In Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt.
Hiob 12,10

Für sich betrachtet, könnte dieser Vers ein Ausdruck von
tiefem Gottvertrauen sein: «Gott hält die ganze Welt in seiner
Hand», haben wir oft gesungen. Alles ist weise geordnet.
Auch das Vieh auf dem Felde, die Vögel unter dem Himmel,
die Sträucher auf der Erde, die Fische im Meer können davon
erzählen (vgl. Verse 7 f.). «Wer erkennte nicht an dem allem,
dass des Ewigen Hand das gemacht hat, dass in Gottes Hand
ist die Seele von allem, was lebt?» (Verse 9 ff.).
Das Fragezeichen, das auch zum Text gehört, weist jedoch
darauf hin, dass hier nichts so ist, wie es scheint. Für Hiob
ist Gottes Hand ein Schrecken: Alles wurde ihm genommen:
Söhne und Töchter, Reichtum und Ansehen, Stärke
und Gesundheit (vgl. Kapitel 1–3). Alles, was Hiobs Leben
Sinn, Massstab, Richtung und Ziel gab, ist zerbrochen. Gott
ist ihm zum Feind geworden (16,9 ff.).
Es ist ein hartes Stück Arbeit, sich durch Hiobs Kampf mit
Gott, wie er im Hiobbuch geschildert wird, zu kämpfen. Da
ist wenig tröstlich oder aufbauend. Und doch spüre ich in
diesem zähen, mühevollen Ringen Hiobs mit, für und um
Gott eine Kraft, die mich berührt und umtreibt. Gott, wie
er Hiob begegnet, übersteigt meine Vorstellungskraft. Meine
Fragen bleiben, auch meine Neugier und mein Ringen um
Vertrauen: Ist nicht in Gottes Hand alles, was lebt?

Von: Annegret Brauch