Am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und
ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und
betete dort. Markus 1,35

Vielleicht lesen Sie diesen Text auch «vor Tage», wenn das
Leben noch unverbraucht, neu und frisch ist? Ich mochte
diese ersten Morgenstunden schon als Kind, weil ich die Leere
und Ruhe der Räume dann nur für mich allein hatte, bevor
sie mit der Lebendigkeit der Geschwister geflutet wurden.
Später, als Mutter, genoss ich diese geborgene Stimmung vor
dem Aufwachen der Kinder ganz besonders, wenn alle um
mich herum noch schliefen, aber doch da waren, und die Last
des Alltags noch etwas draussen vor der Tür wartete. Heute
sind es jene ersten Morgenstunden, da mein Handy noch
aus ist und ich den Frieden meiner nächsten Umgebung auf
mich wirken lasse, bevor neue Schreckensmeldungen aus
der weiten Welt auf dem Display aufploppen und in mein
Leben dringen.
Ob es Jesus auch so ergangen ist? Ob ihm der Rummel um
seine Person manchmal nicht zu viel war? Ob er manchmal
genug hatte von all den Sorgen, die an ihn herangetragen wurden?
Ob er manchmal einfach auch froh war, dass er noch früh
am Morgen für sich allein war und einfach nur das tun konnte,
wonach es ihm gerade war? Nämlich allein für sich beten?
Dafür mag ich diesen Vers sehr, weil er uns – wie überhaupt
das ganze Markusevangelium – Jesus als einen Menschen
zeigt, der ähnlich empfindet und handelt wie wir.

Von: Esther Hürlimann