Schlagwort: Felix Reich

2. Juli

Der Engel sprach zu Josef: Maria wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Matthäus 1,21

Es ist ein grosses Versprechen, das der Engel Josef gibt und
das eigentlich der ganzen Menschheit gilt. Und es lässt aufhorchen:
Gerettet werden sollen die Menschen nicht vor
äusseren Einflüssen und Gefahren, vielmehr sollen sie befreit
werden von den Sünden, die sie selbst begehen.
Wenn unter Sünden all das verstanden wird, was uns von
Gott trennt und seine Gebote bricht, so ist die Prophezeiung
des Engels nicht eingetreten. In dunklen Momenten ahne
ich, sie sei so fern wie kaum je zuvor. Ruchlose Terrorregimes
führen einen Krieg gegen die Freiheit und das eigene
Volk. Narzisstische Despoten diktieren der Welt ihre Regeln.
Gierige Konzerne beuten Menschen und Natur aus für den
kurzfristigen Profit. Den unmittelbaren Preis für ihre Sünden
bezahlen sie allerdings nicht selbst. Die Schöpfung und ihre
Bewohnerinnen und Bewohner tun es, indem sie unter Krieg,
Armut und Umweltschäden leiden.
Die Botschaft des Lebens, die mit dem Kind in die Welt
kam, ist dennoch Wirklichkeit. Wo immer Menschen sich
einander zuwenden und das Wunder des Teilens gelingt, wo
Frieden wächst und Versöhnung gedeiht, ereignet sich die
vom Engel verheissene Rettung, nach der die Menschheit
sich sehnt.

Von: Felix Reich

1. Juli

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis. Sprüche 1,7

Mit der Furcht vor Gott ist nicht Angst gemeint. Vielmehr
geht es um Ehrfurcht und Aufmerksamkeit für Gott. Gott
verlangt nicht die Unterordnung unter seine Macht. Der
Glaube lädt ein zur Demut und steht für die Erkenntnis,
dass der Mensch nicht alles selbst im Griff hat. Jeder Mensch
ist angewiesen auf Fügung und Zuversicht und auf andere
Menschen und ihre Hilfe und Zuwendung.
Wer aufmerksam ist für Gott, lernt die Ehrfurcht vor dem
Leben. Denn Gott zieht den Menschen in jenen Raum hinein,
in dem die Hoffnung lebt. Im Licht dieser Gottesfurcht
sind die Menschen aufgerufen zu einem sorgsamen und
ehrfürchtigen Umgang mit der Schöpfung, einem Zusammenleben,
das sich am Wohl der Schwachen messen lässt,
und einem Miteinander, das auf Versöhnung ausgerichtet ist.
Diese Vision des Zusammenlebens, von dem die Bibel
erzählt, ist nicht naiv. Schrecklich naiv ist stattdessen die
Vorstellung, dass sich die riesigen Herausforderungen, vor
denen die Menschheit steht, mit Aggression und Habgier,
Mauern und Stacheldrähten, Kriegen und Raubbau an der
Natur und ohne jede Ehrfurcht vor Gott, der das Leben ist,
bewältigen liessen. Diese Einsicht und damit «die Furcht vor
Gott» steht tatsächlich am Anfang jeder Erkenntnis.

Von: Felix Reich

2. Mai

Wer von sich sagt, dass er mit Gott verbunden ist,
soll auch so leben, wie Jesus gelebt hat. 1. Johannes 2,6

Der Traditionsabbruch ist Realität. Der biblische Analphabetismus
grassiert. Warum Diakonie zum christlichen Glauben
gehört und was sie vom sozialen Engagement unterscheidet,
verschwindet oft im Nebel des Unwissens und vielleicht
auch des Desinteresses. Die Kirche kämpft deshalb gegen
ihren Bedeutungsverlust und behauptet ihre gesellschaftliche
Relevanz. Sie beansprucht für sich, die Hüterin oder gar
Erfinderin jener Werte zu sein, welche die demokratische
Gesellschaft zusammenhalten.
Relevanz kann eine Institution für sich zwar behaupten, doch
um tatsächlich relevant zu sein, muss ihr ihre Bedeutung von
aussen zugeschrieben werden. Wirkliche Relevanz hat nur,
wer für andere relevant ist. Die Kirche kann ihre Relevanz
nicht selbst herstellen, sie muss sich erweisen, sich zeigen.
Biblische Geschichten immer wieder neu zu erzählen, ist
wichtig, um dem Traditionsabbruch zu begegnen. Der
Johannesbrief erinnert aber eindringlich daran, dass Glaube
keine abstrakte Erkenntnis ist, kein exklusives Wissen über
Gott: «Dass wir ihn erkannt haben, erkennen wir daran, dass
wir seine Gebote halten.» (1. Johannes 2,3)
Wenn die Kirche sich der Nachfolge verschreibt, erweist
sie ihre Relevanz. Denn Menschlichkeit hat die Welt nötig.
Immer, jederzeit, überall.

Von: Felix Reich

1. Mai

Mich sollst du fürchten und dich zurechtweisen lassen.
Zefanja 3,7

«Fürchte dich nicht!» Der Satz steht mehrfach in der Bibel
und wird auch gerne zitiert. Es ist das Engelswort, das uns
nicht die Angst nehmen kann, aber uns bewegen und verhindern
will, dass wir in unserer Furcht erstarren. Wie die
Hirtinnen und Hirten auf dem Feld sollen wir unsere Skepsis
überwinden und uns aufmachen, um das Wunder, das mitten
in der Welt aufbrechende Himmelreich, das Licht, das
im Dunkeln leuchtet, zu suchen.
Der Prophet spricht ganz anders. Er spricht in eine Welt hinein,
in der die Mächtigen keine Scham kennen, und entwirft
ein Bedrohungsszenario. Gott werde als Zeuge der Anklage
auftreten und «die Fülle seines glühenden Zorns» über der
Welt ausgiessen, von seiner Eifersucht wird «die ganze Welt
gefressen» (Zefanja 3,8).
Dass Städte verheert und Strassen in Trümmer gelegt werden,
wie es der Prophet beschreibt, ist Realität. Auch dass
Regime ihre Macht selbst legitimieren, ohne Scham und
Ehrfurcht vor dem Leben ihre Ordnung zementieren, ist
bittere Wirklichkeit. Dagegen lehnt sich der Prophet auf.
Und so schwingt in seinem Aufruf zur Furcht das «Fürchte
dich nicht!» mit, das der Bibel als roter Faden eingewoben
ist: Gott stützt nicht die Ordnung, die unterdrückt. Seine
Botschaft des Lebens lehrt die Unterdrücker das Fürchten.

Von: Felix Reich

2. März

Es werden sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden. Psalm 22,28

Die Passionsgeschichte orientiert sich bis ins Detail an diesem Psalm, der mit dem Schrei der Gottverlassenheit beginnt, den Jesus am Kreuz zitiert: Ein Mensch sieht sich Spott und Gewalt, dem Tod ausgeliefert. Um sein Gewand wird das Los geworfen. In seiner Klage liegt sein Bekenntnis: «Sei nicht fern von mir, denn die Not ist nahe.» (Psalm 22,12)
In der dunkelsten Stunde des Martyriums wendet sich der Beter Gott zu und ringt darum, dass die Distanz überwunden wird. Er bittet nicht um Rettung, er fleht um Nähe. Sein Gebet wird erhört, und der Klagepsalm kippt unverhofft in den Lobgesang. Am Ende steht der Bericht von der Rettung eines Todgeweihten. Die Bedeutung des Wunders geht weit über das individuelle Schicksal hinaus. Sie ist das Fundament der Verheissung, dass sich alle Welt Gott zuwenden und sich zu ihm bekehren wird.
Von der Überwindung der Gottesferne erzählt auch die Passionsgeschichte. An Ostern legt der Jünger Thomas den Finger in die Wunde und erkennt Christus an den Spuren der Gewalt, die er erlitten hat. Der Auferstandene kehrt als Verstossener zu den Menschen zurück, um unter ihnen jene Nähe zu stiften, die Leben verheisst. Gott unterlässt keinen Versuch, die Distanz zu den Menschen zu überwinden, und wendet sich ihnen zu bis ans Ende aller Welt.

Von: Felix Reich

1. März

Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 1. Johannes 5,3

Die Liebe zu Gott ist eine Tätigkeit. Sie erschöpft sich nicht in der Anbetung und Verehrung. Vielmehr zeigt sie sich im Leben, in der Haltung gegenüber den Mitmenschen und im verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung.
Wer sich an die Gebote Gottes hält, bezeugt seine Liebe zu Gott. Die Gebote sind keine starren Verbote, sondern Aufforderung und Ermutigung, die Welt zum Guten zu verändern: Indem ich teile, statt für mich zu behalten. Indem ich versuche, Versöhnung zu stiften, statt zu spalten. Indem ich verzichte, statt alles für mich zu beanspruchen. So wie es Jesus vorgelebt hat und wie es unzählige Frauen und Männer, die sich in den Dienst des Friedens und der Nächstenliebe gestellt haben, in seiner Nachfolge getan haben und bis heute tun.
Am Anspruch der Nachfolge scheitere ich allerdings immer wieder. Sind die Gebote also nicht eigentlich ungeheuer schwer einzuhalten? Nein. Denn leicht sind sie insofern, als sie Gewicht von den Schultern nehmen und befreien. In einer Gemeinschaft, in der Menschen guten Willens sind, sich einander in Liebe zuzuwenden, einander zu verzeihen und Gemeinschaft zu leben, wird licht und tatsächlich leicht ums Herz.

Von: Felix Reich

2. Januar

Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort
mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, auf dass ihr Segen erbt.
1. Petrus 3,9

Der Brief an die frühchristliche Gemeinde, die als Minderheit Anfeindungen und der Verfolgung ausgesetzt ist, zeichnet nach innen ein harmonisches Bild. Voller Mitgefühl sollen die Menschen füreinander sein und in geschwisterlicher Liebe zusammenleben. Und sollte doch einmal Streit entstehen, dürfen keine Retourkutschen gefahren werden, stattdessen gilt es, Segen zu spenden.
Harmoniesucht überdeckt Gräben. Sie verhindert den gesunden Streit. Und das Zulassen von unterschiedlichen Meinungen, das Aushalten von Differenzen und die Debatte, in der nicht Einigkeit das Ziel ist, sondern der Austausch von Argumenten, sind Grundlagen des Zusammenlebens.
Aber vielleicht gilt es, Harmonie musikalisch zu verstehen: als Zusammenspiel unterschiedlicher Töne, das zuweilen auch Dissonanzen aushält. Der Apostel formuliert einen Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die sich in weltanschaulichen Grabenkämpfen verliert. Ein Segenswort ebnet Differenzen nicht einfach ein, aber es setzt auf das, was eint, und nicht auf das, was trennt. Es richtet sich nach Gott aus und hält an der Geschwisterlichkeit aller Menschen fest. Unter Geschwistern lässt sich bekanntlich gut streiten.

Von: Felix Reich

1. Januar

Der HERR wird aufheben die Schmach
seines Volks in allen Landen.
Jesaja 25,8

Es ist eine opulente Vision der Hoffnung, die der Prophet ins Bild setzt. Gott wendet sich allen Völkern zu und bereitet ihnen auf dem Berg «ein fettes Mahl» (Jesaja 25,6). Die Menschen sollen sich nicht nur satt essen, Gott will sie auch befreien von der Schmach, die sie erlitten haben, und von der Angst vor dem Tod: «Den Tod hat er für immer verschlungen, und die Tränen wird Gott der Herr von allen Gesichtern wischen.» (Jesaja 25,8)
Die aufscheinende Jenseitshoffnung leuchtet hell mitten ins Diesseits, ins Leben und in die Welt hinein. Sie will die dunkle Macht der Gewalt, der Vergeltung und des Todes brechen. Und sie verspricht all jene zu sättigen, die hungern nach Brot und nach Gerechtigkeit.
Das Versprechen vom göttlichen Mahl, das den Hunger stillt und vom Joch der Unterdrückung befreit, ist das Bild, das all jene Menschen eint, die an der Gewissheit festhalten, dass eine andere Welt möglich ist: in der geteilt statt geraubt, versöhnt statt vergolten, Frieden gestiftet statt Zwietracht gesät wird. Der Weg auf diesen Gipfel ist weit; wer ihn geht, rutscht immer wieder ab. Doch Gott kommt entgegen und schenkt den Mut, weiterzugehen und sich von der Hoffnung immer wieder neu berühren und bewegen zu lassen.

Von: Felix Reich

24. Dezember

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit
als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller
Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14

Nicht mit einem Wort kommt Gott in die Welt, sondern
mit einem Schrei. Weihnachten ist das Fest des Wunders der
Geburt. Mit dem Schrei der Bedürftigkeit kommt das Kind
in die Welt, ausgeliefert und verletzlich. Es ist darauf angewiesen,
dass es auch ohne Worte verstanden wird.
Lange bevor es eigene Worte findet, erfährt das Kind die
Kraft der Worte. Es erkennt, dass Worte Zuwendung bedeuten
können und wie heilsam gutes Zureden sein kann. Es
lauscht dem Durcheinander der Stimmen. Es beobachtet,
wie Worte hin und her fliegen können, wie sie verletzen und
versöhnen, verhöhnen und stärken, klären und verwirren
können.
Jenes Kind, das im Stall von Bethlehem zur Welt gekommen
ist, findet später eigene Worte. Seine Worte rütteln auf
und provozieren, lassen Wahrheiten aufscheinen, stärken
den Glauben, dass eine andere Welt möglich ist. Sie heilen,
schenken Hoffnung und lassen das Himmelreich anbrechen,
indem sie Menschen bewegen und dazu ermutigen, sich in
Liebe einander zuzuwenden, Grenzen zu überwinden, Frieden
zu stiften. Mit jedem Wort.

Von: Felix Reich

23. Dezember

Sei getrost, alles Volk im Lande, spricht der HERR,
und arbeitet! Denn ich bin mit euch. Haggai 2,4

Der Wideraufbau des Tempels benötigt Kraft und Mut. Es
sind unsichere Zeiten, die Welt ist im Umbruch, die politische
Situation unbeständig. Im Volk wächst der Widerstand
gegen das Bauprojekt. Der Prophet Haggai redet gegen die
Skepsis an und versucht den Einwand zu zerstreuen, dass der
Neubau nicht an die Herrlichkeit des alten Tempels heranreichen
werde.
Kirchen werden zurzeit kaum neu gebaut. Zumindest nicht
hierzulande. Einige Kirchen erscheinen inzwischen gar zu
gross, sind vielleicht sogar überflüssig geworden. Ideen für
eine neue Nutzung gibt es zwar viele. Oft aber scheitern sie
am fehlenden Mut und an der Nostalgie. Denn eine Kirche
loszulassen, schmerzt. Und eine Nutzung zu finden, die keine
Risiken mit sich bringt, ist eigentlich unmöglich.
Vielleicht braucht es deshalb vermehrt Prophetinnen und
Propheten, die gegen Verlustängste und Verzagtheit anreden.
Und dazu ermutigen, die Zeit des Umbruchs, in der
die Institution Kirche steckt, mit jener Zuversicht, die der
Prophet Haggai einfordert, anzugehen. So wächst das Vertrauen,
dass für jede Kirche gilt, was Gott für den neuen
Tempel verspricht: «Und an dieser Stätte werde ich Frieden
schenken!» (Haggai 2,9)
Kirchen, Moscheen, Synagogen als Orte des Friedens: Das
genügt als Nutzungsbedingung.

Von: Felix Reich