Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu. Prediger 9,10
Was für ein merkwürdiger Rat! Wie ist er gemeint? Der
zweite, nicht zitierte Teil des Verses klärt auf: «… denn im
Totenreich, in das du fährst, gibt es weder Tun noch Denken,
weder Erkenntnis noch Weisheit.» Es ist eine typische «Prediger-
Weisheit» – die bittersüsse Erkenntnis, dass das Leben
endlich ist, alle im Totenreich landen und niemand, weder
die Gerechten noch die Ungerechten, etwas dagegen tun
können. Nun ja, das ist nicht gerade ein Aufsteller! Aber der
Prediger kommt, wenn man weiterliest, dennoch zu einem
positiven Fazit. Er rät denen, die (noch) leben, den Tag zu
geniessen. «Denn wer noch bei den Lebenden weilt, der hat
Hoffnung.» (Vers 4) Ich füge hinzu: «Und wer Hoffnung hat,
der lebt und nutzt die Zeit, die ihm bleibt, um das zu tun,
was nötig ist.» Oder kritisch gewendet: «Verschieb, was du
heute erledigen kannst, nicht auf morgen.» Für mich, der ich
ein Weltmeister im Prokrastinieren bin – ein lustiges Fremdwort
für das gewohnheitsmässige unlustige Aufschieben von
Aufgaben –, ein Ansporn, heute endlich meinen Schreibtisch
aufzuräumen. Bevor ich es anpacke, lese ich in Ruhe das
ganze Kapitel. Und ach, wie schön, der Prediger hat noch
einen Rat: «So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink
deinen Wein mit gutem Mut.» (Vers 7)
Wenn das kein Aufsteller ist? Ich gehe aufgeräumt in den
Tag!
Von: Ralph Kunz