Ach, Herr, du grosser und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt und Unrecht getan. Daniel 9,4–5
Kann ich mich auf diesen Vers einlassen ohne Abwehr, ohne voreiligen Widerspruch?
Daniel, der Prophet im Exil im fernen Babylon, kennt Jerusalem und seine katastrophale Zerstörung nur aus den Erzählungen der Alten. Selber schuld? Ja, davon ist er überzeugt.
Aber er ist ebenso überzeugt, dass sein Volk in der Diaspora immer noch Gottes Volk ist. Er ruft nicht einen strafenden, rächenden Angstmacher-Gott an. Nein, er ahnt seine Grösse und Erhabenheit, und er hält sich an seine Treue, umso mehr, als ihm die Schuld seines Volkes bewusst ist. Das ist nicht Angst, das ist Vertrauen. Sind vielleicht Gottesfurcht und Gottvertrauen zwei Seiten derselben Medaille?
Gottesfurcht wird an zentraler Stelle so umschrieben: «Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir, als dass du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, auf allen seinen Wegen gehst, ihn liebst und dem Herrn, deinem Gott, dienst von ganzem Herzen und von ganzer Seele.» (5. Mose 10,12)
Für uns Heutige scheint der Begriff «Gottesfurcht» aus der Zeit gefallen zu sein. Dagegen lehren uns Nachrichten von Krieg und Zerstörung das Fürchten. Wie wäre es, unseren Ängsten die Gottesfurcht entgegenzusetzen?
Von: Dorothee Degen-Zimmermann