhnens. Sie bringt keine artikulierten Wörter hervor. Umso authentischer ist ihr Ausdruck. Ein Aphasie-Patient, der «die Worte nicht versteht und also auch nicht durch sie getäuscht wird» (Oliver Sacks), würde dieses Seufzen-Stöhnen bestens verstehen.

A-phasie, Sprachlosigkeit, ist eine Form von A-sthenie, von Kraftlosigkeit. Von ihr spricht Paulus im Lehrtext. Das Wort für «Schwachheit» im griechischen Urtext ist «Asthenie». Die Aphasie-Asthenie erweist sich als Stärke. Sie verbindet mein Selbst mit der Welt und schliesslich mit Gott selbst. Es ist Gott, der in mir, durch mich hindurch zu Gott betet, als Geistkraft, die – seufzend, stöhnend auch sie – den neuen
Menschen und den neuen Kosmos gebiert.

von: Andreas Fischer

8. November

Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben. Johannes 1,12

Die Zeilen zuvor im Johannesprolog sind mit «und» aneinandergereiht: «und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst… und die Seinen nahmen ihn nicht auf». Das klingt auf Deutsch etwas merkwürdig. Doch im biblischen Sprachgebrauch hat es einen hymnischen Klang. Die Feierlichkeit deutet an: In dem, was da geschieht, ist Gott am Werk. Fast scheint es, als hätte Gott selbst ein Interesse daran, dass wir Menschenkinder uns in die Finsternis hineinbegeben, entsprechend dem Song, den der kanadisch-jüdische Sänger und Poet Leonard Cohen (1934–2016) kurz vor seinem Tod noch geschrieben hat: «You want it darker», «Du, Gott, willst es dunkler». Doch nun, im heutigen Lehrtext, vollzieht sich die Wende. Statt «und» steht «aber». Dieses «aber» markiert die Umkehr am tiefsten Punkt. Hier, ganz unten, geschieht die Rückkehr zum Licht. «Macht geben» ist ein juristischer Ausdruck. Er meint: Wir sind Kinder Gottes, nicht weil wir das im Moment grad so spüren. Es ist gültig, es ist objektiv, es gilt bis ans Ende der Zeit: Wir sind aus Gott gezeugt, sind Licht vom göttlichen Licht. Um ebendies zu erfahren, sind wir in die Finsternis gegangen.

von: Andreas Fischer

9. September

Er gedenkt ewiglich an seinen Bund, an das Wort,
das er verheissen hat für tausend Geschlechter.
Psalm 105,8

Mit «Er» ist «Adonai Elohenu» gemeint, der Ewige, unser
Gott. So wird das Mysterium im vorhergehenden Vers 7
genannt, entsprechend dem Schma Israel, dem jüdischen
Glaubensbekenntnis (5. Mose 6,4). Die heutige Losung bringt
Grundsätzliches zur Sprache. Der Ewige wird ewiglich seines
Bundes gedenken, heisst es da. Das erinnert, erstens, an die
Verheissung Gottes nach Verebben der Sintflut: «Wenn der
Bogen in den Wolken erscheint, dann will ich mich meines
Bundes erinnern, der zwischen mir und euch besteht und
allen Lebewesen. Und nie wieder wird das Wasser zur Sintflut
werden.» (nach 1. Mose 9,14–17) Es erinnert, zweitens, an
das in Ägypten versklavte Volk. Dort, am Anfang des Exodus,
heisst es: «Gott hörte ihr Seufzen, und Gott gedachte seines
Bundes. Und Gott nahm sich ihrer an.» (nach 2. Mose 2,24–25)
Weiter: Der Ewige hat sein Wort, das einst die Welt erschaffen
hat, für tausend Geschlechter – und das heisst: unbegrenzt
– verheissen. Mit (im hebräischen Urtext) demselben
Wort heisst es im Psalter: «Am Tag erweist (bzw. verheisst)
der Ewige seine Gnade, und des Nachts ist sein Lied bei mir.»
(Psalm 42,9) Das Gedenken Gottes gilt also in ökologischer
und sozialer Hinsicht, und es gilt bei Tag und bei Nacht,
allezeit. Gott, im Fluge unserer Zeiten: Gedenke unser!
Richte deinen Regenbogen auf!

Von: Andreas Fischer

8. September

Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben,
lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und
die Sünde, die uns umstrickt.
Hebräer 12,1

Die Metaphorik des heutigen Lehrtextes entstammt der Welt
des Sports. Die «Wolke» meint eine grosse Menschenmenge.
Die «Zeugen» – Zuschauerinnen, Anhänger, Fans – feuern
uns, die Läuferinnen und Läufer, an. Wir legen alle Last ab,
insbesondere die «Sünde», die wie ein an der Haut klebendes
Kleid beim Rennen stört. Es gilt, federleicht zu werden.
Wobei: Die «Zeugen» sind nicht bloss Zuschauende. Sie
sind selber am Wettkampf beteiligt beziehungsweise waren
es – wie der entrückte Henoch, die Prostituierte Rahab und
alle anderen, «derer die Welt nicht würdig war» (vgl. Hebräer
11). Sie sind schon angekommen. Sie haben das Ziel
schon erreicht.
Und auch die «Wolke» ist vermutlich mehr als einfach nur
eine Fankurve. Die Wolke ist Zeichen der Anwesenheit Gottes.
Sie ist gleichsam göttliches Zelt. Sie umhüllt den Sinai,
den heiligen Berg (2. Mose 24,16). Sie wirft ihren Schatten
auf Elija, Mose und Jesus in der Verklärung auf dem Berg
Tabor (Markus 9,7). Der grosse pietistische Theologe Johann
Albrecht Bengel (1687–1752) spricht von einer «heiligen,
durchsichtigen Wolke». Wolken, sagt er, ziehen aufwärts.
«So steigt hier mit heiliger Behändigkeit eine Wolke von
Zeugen empor.» Die Wolke von Zeugen gibt Protektion
und Support. Und sie weist selber die Richtung, den Weg,
der zum Ziel führt. Es gilt, federleicht, eins mit ihr zu werden.

Von: Andreas Fischer