Schlagwort: Felix Reich

2. November

Gott hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, indem er ihn vor allen Menschen
beglaubigte durch die Auferstehung von den Toten. Apostelgeschichte 17,31

Apostel Paulus holt die Menschen dort ab, wo sie sind. Eine
Inschrift, die einen Athener Tempel «dem unbekannten
Gott» (Apostelgeschichte 17,23) widmet, interpretiert er als
fromme Gottessuche. Zugleich macht er die Mauern der
Heiligtümer durchlässig für das Leben. Denn der Gott, von
dem der Apostel erzählt, lässt sich in Tempeln vielleicht
verehren, aber nicht finden. Die Suche nach Gott muss sich
an der Frage ausrichten, «ob er denn nicht zu spüren und
zu finden sei; denn er ist ja jedem einzelnen unter uns nicht
fern» (Apostelgeschichte 17,27).
Dieser Gedanke sollte für den interreligiösen Dialog leitend
sein. Religionen sind unterschiedliche Wege zu Gott, sich
zuweilen widersprechende Interpretationen seiner Offenbarung.
Allerdings scheint die Tür zur versöhnten Vielfalt ins
Schloss zu fallen, wenn Paulus den Exklusivitätsanspruch für
den christlichen Glauben reklamiert und das Gericht durch
Christus ankündigt. Doch wer so argumentiert, hat nicht
genau gelesen. Gott hat den Tag festgesetzt, an dem er die
Welt richtet und ausrichtet an den Geboten seiner Liebe und
Gerechtigkeit. Deshalb dürfen die Menschen, die sich fromm
nennen, das Urteilen getrost ihm überlassen und das leben,
was Gott in Christus verkündigt: die Liebe.

Von: Felix Reich

1. November

Er wird herrlich werden bis an die Enden der Erde. Micha 5,3

Der Prophet predigt den Untergang. Für eine Umkehr scheint
es zu spät und das angekündigte Unheil unausweichlich.
Besonders scharf kritisiert Micha die Habgier der Oberschicht,
die das Volk ins Verderben führt. Das Untergangsszenario
kontrastiert mit dem Versprechen des Neuanfangs. In der
apokalyptischen Vision liegt immer die Hoffnung, dass die
Katastrophe nur ein Übergang ist. Micha kündigt die Ankunft
eines starken Herrschers an, der den Feind in die Flucht schlagen
und die Rückkehr der Vertriebenen ermöglichen wird.
«Und mit ihm wird der Friede kommen.» (Micha 5,4)
Apokalyptische Bilder sind beängstigend aktuell: Sturzfluten,
brennende Wälder, ausgebombte Städte, ausgetrocknete
Flussbetten. Und auch die Habgier und die Sucht nach
immer mehr, die Micha schonungslos kritisiert, klingen nur
allzu vertraut. Die einzige Hoffnung ist, dass die beängstigenden
Nachrichten nicht das Ende bedeuten, sondern ein
Übergang sind. Was es dafür braucht, ist allerdings kaum
die eiserne Faust eines starken Herrschers. Nötig ist die Einsicht,
dass im Verzicht eine grosse Freiheit liegt. Und die
Zuversicht, dass in den kleinen Akten der Rücksichtname
und im Wunder des Teilens jene Kraft liegt, die eine andere
Welt möglich macht als jene, die der Prophet dem Untergang
weiht.

Von: Felix Reich

2. September

So spricht der HERR Zebaoth: Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an. Sacharja 2,12

Jerusalem wird als eine Stadt gezeichnet, die so gross wird, dass kein Band ausreicht, um sie zu vermessen. Ihre Grenzen sind zu weit, als dass sie durch Mauern und Befestigungen abgeriegelt und geschützt werden könnten. Stattdessen soll Jerusalem «ein offener Ort bleiben», damit all die Menschen, die zu ihm hinströmen, Platz finden. Es ist die Vision eines vitalen, pulsierenden Weltzentrums.

Für den Schutz der Stadt garantiert Gott. Er warnt die Völker davor, Zion nur schon anzutasten. Allerdings droht Gott nicht mit Vergeltung. Er ist es nicht, der Zerstörung über die Völker bringt. Wer Zion antastet, geht an sich selbst zugrunde, weil er «seinen Augapfel» antastet und sich so selbst verletzt.

Ein starkes Bild: Wenn Menschen einander Gewalt antun, verletzen sie sich am eigenen Auge. Sie werden blind. Sie verlieren die offene Gesellschaft aus dem Blick, die Stadt, die den Menschen Zuflucht bietet und Hoffnung schenkt. Diese Weltstadt kann nicht durch Stacheldrähte gesichert werden. Sie verlangt nach Frieden und offenen Augen für die Mitmenschen. Wer hingegen Gewalt ausübt, vergeht sich an dieser Vision und damit an der Menschheit selbst. Und er gefährdet den eigenen Augapfel, etwas vom Kostbarsten und Verletzlichsten, das er besitzt.

Von: Felix Reich

1. September

So spricht der HERR, dein Erlöser, der dich von Mutterleibe bereitet hat: Ich bin der HERR, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest macht ohne Gehilfen. Jesaja 44,24

Durch das prophetische Wort beansprucht Gott seinen unangefochtenen Rang. Er fordert Gehorsam und Dienerschaft. Alle Wahrsager straft er Lügen und gibt sie der Lächerlichkeit preis, die Zeichen der Orakelpriester verlieren ihre Gültigkeit. Gott ist jene Macht über allen Mächten, die keine Gehilfen braucht. Selbst Himmel und Erde, die Bäume und die gesamte Schöpfung singen ihm ihr Loblied.

Die Herrschaft Gottes gründet aber nicht auf Gewalt. Gott verlangt nicht Unterwerfung, er verspricht Erlösung. Alle Vergehen hat er weggewischt, Sünden aufgelöst wie flüchtiges Gewölk. Gott schenkt die Hoffnung, dass auf den Trümmern der Geschichte eine verheissungsvolle Zukunft auf-gebaut werden kann. Er richtet die Menschen, die sich ihm anvertrauen, aus und immer wieder auf.

Zum Menschen bekannt hat sich Gott, noch bevor sich jemand zu ihm bekennen konnte, denn er hat ihn «von Mutterleibe bereitet». Es ist eine Zusage, die Geborgenheit verheisst. Das passende Bild dafür, das Erfahrung ist, scheint mir keine spektakuläre Erweckung, sondern das getroste Einschlafen mit vertrauten Liedern und Gebeten.

Von: Felix Reich

2. Juli

Der Engel sprach zu Josef: Maria wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Matthäus 1,21

Es ist ein grosses Versprechen, das der Engel Josef gibt und
das eigentlich der ganzen Menschheit gilt. Und es lässt aufhorchen:
Gerettet werden sollen die Menschen nicht vor
äusseren Einflüssen und Gefahren, vielmehr sollen sie befreit
werden von den Sünden, die sie selbst begehen.
Wenn unter Sünden all das verstanden wird, was uns von
Gott trennt und seine Gebote bricht, so ist die Prophezeiung
des Engels nicht eingetreten. In dunklen Momenten ahne
ich, sie sei so fern wie kaum je zuvor. Ruchlose Terrorregimes
führen einen Krieg gegen die Freiheit und das eigene
Volk. Narzisstische Despoten diktieren der Welt ihre Regeln.
Gierige Konzerne beuten Menschen und Natur aus für den
kurzfristigen Profit. Den unmittelbaren Preis für ihre Sünden
bezahlen sie allerdings nicht selbst. Die Schöpfung und ihre
Bewohnerinnen und Bewohner tun es, indem sie unter Krieg,
Armut und Umweltschäden leiden.
Die Botschaft des Lebens, die mit dem Kind in die Welt
kam, ist dennoch Wirklichkeit. Wo immer Menschen sich
einander zuwenden und das Wunder des Teilens gelingt, wo
Frieden wächst und Versöhnung gedeiht, ereignet sich die
vom Engel verheissene Rettung, nach der die Menschheit
sich sehnt.

Von: Felix Reich

1. Juli

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis. Sprüche 1,7

Mit der Furcht vor Gott ist nicht Angst gemeint. Vielmehr
geht es um Ehrfurcht und Aufmerksamkeit für Gott. Gott
verlangt nicht die Unterordnung unter seine Macht. Der
Glaube lädt ein zur Demut und steht für die Erkenntnis,
dass der Mensch nicht alles selbst im Griff hat. Jeder Mensch
ist angewiesen auf Fügung und Zuversicht und auf andere
Menschen und ihre Hilfe und Zuwendung.
Wer aufmerksam ist für Gott, lernt die Ehrfurcht vor dem
Leben. Denn Gott zieht den Menschen in jenen Raum hinein,
in dem die Hoffnung lebt. Im Licht dieser Gottesfurcht
sind die Menschen aufgerufen zu einem sorgsamen und
ehrfürchtigen Umgang mit der Schöpfung, einem Zusammenleben,
das sich am Wohl der Schwachen messen lässt,
und einem Miteinander, das auf Versöhnung ausgerichtet ist.
Diese Vision des Zusammenlebens, von dem die Bibel
erzählt, ist nicht naiv. Schrecklich naiv ist stattdessen die
Vorstellung, dass sich die riesigen Herausforderungen, vor
denen die Menschheit steht, mit Aggression und Habgier,
Mauern und Stacheldrähten, Kriegen und Raubbau an der
Natur und ohne jede Ehrfurcht vor Gott, der das Leben ist,
bewältigen liessen. Diese Einsicht und damit «die Furcht vor
Gott» steht tatsächlich am Anfang jeder Erkenntnis.

Von: Felix Reich

2. Mai

Wer von sich sagt, dass er mit Gott verbunden ist,
soll auch so leben, wie Jesus gelebt hat. 1. Johannes 2,6

Der Traditionsabbruch ist Realität. Der biblische Analphabetismus
grassiert. Warum Diakonie zum christlichen Glauben
gehört und was sie vom sozialen Engagement unterscheidet,
verschwindet oft im Nebel des Unwissens und vielleicht
auch des Desinteresses. Die Kirche kämpft deshalb gegen
ihren Bedeutungsverlust und behauptet ihre gesellschaftliche
Relevanz. Sie beansprucht für sich, die Hüterin oder gar
Erfinderin jener Werte zu sein, welche die demokratische
Gesellschaft zusammenhalten.
Relevanz kann eine Institution für sich zwar behaupten, doch
um tatsächlich relevant zu sein, muss ihr ihre Bedeutung von
aussen zugeschrieben werden. Wirkliche Relevanz hat nur,
wer für andere relevant ist. Die Kirche kann ihre Relevanz
nicht selbst herstellen, sie muss sich erweisen, sich zeigen.
Biblische Geschichten immer wieder neu zu erzählen, ist
wichtig, um dem Traditionsabbruch zu begegnen. Der
Johannesbrief erinnert aber eindringlich daran, dass Glaube
keine abstrakte Erkenntnis ist, kein exklusives Wissen über
Gott: «Dass wir ihn erkannt haben, erkennen wir daran, dass
wir seine Gebote halten.» (1. Johannes 2,3)
Wenn die Kirche sich der Nachfolge verschreibt, erweist
sie ihre Relevanz. Denn Menschlichkeit hat die Welt nötig.
Immer, jederzeit, überall.

Von: Felix Reich

1. Mai

Mich sollst du fürchten und dich zurechtweisen lassen.
Zefanja 3,7

«Fürchte dich nicht!» Der Satz steht mehrfach in der Bibel
und wird auch gerne zitiert. Es ist das Engelswort, das uns
nicht die Angst nehmen kann, aber uns bewegen und verhindern
will, dass wir in unserer Furcht erstarren. Wie die
Hirtinnen und Hirten auf dem Feld sollen wir unsere Skepsis
überwinden und uns aufmachen, um das Wunder, das mitten
in der Welt aufbrechende Himmelreich, das Licht, das
im Dunkeln leuchtet, zu suchen.
Der Prophet spricht ganz anders. Er spricht in eine Welt hinein,
in der die Mächtigen keine Scham kennen, und entwirft
ein Bedrohungsszenario. Gott werde als Zeuge der Anklage
auftreten und «die Fülle seines glühenden Zorns» über der
Welt ausgiessen, von seiner Eifersucht wird «die ganze Welt
gefressen» (Zefanja 3,8).
Dass Städte verheert und Strassen in Trümmer gelegt werden,
wie es der Prophet beschreibt, ist Realität. Auch dass
Regime ihre Macht selbst legitimieren, ohne Scham und
Ehrfurcht vor dem Leben ihre Ordnung zementieren, ist
bittere Wirklichkeit. Dagegen lehnt sich der Prophet auf.
Und so schwingt in seinem Aufruf zur Furcht das «Fürchte
dich nicht!» mit, das der Bibel als roter Faden eingewoben
ist: Gott stützt nicht die Ordnung, die unterdrückt. Seine
Botschaft des Lebens lehrt die Unterdrücker das Fürchten.

Von: Felix Reich

2. März

Es werden sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden. Psalm 22,28

Die Passionsgeschichte orientiert sich bis ins Detail an diesem Psalm, der mit dem Schrei der Gottverlassenheit beginnt, den Jesus am Kreuz zitiert: Ein Mensch sieht sich Spott und Gewalt, dem Tod ausgeliefert. Um sein Gewand wird das Los geworfen. In seiner Klage liegt sein Bekenntnis: «Sei nicht fern von mir, denn die Not ist nahe.» (Psalm 22,12)
In der dunkelsten Stunde des Martyriums wendet sich der Beter Gott zu und ringt darum, dass die Distanz überwunden wird. Er bittet nicht um Rettung, er fleht um Nähe. Sein Gebet wird erhört, und der Klagepsalm kippt unverhofft in den Lobgesang. Am Ende steht der Bericht von der Rettung eines Todgeweihten. Die Bedeutung des Wunders geht weit über das individuelle Schicksal hinaus. Sie ist das Fundament der Verheissung, dass sich alle Welt Gott zuwenden und sich zu ihm bekehren wird.
Von der Überwindung der Gottesferne erzählt auch die Passionsgeschichte. An Ostern legt der Jünger Thomas den Finger in die Wunde und erkennt Christus an den Spuren der Gewalt, die er erlitten hat. Der Auferstandene kehrt als Verstossener zu den Menschen zurück, um unter ihnen jene Nähe zu stiften, die Leben verheisst. Gott unterlässt keinen Versuch, die Distanz zu den Menschen zu überwinden, und wendet sich ihnen zu bis ans Ende aller Welt.

Von: Felix Reich

1. März

Das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. 1. Johannes 5,3

Die Liebe zu Gott ist eine Tätigkeit. Sie erschöpft sich nicht in der Anbetung und Verehrung. Vielmehr zeigt sie sich im Leben, in der Haltung gegenüber den Mitmenschen und im verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung.
Wer sich an die Gebote Gottes hält, bezeugt seine Liebe zu Gott. Die Gebote sind keine starren Verbote, sondern Aufforderung und Ermutigung, die Welt zum Guten zu verändern: Indem ich teile, statt für mich zu behalten. Indem ich versuche, Versöhnung zu stiften, statt zu spalten. Indem ich verzichte, statt alles für mich zu beanspruchen. So wie es Jesus vorgelebt hat und wie es unzählige Frauen und Männer, die sich in den Dienst des Friedens und der Nächstenliebe gestellt haben, in seiner Nachfolge getan haben und bis heute tun.
Am Anspruch der Nachfolge scheitere ich allerdings immer wieder. Sind die Gebote also nicht eigentlich ungeheuer schwer einzuhalten? Nein. Denn leicht sind sie insofern, als sie Gewicht von den Schultern nehmen und befreien. In einer Gemeinschaft, in der Menschen guten Willens sind, sich einander in Liebe zuzuwenden, einander zu verzeihen und Gemeinschaft zu leben, wird licht und tatsächlich leicht ums Herz.

Von: Felix Reich