Schlagwort: Felix Reich

30. April

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er:
Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 1. Mose 28,16

Jakob hat sich mit einer List den Segen, der seinem älteren
Bruder zugestanden hätte, erschlichen und ist ausgezogen
aus seinem Elternhaus. Die erste Nacht verbringt er unter
freiem Himmel. Im Traum öffnet sich dieser Himmel, und
Jakob sieht die Himmelsleiter. Zuoberst steht Gott persönlich
und schliesst mit dem Betrüger einen Bund: «Und siehe,
ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.»
Ich bin nicht Jakob. Selten erinnere ich mich an meine
Träume und wenn doch, sind es meistens böse Träume,
aus denen ich aufschrecke. Ich habe noch nie den offenen
Himmel gesehen, keine Leiter, keinen Gott. Und dennoch
vertraue ich darauf, dass der Zuspruch Gottes auch mir gilt,
dass ich wie Jakob behütet bin, wo auch immer ich hinziehe.
Und dann gibt es diese Momente, in denen kleine Wunder
geschehen. In einem Gespräch über das unsagbar Traurige
finde ich Worte, die trösten oder zumindest dem Schmerz
eine Sprache geben. In einer Begegnung scheint etwas auf,
das mit Erkenntnis zu tun hat und mich durch einen Tag
hindurch trägt. Ich staune, dass solche Momente sich immer
wieder unverhofft einstellen. Wie Jakob habe ich vergessen,
dass Gott an allen Stätten ist und mich beschenkt. Fürwahr!

Von: Felix Reich

29. April

Den Reichen in dieser Welt gebiete, dass sie nicht stolz
seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum,
sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet,
es zu geniessen; dass sie Gutes tun, reich werden an
guten Werken, gerne geben, zum Teilen bereit sind. 1. Timotheus 6,17–18

Der Text ist jetzt einfach, denke ich, bevor ich schreibe.
Beinahe selbsterklärend. Ich zähle zu den «Reichen dieser
Welt» und soll deshalb meinen Reichtum teilen, indem ich
etwas abgebe. Also richte ich meinen Dauerauftrag beim
Hilfswerk ein, lege nach dem Gottesdienst eine Zwanzigernote
in die Kollekte und werde so «reich an guten Werken».
Gut machbar eigentlich und recht bequem.
Wenn ich jedoch genau lese und ernst nehme, was Paulus
schreibt, ist die Sache damit nicht erledigt. Ich klammere
mich durchaus an den «unsicheren Reichtum», materielle
Sicherheit ist mir wichtig. Und hätte Paulus das mit der
Spende gemeint, hätte er vom Zehnten geschrieben: Ich soll
einen Teil meines Reichtums abgeben und gut ist.
Teilen bedeutet mehr. Teilen heisst, dass ich meine Tür
öffne für andere Menschen und verletzlich werde. Nicht ich
bestimme darüber, wie viel ich abgebe. Wer teilt, richtet sich
nach den Bedürfnissen der Bedürftigen. Und ich glaube, das
Teilen, von dem hier die Rede ist, geht über das Monetäre
hinaus: Es geht auch um Zeit, Zuwendung und Raum.

Von: Felix Reich

31. Januar

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt.
Offenbarung 1,4

Gott, bist du da? Wenn ich nicht weiss, wohin mit mir. Ich
mich fürchte vor dem Wahnsinn dieser Welt, in der Millionen
von Menschen ihre Heimat verlassen auf der Suche
nach ein bisschen Zukunft, in der Krieg und Hunger wüten.
Und mir angesichts dieser Katastrophen die eigene Angst so
lächerlich vorkommt und sie mir trotzdem den Atem raubt.
Gott, wo warst du? Als der Tod einbrach und einen geliebten
Menschen mit sich riss. Mich fassungslos zurückliess. Und
mir der vertraute Satz, dass bei dir der Tod nicht das letzte
Wort habe, nur noch hohl und schal wie ein Echo klang.
Gott, wann kommst du? Auf dass du Frieden stiftest, wo der
Krieg zerstört, sättigst, wo der Hunger quält, und endlich
Gerechtigkeit herstellst, wo die Gier regiert.
Vielleicht warst du tatsächlich immer da, bist bei mir, wirst
zu mir kommen. Im Aufatmen, das mich vom Würgegriff der
Angst befreit. In einer liebevollen Nähe mitten in Krankheit
und Sterben. Durch die Tür, die sich öffnete, als ich dachte,
ich sei am Ende meiner Möglichkeiten angelangt. In einem
heilsamen Wort im Moment des verzweifelten Verstummens.
Schenke mir das Vertrauen, Gott, dass du mit mir
gehst und schon dort bist, wo ich deinen Frieden nötig habe.

Von: Felix Reich

30. Januar

Der HERR, unser Gott, hat uns behütet auf dem ganzen
Wege, den wir gegangen sind.
Josua 24,17

Bhüet di Gott! Die Worte hörte ich oft als Kind. Und heute
sage ich sie manchmal auch. Nicht als Zauberspruch, der
imprägniert gegen die Gefahr. Wer sich von Gott behütet
weiss, ist nicht unverwundbar. Vielleicht wird er sogar durchlässiger,
aufmerksamer für die Not der andern. Der Wunsch
steht für die Einsicht, dass mein Leben nicht in meiner Macht
steht. Für die Hoffnung, dass Gott dich behütet, was dir
immer auch geschieht.
Im Buch Josua klingt der Satz wie ein Erfolgsrezept. Gott
zeigt seinen Segen, indem er sein Volk aus der Sklaverei
befreit, die Verfolger im Meer versenkt, seinem Feldherrn
Kraft und List verleiht, Kriege zu gewinnen. Die Eroberer sind
erbarmungslos: «Alles, was in der Stadt war, weihten sie der
Vernichtung mit der Schärfe des Schwerts, Mann und Frau,
Jung und Alt, Rind, Schaf und Esel.» (Josua 6,21)
Was mache ich nun mit dem Satz? Er klang so schön, jetzt
höre ich darin den Kriegslärm. Ich glaube nicht, dass Gott auf
dem Schlachtfeld kämpft. Doch ich weiss, dass Menschen ihr
Leben einsetzen für die Freiheit. In ihren Ohren erhält die
Erzählung vom wehrhaften Gott wohl einen anderen Klang.
Ich bete dafür, dass Gott sie behütet. Und dafür, dass ich
Frieden stifte, wo es in meiner Macht steht. Bhüet mi Gott!

Von: Felix Reich

30. Januar

Was hilft es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen und Schaden zu nehmen an seiner Seele? Markus 8,36

Nicht einmal der Gewinn der ganzen Welt wiegt den Verlust der Seele auf. Oder wie die Zürcher Bibel übersetzt: den Verlust des Lebens. Es ist eine in ihrer Radikalität und in der Ausrichtung auf das Jenseits unzeitgemässe Nachfolge, die Jesus hier verlangt: «Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten.»

Daraus einen Aufruf zum weltabgewandten, allein auf das individuelle Seelenheil ausgerichteten Martyrium abzuleiten, erscheint hingegen als ein Missverständnis. Der Passionsweg, den Jesus geht, ist kein Selbstzweck. Der leidende, mitleidende Gott führt die Gewalt, welche die Welt im Griff hat, in die Sackgasse. Gott stellt sich derart bedingungslos an die Seite der Opfer, dass er selbst zum Opfer wird. Die Frage, ob diese Nachfolge politisch sei, ist somit genauso rhetorisch wie die Frage Jesu nach der beschädigten Seele.
«Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.» Die als letzte Worte von Dietrich Bonhoeffer überlieferten Sätze klingen wie ein Echo auf die auf die heutige Losung. Der Theologe ergab sich Gott ganz und schöpfte daraus die Kraft zum Kampf gegen ein lebensfeindliches System. Als Nachfolger Jesu leistete er Widerstand «um des Evangeliums willen».

Von Felix Reich