Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute
und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Matthäus 5,45

Dieser Vers hat für mich gleichzeitig etwas Tröstliches wie
auch etwas Ungeheuerliches.
Tröstlich finde ich ihn deshalb, weil das Wiederkehrende,
also das wiederholte Kommen von Sonne und Regen, vielleicht
auch bedeutet, dass sich Böse und Gute verändern
können, oder – noch besser –, dass sich Böse zu Guten verändern
können. Gott gibt den Menschen weiterhin Zeit und
Möglichkeit, sich zu ändern.
Aber, und damit bin ich beim Ungeheuerlichen: Er hält
sich auch schön raus! Sind damit die «Guten» den «Bösen»
schutzlos ausgeliefert?
Jesus gibt in der Bergpredigt, aus der der obige Vers
stammt, eine Möglichkeit des Umgangs miteinander vor:
die Feindesliebe. Radikal, visionär – und schwierig.
Vor einiger Zeit hörte ich am Radio das Interview mit einer
Frau, die auf Social Media wegen irgendetwas angefeindet
wurde. Anstatt sich zu verkriechen oder zurückzuschlagen,
entschloss sie sich, Kontakt aufzunehmen mit den Leuten, die
diese Kommentare verfasst hatten, oder es zumindest zu versuchen.
Das sei die einzige Möglichkeit, um nicht selbst dem
Hass zu verfallen, sagte sie. Die Offenheit und Verletzlichkeit,
mit der sie das sagte, beeindruckt mich. Sie könnte eine
moderne Art der Umsetzung dessen sein, was Jesus fordert.

Von: Katharina Metzger