Schlagwort: Katharina Metzger

23. Juli

Es wurde ein Mann hereingetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, das da heisst das Schöne, damit er um
Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Apostelgeschichte 3,2

Wenn ich in eine Kirche gehe, dann möchte ich zum Beispiel:
still sein, die Atmosphäre des Ortes auf mich wirken lassen, in
mich gehen, vielleicht auch mit anderen Gottesdienst feiern
oder singen. Aber ich möchte nicht einen Gelähmten oder
einen Bettler vor der Kirche sehen, der mir seine hohle Hand
hinhält. Denn mit dieser Geste hält er mir einen Haufen unangenehmer
Fragen hin: Warum kannst du ruhig in die Kirche
gehen und ein bisschen meditieren, während ich mir hier das
Nötigste erbetteln muss? Warum kannst du gehen, während
ich zum Sitzen verdammt bin? Warum bist du gesund und ich
nicht? Warum bin ich von dir abhängig und du nicht von mir?
– Oft genug habe ich mich schon abgewendet und bin weitergegangen.
Oder ich habe mein Gewissen mit einem Almosen
beruhigt. – Petrus und Johannes begegnen diesem Gelähmten
anders: Petrus schaut ihn an und sagt, er solle im Namen Jesu
Christi aufstehen. Der Mann steht auf, geht mit ihnen in den
Tempel, springt umher und lobt Gott. Der grosse Gegensatz
zwischen einem Menschen, der in totaler Abhängigkeit lebt,
und einem, der plötzlich zur Bewegung, zum eigenen Tun
ermächtigt wird, ist eindrücklich. Der Name Jesu hat hier die
festgesetzten Plätze verschoben und Neues eröffnet.

Von: Katharina Metzger

22. Juli

Das Volk verwunderte sich, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Lahmen gingen und die Blinden sahen; und sie
priesen den Gott Israels. Matthäus 15,31

Im Verb «verwundern» steckt das Wort «Wunder». Und
die Wunder kommen im obigen Vers gleich in der Mehrzahl
vor! Ein Wunder aus meiner Lebenswelt: Ein Mädchen im
jugendlichen Alter hatte viele Probleme, gesundheitliche,
psychische, schulische. Hilfsangebote kamen meist nicht
an. Schliesslich kam die junge Frau auf die Idee, die Schule
vorzeitig zu beenden und eine Lehre zu beginnen. Sie bekam
einen Schnupperlehrplatz in einer Institution, die keine
Zeugnisse oder Beurteilungen von ihr verlangte. In ihrer
Schnupperwoche blühte sie auf und bekam die Lehrstelle!
Seit sie diese Perspektive hat, läuft es wieder. Manchmal
macht sie nun sogar Dinge, die für sie eher unangenehm
sind. Ein Wunder? Eine glückliche Fügung?
Der Glaube an jemanden und der Glaube an sich selbst sind
grosse, wunderbare Kräfte. Manchmal braucht es jemanden
von ausserhalb, der oder die in einem anderen Menschen
etwas sieht, das diesem unmöglich scheint, und damit verschüttete
Kräfte in Gang setzt. Im Fall dieses Mädchens war
es die Arbeitgeberin.
Einen Menschen realistisch zu «erfühlen» und seine verschütteten
Kräfte in Gang setzen, etwa so stelle ich mir auch
die Heilungskräfte von Jesus vor.

Von: Katharina Metzger

23. Mai

Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute
und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
Matthäus 5,45

Dieser Vers hat für mich gleichzeitig etwas Tröstliches wie
auch etwas Ungeheuerliches.
Tröstlich finde ich ihn deshalb, weil das Wiederkehrende,
also das wiederholte Kommen von Sonne und Regen, vielleicht
auch bedeutet, dass sich Böse und Gute verändern
können, oder – noch besser –, dass sich Böse zu Guten verändern
können. Gott gibt den Menschen weiterhin Zeit und
Möglichkeit, sich zu ändern.
Aber, und damit bin ich beim Ungeheuerlichen: Er hält
sich auch schön raus! Sind damit die «Guten» den «Bösen»
schutzlos ausgeliefert?
Jesus gibt in der Bergpredigt, aus der der obige Vers
stammt, eine Möglichkeit des Umgangs miteinander vor:
die Feindesliebe. Radikal, visionär – und schwierig.
Vor einiger Zeit hörte ich am Radio das Interview mit einer
Frau, die auf Social Media wegen irgendetwas angefeindet
wurde. Anstatt sich zu verkriechen oder zurückzuschlagen,
entschloss sie sich, Kontakt aufzunehmen mit den Leuten, die
diese Kommentare verfasst hatten, oder es zumindest zu versuchen.
Das sei die einzige Möglichkeit, um nicht selbst dem
Hass zu verfallen, sagte sie. Die Offenheit und Verletzlichkeit,
mit der sie das sagte, beeindruckt mich. Sie könnte eine
moderne Art der Umsetzung dessen sein, was Jesus fordert.

Von: Katharina Metzger

22. Mai

Er selbst, der Vater, hat euch lieb. Johannes 16,27

Der Vers geht noch ein wenig weiter: «Denn der Vater selbst
liebt euch, weil ihr mich lieb gewonnen habt und zum Glauben
gekommen seid, dass ich von Gott ausgegangen bin.»
Das ist für mich auf den ersten Blick irritierend: Der Vater
liebt mich also nur, wenn ich über den Glauben an Jesus
Christus zu ihm gekommen bin? Und nicht, weil auch ich
«einfach so» sein Menschenkind bin?
Nun spricht Jesus diese Worte allerdings unter dramatischen
Umständen: Bald wird er gefangen, verurteilt und
gekreuzigt werden. Er wird sein Schicksal annehmen. Aber
wie wird es seinen Jüngern und Jüngerinnen damit gehen?
Werden sie ihn immer noch als Sohn Gottes sehen? Werden
sie beim Anblick seines Kreuzestodes immer noch an einen
liebenden Gottvater glauben, so wie Jesus es sie gelehrt hatte?
In diesen Momenten des Zweifelns, die einige Jünger und
Jüngerinnen erlebt haben könnten, klingen die Worte von
Jesus wieder anders: Es geht nun um ein «Glauben trotz
allem». Es geht darum, trotz allem an Jesus als Gottes Sohn
und an seine Botschaft vom liebenden Vater zu glauben.
Diese Botschaft ist in ihrer Intensität etwas Neues, das durch
Jesus in die Welt gekommen ist und eine neue Brücke zum
Göttlichen geschaffen hat.
Jesus wird noch etwas Eindrückliches sagen. Er sieht voraus,
dass alle «zerstreut werden» und ihn allein lassen: «Und
doch bin ich nicht allein, denn der Vater ist bei mir.»

Von: Katharina Metzger

23. März

Jesus spricht: Ich und der Vater sind eins. Johannes 10,30

Jesus spricht diese Worte in Bedrängnis: Menschen auf dem Tempelweihfest werfen ihm vor, Gotteslästerung zu betreiben, weil er, ein Mensch, sich zu Gott mache und sich Gottes Sohn nenne!
«Ich und der Vater sind eins.» Diese Worte zeugen von einer symbiotischen, untrennbaren Verbundenheit, ganz ohne Hierarchie. Ob das wohl das Provozierende war?
In diesen Worten von Jesus erscheint der Vater nicht als Beschützer, nicht als Richter, nicht als Wegbereiter, sondern irgendwie aus demselben «Material» wie Jesus. Er ist in Jesus, er wirkt durch Jesus.
Ich sprach einmal mit einer Frau, die in ihrer Jugend Schweres erlebt hat. Sie sagte: «Ich fühlte mich dadurch immer von Gott getrennt, denn wo soll bei Gott das Schlechte, Dunkle Platz haben?» Ihr spiritueller Weg führte sie zum Daoismus. Sie nennt das «Dao» einen Ursprung, einen Grund allen Seins, aus dem alles Lebendige hervorsteigt und Gestalt annimmt. Darin kann sie sich einfügen.
«Ich und der Vater sind eins», sagt Jesus. In mir entsteht nun dazu dieses Bild: Den Vater stelle ich mir als Urfluss vor und Jesus als eine Abzweigung daraus. Er fliesst durch unsere Welt, und in ihm fliesst der Vater. Und wir? Wir dürfen uns aus diesem Fluss nähren, daraus wachsen, ihn als lebensspendenden Strom in uns spüren.

Von: Katharina Metzger

22. März

Ihr wisst, dass keine Lüge aus der Wahrheit kommt. 1. Johannes 2,21

Und was ist die Wahrheit? Für den Autor des Johannesbriefs ist es klar: Die Wahrheit ist, dass Jesus der Christus ist. Christus, das bedeutet: der Gesalbte. Das «Salben» kennen wir aus den Geschichten des Alten Testaments, in denen etwa Saul und David gesalbt, also mit Olivenöl begossen werden und damit ihre Königswürde erlangen.
Bei Jesus Christus gibt es keinen solchen Akt. Aber es gibt die schöne Geschichte, in der Maria aus Betanien Jesus die Füsse salbt. Der Zuname «Christus» ist eher das Resultat einer Erkenntnis, die sich in den urchristlichen Gemeinden durchgesetzt hat: Er ist der Gesalbte, er ist der Erlöser, durch ihn wirkt Gott. Dies ist denn auch die Botschaft des obigen Verses. – Der Autor nimmt das Thema des Salböls noch einmal auf: Dieses Salböl, ich verstehe darunter die Botschaft Jesu, haben die Menschen erhalten, dieses Salböl schützt sie vor falschen Belehrungen.
Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich gefirmt. Dabei trug der Bischof mir mit Öl ein Kreuz auf die Stirn auf. Ein Mädchen aus meiner Gruppe hatte zuvor gesagt: «Nach der Firmung wasche ich schnell das Öl ab, dann gehen wir ins Restaurant.» Ich selbst tat das nicht. Für mich hatte diese Handlung etwas Feierliches, fast Heiliges, was ich in meiner Kinderseele schön fand. So kann das äusserliche Salben etwas Wohltuendes sein und das innerliche Salböl, also die Botschaft Jesu, eine lebenslange Begleiterin.

Von: Katharina Metzger

23. März

Jesus spricht: Ich und der Vater sind eins. Johannes 10,30

Jesus spricht diese Worte in Bedrängnis: Menschen auf dem Tempelweihfest werfen ihm vor, Gotteslästerung zu betreiben, weil er, ein Mensch, sich zu Gott mache und sich Gottes Sohn nenne!
«Ich und der Vater sind eins.» Diese Worte zeugen von einer symbiotischen, untrennbaren Verbundenheit, ganz ohne Hierarchie. Ob das wohl das Provozierende war?
In diesen Worten von Jesus erscheint der Vater nicht als Beschützer, nicht als Richter, nicht als Wegbereiter, sondern irgendwie aus demselben «Material» wie Jesus. Er ist in Jesus, er wirkt durch Jesus.
Ich sprach einmal mit einer Frau, die in ihrer Jugend Schweres erlebt hat. Sie sagte: «Ich fühlte mich dadurch immer von Gott getrennt, denn wo soll bei Gott das Schlechte, Dunkle Platz haben?» Ihr spiritueller Weg führte sie zum Daoismus. Sie nennt das «Dao» einen Ursprung, einen Grund allen Seins, aus dem alles Lebendige hervorsteigt und Gestalt annimmt. Darin kann sie sich einfügen.
«Ich und der Vater sind eins», sagt Jesus. In mir entsteht nun dazu dieses Bild: Den Vater stelle ich mir als Urfluss vor und Jesus als eine Abzweigung daraus. Er fliesst durch unsere Welt, und in ihm fliesst der Vater. Und wir? Wir dürfen uns aus diesem Fluss nähren, daraus wachsen, ihn als lebensspendenden Strom in uns spüren.

Von: Katharina Metzger

23. Januar

Jesus wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Lukas 1,33

König? Ewigkeit? Haus Jakob? Herrschaft ohne Ende?
Hm. Alle diese Begriffe rühren nicht wirklich etwas in mir an. Ich schlage das Lukasevangelium auf und lese dieses erste Kapitel.
Ich tauche ein in eine Welt, in seltsame, wundersame Geschichten: Es beginnt bei Zacharias und Elisabeth, dem alten Priester und seiner betagten Frau, denen im hohen Alter vom Engel Gabriel ein Kind verheissen wird: Johannes. Zacharias wird verstummen bis zur Geburt von Johannes, von dem es heisst, er werde «schon im Mutterleib vom
Heiligen Geist erfüllt werden» und viele zu Gott zurückführen. – Die Reise geht weiter in die Stadt Nazaret, wo die junge Maria ebenfalls vom Engel Gabriel erfährt, dass sie Jesus gebären wird. Maria erschrickt, worauf ihr Gabriel diesen Jesus ein wenig «einordnet»: Er werde Nachfolger sein auf dem Thron Davids, König über das Haus Jakob. Und: Heiliger Geist werde über Maria kommen und Jesus werde Sohn Gottes genannt werden. Maria antwortet mit den schlichten Worten: «Ja, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast!»
Die Ankündigung dieser wundersamen Geburten geht im Lukasevangelium einher mit Reaktionen von Verstummen, Sichzurückziehen, von stiller Akzeptanz, von Staunen. Dies ist schön zu lesen, wirkt nach, berührt mich nun doch.

Von: Katharina Metzger

22. Januar

Die er aus den Ländern zusammengebracht hat
von Osten und Westen, von Norden und Süden:
Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.
Psalm 107,3.8

Umherirrende, Durstige, Hungrige, Obdachlose aus allen Himmelsrichtungen: Alle finden Zuflucht in einer Stadt, in der sie wohnen können und wo sie den Herrn preisen sollen. So steht es in Psalm 107. Ein schönes Bild. Und doch stört mich
etwas daran: die komplette Nichtbeteiligung der Menschen.
Vor zwei Jahren war ich mit meiner Familie kurz in London und dabei spätabends auf dem Weg zu unserer Unterkunft. London ist gross, und nach Tube, Bussen und Fussmarsch kamen wir bei unserer Adresse an. Das Problem: Es war nicht unsere Adresse – wir hatten nicht gewusst, dass es in London mehrere Strassen mit dem gleichen Namen gibt. Oh je: stille Gegend, kaum noch Akku, keine Leute, keine Taxis, keine Ahnung. Da kamen wir an einem Pub vorbei, der noch Licht hatte. Und erlebten dort das Schönste vom ganzen Tag: Bartender und Gäste kümmerten sich um uns, brachten kostenlos Wasser, luden unsere Handys, organisierten ein Taxi, zeigten uns, wo wir waren. Niemand wollte irgendeine Bezahlung. Ich weiss, es ist eine harmlose Wohlstandsgesellschafts-Geschichte. Aber es ist meine. Und sie zeigt mir: Auch wir Menschen sind dazu aufgerufen, uns diese Stadt zu machen, wo man ausruhen kann. Wir sind aufgerufen, uns diese Stadt zu sein.

Von: Katharina Metzger

23. November

Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann
aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber
nach Makedonien und hilf uns! Als er aber die
Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich
nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott
dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Apostelgeschichte 16,9–10

Ich schaue die Karten hinten in der Bibel an: Da sind alle
diese Namen, die man ab und zu in den Lesungen hört:
Pamphylien, Phrygien, Kappadokien, Galatien … Sie liegen
alle im Gebiet der heutigen Türkei, und auch Paulus befindet
sich dort, als er die Erscheinung hat, die ihn nach Makedonien
ruft.
An dieser Geschichte faszinieren mich zwei Dinge: Da ist
diese äussere Welt, besiedelt mit Völkern auf Gebieten, deren
Namen wir heute zwar nicht mehr gleich verorten können,
die aber beileibe keine unbeschriebenen Blätter sind, und da
wohnen Menschen mit ihrer eigenen Geschichte, die wohl
auch anderes zu tun haben, als nur Paulus zuzuhören. – Und
da ist die innere Welt dieses Paulus, der wohl keinen genauen
Reiseplan hat. Der aber geleitet ist von seinem Glauben und
seiner Berufung und Zugang hat zu Bildern und Stimmen,
die ihm den Weg weisen. Paulus, der dann in seiner Rede auf
dem Areopag in Athen von einem Gott sprechen wird, «in
dem wir leben, weben und sind» (Apostelgeschichte 17,28).
Worte, die mich auch heute bewegen und die ich in den Tag
mitnehme.

Von: Katharina Metzger