Der HERR sprach zu Jona: Meinst du, dass du
mit Recht zürnst? Jona 4,4
«Noch vierzig Tage, dann ist Ninive zerstört!» (Jona 3,4)
Um diesen knappen Satz herum ist die ganze Jona-Novelle aufgebaut. Es ist die unglaubliche Geschichte eines von Gott erwählten Mannes, der der Grossstadt Ninive die unmittelbare und unausweichliche Vernichtung ankündigt. Und der mit diesem einen Satz eine radikale Veränderung in der Stadt bewirkt: Die Menschen von Ninive samt ihrem König werden schlagartig gottgläubig, rufen ein Fasten aus und legen Trauergewänder an, um deutlich zu machen, dass sie umkehren und ihr sündiges Tun sofort aufgeben wollen, weil das diesen Gott vielleicht doch noch gnädig stimmen könnte. Ein überwältigender Erfolg für Jona – eigentlich – und der zur Folge hat, dass Gott tatsächlich die riesige Stadt verschont: Der grosse Gott zeigt seine grosse Barmherzigkeit!
Aber: Der kleine Prophet hat nicht das geringste Verständnis dafür! Er, der von Gott aus der Unterwelt, dem Bauch des grossen Fischs, befreit und errettet wurde, kann nicht verstehen, dass sein Gott die sündige Stadt Ninive mit über 100 000 Einwohnern (und dem vielen Vieh!) rettet. Er schmollt, er ärgert sich über seinen Gott und zürnt ihm. Er will einen klaren, gradlinigen Gott, der seine Ankündigungen wahrmacht. Und nicht einen, dem das Leben der Menschen und ihre Einsicht in ihr Tun wichtiger ist. Gottes Barmherzigkeit stört sein Bild von Gott …
Von: Hans Strub