Gott hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, indem er ihn vor allen Menschen
beglaubigte durch die Auferstehung von den Toten. Apostelgeschichte 17,31

Apostel Paulus holt die Menschen dort ab, wo sie sind. Eine
Inschrift, die einen Athener Tempel «dem unbekannten
Gott» (Apostelgeschichte 17,23) widmet, interpretiert er als
fromme Gottessuche. Zugleich macht er die Mauern der
Heiligtümer durchlässig für das Leben. Denn der Gott, von
dem der Apostel erzählt, lässt sich in Tempeln vielleicht
verehren, aber nicht finden. Die Suche nach Gott muss sich
an der Frage ausrichten, «ob er denn nicht zu spüren und
zu finden sei; denn er ist ja jedem einzelnen unter uns nicht
fern» (Apostelgeschichte 17,27).
Dieser Gedanke sollte für den interreligiösen Dialog leitend
sein. Religionen sind unterschiedliche Wege zu Gott, sich
zuweilen widersprechende Interpretationen seiner Offenbarung.
Allerdings scheint die Tür zur versöhnten Vielfalt ins
Schloss zu fallen, wenn Paulus den Exklusivitätsanspruch für
den christlichen Glauben reklamiert und das Gericht durch
Christus ankündigt. Doch wer so argumentiert, hat nicht
genau gelesen. Gott hat den Tag festgesetzt, an dem er die
Welt richtet und ausrichtet an den Geboten seiner Liebe und
Gerechtigkeit. Deshalb dürfen die Menschen, die sich fromm
nennen, das Urteilen getrost ihm überlassen und das leben,
was Gott in Christus verkündigt: die Liebe.

Von: Felix Reich