Du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR,
mein Gott! Jona, 2,7
Während ich diese Sätze schreibe, läuft im Norden Deutschlands
gerade die Rettungsaktion für einen gestrandeten
Buckelwal. Tierschützer und Veterinärinnen versuchen über
mehrere Wochen mit allen Mitteln, das in Netzen verhedderte,
stark geschwächte Tier aus einer Bucht zurück ins
offene Meer zurückzuführen. Daran musste ich unweigerlich
denken, als ich wieder einmal die Geschichte von Jona
las: der Prophet, dessen Leben plötzlich ausweglos scheint
und sich in Sinn- und Antriebslosigkeit verfangen hat, bis
er schliesslich im Sturm auf hoher See untergeht und von
einem grossen «Fisch» verschluckt wird. In dessen Bauch
betet er und schöpft neue Hoffnung, dass Gott ihn nicht
aufgegeben hat. Nachdem Jona vom Wal ausgespuckt worden
ist, beginnt er ein neues Leben.
Ob diese Geschichte von Jona die Menschen beschäftigte,
die sich für die Rückführung des Wals aus der Bucht ins Meer
engagierten? Ob sich hinter dieser übermässigen Tierliebe
die Hoffnung verbirgt, der ganzen Schöpfung zur Genesung
zu verhelfen? So sehe ich im bewundernswerten, aber auch
befremdlichen Rettungseifer die Hoffnung auf die Rückkehr
in eine intakte glückliche Existenz; in eine vollkommene
Zufriedenheit und Einigkeit mit sich selbst. Auch wenn wir
nicht genau wissen, was mit dem geretteten Wal geschah,
zeigt uns der Rettungsversuch die Verbundenheit des Menschen
mit der Schöpfung auf.
Von: Esther Hürlimann