HERR, neige mein Herz nicht zum Bösen. Psalm 141,4
David betet. Er bittet nicht nur darum, vor bösen Taten
verschont zu werden – nicht einfach: «Bewahre mich vor
falschem Handeln.» Er geht tiefer: «Bewahre mein Herz
davor, sich vom Bösen hineinziehen zu lassen.» Die Bitte
zielt auf das Innere, das Herz. Denn wir kennen es alle: Bitterkeit
wächst. Neid kommt auf. Man wünscht einem anderen
insgeheim etwas Schlechtes. Die Tat steht meist nicht am
Anfang. Das Böse beginnt im Verborgenen, im Herzen, in
Gedanken, die sich festsetzen und Kreise ziehen. Soll man
Schuld auf sich nehmen, um grösseres Unrecht zu verhindern?
Dietrich Bonhoeffer lebte in dieser Spannung. Wenn
wegsehen noch schuldiger machen würde, muss ich aus
der Verantwortung heraus handeln. Doch vor Gott muss
ich dafür Rechenschaft ablegen. Das Handeln bleibt Sünde;
es wird nicht gerechtfertigt. Es geschieht im Vertrauen auf
Gottes Gnade. Entscheidend ist das Herz: dass es nicht aus
Hass oder Selbstrechtfertigung handelt, sondern gebunden
bleibt an Gott.
«Gott, neige mein Herz nicht zum Bösen.»
Bewahre mein Herz, bevor Gedanken sich verfangen, bevor
Worte scharf werden, bevor Entscheidungen im Innersten
reifen und weitreichende Folgen haben. Lenke mich zu dir.
Lenke du, Gott, mein Innerstes zu dir. Herr, neige mein Herz
nicht zum Bösen, sondern zu dir.
Von: Simon Sigrist-Hellingman