Schlagwort: Ralph Kunz

11. Mai

Du sollst nicht stehlen. 2. Mose 20,15

«Du sollst nicht stehlen» steht in Stein gemeisselt. Eines der
Zehn Gebote, die absolut und apodiktisch gelten! Wer wagt
es zu widersprechen? Spätestens dann, wenn man bestohlen
wird, willigt man ein. Respekt vor dem Eigentum ist grundlegend
für ein friedliches Zusammenleben.
Ich wage dennoch, Einspruch zu erheben. Gibt es nicht den
grossen und den kleinen Diebstahl? Wie schwer wiegt der
Mundraub der Hungrigen? Was ist mit denen, die von ihren
diebischen Vorfahren profitieren? Vorfahren, die geplündert
und andere ausgenutzt hatten? Wo bleibt die Moral des Verbots,
wenn die Macht des Stärkeren zum obersten Prinzip
erklärt wird? Sie müssen nicht stehlen – sie nehmen es sich
einfach. Ist es nicht Diebstahl, wenn die Reichen immer reicher
und die Armen immer ärmer werden?
Was auf den Steintafeln steht, geht über das justiziable
Eigentumsdelikt hinaus. Das apodiktische «Du sollst nicht
stehlen» zielt nicht nur auf eine private Moral.
Wussten Sie, dass lateinisch «privat» auch die Bedeutung
«geraubt» haben kann? Andere nicht zu berauben, ist auch
eine Richtschnur für gesellschaftliche Gerechtigkeit. Der Respekt
vor dem Eigentum des Einzelnen muss sozial verträglich
sein. Denn mit dem Recht auf Besitz geht die Pflicht einher,
ihn zu teilen. Oder mit einer Prise religiös-sozialer Schärfe
gesagt: Der Raubkapitalismus kann uns gestohlen bleiben …

Von: Ralph Kunz

10. Mai

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR,
und nicht auch ein Gott, der ferne ist?
Jeremia 23,23

Geht Gott auf Distanz? Nein, hier geht es nicht um emotionale
Nähe und Distanz. Das Wort richtet sich an falsche
Propheten. Der folgende Vers macht klar, was Gott ihnen
entgegnet: «Kann sich einer in Verstecken verstecken, und
ich würde ihn nicht sehen? Fülle ich nicht den Himmel und
die Erde?» Propheten waren zur Zeit des Jeremia, was wir in
unserer Zeit Meinungsmacher oder neudeutsch Influencer
nennen. Sie kommentierten das Tagesgeschehen und sagten
die Zukunft voraus. Die Berufskollegen von Jeremia beriefen
sich auf ihre Träume und weissagten so, dass es ihnen Einfluss
und Ansehen brachte. Gott hatte etwas anderes im Sinn. Ich
übersetze den alten Spruch in moderne Sprache. «Bin ich
etwa ein kurzsichtiger Gott, spricht der HERR, und nicht auch
ein Gott, der Fernsehen schaut? Mir könnt ihr nichts vormachen.
» Und was hören wir als Botschaft? Ich höre: «Bleibt
kritisch, wenn man euch das Blaue vom Himmel verspricht,
traut denen, die auf KI, Superwaffen und die Herrschaft der
Milliardäre bauen, nicht über den Weg, hört auf den wahren
Propheten und betet, dass sein Traum wahr wird.»
Nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen,
nämlich das Wort des Glaubens. Denn die Schrift sagt:
Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern.
(Römer 10,6.10)

Von: Ralph Kunz

11. April

Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine
Herrschaft währet für und für.
Psalm 145,13

Als versierter Zeitungsleser und historisch interessierter Theologe weiss ich: Kein irdisches Reich währt ewig. Weder die Perser noch die Römer schafften es. Aber auch die Russen und die Amerikaner werden einst vergehen. Was die Schweiz angeht, meine ich, es gebe sie noch ein Weilchen. Aber auch sie wird verschwinden. Fazit: Es gibt Herrschaften, deren Untergang ich ersehne, und Herrschaften, deren Fortgang ich erhoffe. Was hingegen ein ewiges Reich ist, weiss ich nicht –
zumindest nicht aus Anschauung oder aus der Zeitungslektüre. Und doch rede ich davon, wenn auch in einer ganz bestimmten Form. Mindestens einmal am Tag, manchmal auch mehrmals. «Dein Reich komme.» Es ist das wichtigste Gebet, das ich kenne. Was im Unservater als Bitte reklamiert wird, wird im Psalm als Lob proklamiert. Ich höre, wenn ich die Losung lese, «denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen».
Das ist doch tröstlich! Nur, wie kann etwas ewig sein, das im Kommen begriffen ist? Wie kann ich um etwas bitten, das ich im Lob schon verherrliche? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass wir uns, was die Halbwertszeit unserer Reiche angeht, chronisch verschätzen.
Maranatha!
(Maranatha: Komm Herr, komme bald!)

Von: Ralph Kunz

10. April

Beugt euch also demütig unter die starke Hand Gottes, damit er euch zu seiner Zeit erhöhe. 1. Petrus 5,6

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, aber die Aufforderung, sich demütig unter die Hand Gottes zu beugen, löst bei mir nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Schliesslich bin ich ein moderner Mensch und halte es mit der Aufklärung: Ich übe lieber den aufrechten Gang, als mich zu beugen – und weiss doch, dass genau das schiefgehen kann. Es braucht nur wenig, und ich muss mich bücken. Weil ich übermütig geworden bin oder weil anderes stärker war als ich. Weil Mächte und Gewalten mich demütigen.
Was aber verspricht die demütige Haltung, die Petrus seinen Leserinnen und Lesern empfiehlt?
Eines ist klar! Der Gott, unter dessen starke Hand man sich beugen soll, hat etwas vor mit den Demütigen. Gott will sie erhöhen. Es ist nicht Gott, der demütigt. Gott macht nicht zur Schnecke. Gott hat Pläne mit den Demütigen. Sie sollen regieren! Weil sie dem Gott dienen, der den Menschen dient. Auf sie ist Verlass. Vor allem erwartet Gott nicht, dass sich verbiegt, wer sich verbeugt. Sich nach seinem Willen zu richten, nach seinem Reich zu trachten und seine Weisungen zu halten, ist Herzenssache. Es geschieht aus Liebe. Kant in Ehren. Aber sich unter die starke Hand Gottes zu beugen, ist nicht nur Pflicht – es ist auch Neigung!
Damit kann ich leben, auch als aufrechter Zeitgenosse.

Von: Ralph Kunz

11. März

Brüder und Schwestern, bemüht euch umso eifriger, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr niemals straucheln, und so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. 2. Petrus 1,10–11

Vor ein paar Monaten bin ich gestrauchelt und habe seither einen Schmerz im rechten Knie. Er macht sich beim Knien bemerkbar. Der Lehrtext macht einen Vorschlag zur Prophylaxe, der sozusagen beim Knien ansetzt. Christenmenschen sollen hineinknien, damit sie nicht straucheln. «Bemüht euch», sagt der Autor, «eure Berufung und Erwählung festzumachen.» Es ist der Sound der Pastoralbriefe. Glaube wird als eine Lebensform im eigentlichen Sinn des Wortes verstanden. Damit der Glaube das Leben formen kann, muss man ihn leben, und wer in Topform ist, übt sich im Knien, um nicht zu stolpern.
Ich kenne Evangelische, die bei solchen Mahnungen auf dem falschen Fuss erwischt werden. Sie denken, es sei gesetzlich. Aber eigentlich betonen sie nur stärker, was schon Paulus sagt. Er spricht dann und wann vom Rennen und Ringen im Glauben. Am Anfang des 2. Petrusbriefs hört es sich auch so an – wie eine Aufforderung zum Training: «So wendet allen Fleiss daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis.»
Ist das gesetzlich? Ich denke: lieber ein wenig Prophylaxe als Physiotherapie in der Reha!

Von: Ralph Kunz

10. März

Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne. Psalm 4,9

Als ich klein war, sang meine Mutter am Bett ein Abendlied, das zum Mitsingen einlud. Die Strophe ist in der ersten Person Singular – ziemlich raffiniert! Es lullt das singende Kind ein. «Ich ghööre es Glöggli, es lüütet so hell. Im Bett tuen ich bätte und schlaafe dänn ii, de lieb Gott im Himmel wird au bi mir sii.»
Eigentlich ist es ein Psälmlein, das mich meine Mama lehrte. Gott wird als Immanuel, als Dritter, der «auch bei mir ist», an- und aufgerufen. Das «auch» gefällt mir! Es ist kindgemäss. Schliesslich sitzt die Vorsängerin auf dem Bettrand. Zu ihr kann ich jederzeit gehen, sie kann ich immer rufen. Sie ist jetzt bei mir – warm, weich und stark. Und Gott wird auch bei mir sein in der Nacht. So lässt es sich schlafen.
Der Psalm ist kein Wiegenlied. Der Vorsänger liegt und schläft ruhig, weil er sich darauf verlässt, dass allein Gott ihm hilft. Niemand singt ihn in den Schlaf. Er ist auch kein Kind mehr. Es singt David, der Kämpfer, König und Vorsänger, und er singt allein. Er singt in der ersten Person Singular. Aber wir sind zum Mitsingen eingeladen – wir alle, die wir schlaflose Nächte haben, weil der Friede nicht einkehren will. Wenn uns die Ängste plagen und wir uns fragen, wie sicher wir wohnen. Und dann beten wir vielleicht Davids Psalm, bis uns die Augen zufallen.

Von: Ralph Kunz

11. Februar

Du sollst den Geringen nicht vorziehen,
aber auch den Grossen nicht begünstigen.
3. Mose 19,15

Heute werden uns die Leviten gelesen. Die Losung ist aus dem Buch Leviticus, dem sogenannten Heiligkeitsgesetz (Leviticus 19,1–37) – einer der ältesten Sammlungen von Weisungen in der hebräischen Bibel. Darunter hat es wunderbar klare und zeitlose Gebote wie «liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (Vers 19), aber auch wunderliche, uns fremde Verbote, die wir heute nicht mehr verstehen – zum Beispiel nichts Blutiges zu essen (Vers 26). Wenn es heisst, man soll den Geringen nicht vorziehen und den Grossen nicht begünstigen, steht eine Gerichtssituation vor Augen. Gericht wurde damals unter den Toren gehalten. Man muss sich das als eine Art öffentliches Forum vorstellen, das unter der Leitung einer angesehenen Frau (Deborah) oder eines Mannes stand. Erwachsene Israeliten konnten für oder gegen Angeklagte die Stimme erheben. Das Rechtswesen ist in einer überschaubaren Gemeinschaft ein hochsensibler Bereich. Ein falsches Zeugnis hat verheerende Folgen und Parteilichkeit führt schnell zu neuem Unrecht. Es ist schon erstaunlich: Was in der Bronzezeit die Grundlage des Rechtswesens war, ist bis heute gültig: Gerechtigkeit basiert auf Werten, die kultiviert werden in Institutionen, verkörpert von Menschen, die unparteilich, unbestechlich und streng sachlich richten.
Es schadet nichts, wenn uns von Zeit zu Zeit die Leviten gelesen werden.

Von: Ralph Kunz

10. Februar

Bei Gott ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt
und der irreführt.
Hiob 12,16

Die Losung ist unverständlich ohne Kontext. Und der hat es in sich. Hiob macht nämlich kurzen Prozess mit der Weisheit. Er rechnet nicht nur mit «Klugscheissern» ab. Seine Kritik geht tiefer, ist radikaler. In der literarischen Gestalt des Hiob geht es um das Rätsel der leidvollen menschlichen Existenz und das Elend der landlosen Existenz Israels. Er spricht für alle, die das Unglück trifft: Kein Mensch kann verstehen, kein Sterblicher durchschauen, was abgeht. Und wer an Gott festhält, prallt auf eine Weisheit und ein Regiment, das im Dunkeln lässt. Denn «er führt die Priester barfuss davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter. Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten. Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus. Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.» (Hiob 12,20–23) Das unverschuldete Leid lässt Hiob so reden. Und sein Leid ist symbolisch für das Leid ganzer Nationen. «Er macht Völker gross und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt’s wieder weg.»
Sind wir klüger als Hiob? Oder mit unserer Weisheit auch am Ende? Ziemlich düster, ich gebe es zu. Das einzige Erhellende, das mir dazu einfällt, ist ein Text von Frère Roger: «Jésus le Christ, lumière intérieure, ne laisse pas mes ténèbres me parler!»

Von: Ralph Kunz

11. Januar

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist
und der da war und der da kommt.
Offenbarung 1,4

Was tun wir, wenn wir einander grüssen? Wir geben uns ein Zeichen, signalisieren freundliche (oder zumindest keine feindlichen) Absichten – oft verbunden mit einer Geste mit der Hand, mit Augenkontakt und – wenn möglich – mit einem Lächeln. In feierlichen Momenten kann der Gruss auch von einer Gabe begleitet sein. Dann kommt ein Drittes dazu, das verbindet. Etwas wechselt von der einen zur anderen Person. Ein Austausch, wenn auch ein flüchtiger, findet statt. Aber die Gabe soll lange halten.
Grussworte haben auch in biblischen Briefen oder Sendschreiben eine grosse Bedeutung. Sie überbringen die Botschaft des Absenders in konzentrierter Form. Sie machen die wahre Absicht des Schreibers bekannt. Er überbringt etwas, das Gutes bewirkt und bleibt, den Frieden Gottes, der zwischen uns aufblühen und in uns aufleuchten soll.
Im Grusswort von Johannes kommt das besonders schön zum Ausdruck. Und weil ich als Bolderntext-Autor dieselbe Absicht mit meinem Schreiben verbinde, leihe ich mir seine Worte, um Sie herzlich zu grüssen:
«Gnade sei mit Ihnen und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Möge er doch allezeit in Ihrem Herzen bleiben!»

Von: Ralph Kunz

10. Januar

Der HERR spricht: Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten und meine Gebote halten, damit es ihnen und ihren Kindern gut geht, für immer! 5. Mose 5,29

Was geht diesem Wort voraus? Gott hat die Zehn Gebote am Berg Horeb verkündigt, und das Volk hat sein Wort gehört. Interessant und ein wenig verstörend ist, was danach folgt. Es heisst nämlich, das Volk sei zu Tode erschrocken! Noch nie haben Sterbliche Gott reden gehört. Es wird ihnen klar, dass sie Zeugen von etwas Ungeheuerlichem geworden sind. Sie realisieren: Wenn die «Show» jetzt weitergeht und Gott zu den Weisungen kommt, müssten sie gewiss sterben. Moses, so ihr Vorschlag, soll als Vermittler fungieren. Sie wollen, so versprechen sie, alles getreulich befolgen, was er ihnen weiterleite. Gott hört mit und meint zu Moses: «Ich habe
die Worte gehört, die dieses Volk zu dir gesprochen hat. Alles, was sie gesagt haben, ist gut. Möge doch ihr Herz so bleiben, dass sie mich allezeit fürchten.»
Das aus Gottes Mund ist schon ein starkes Stück! Die Gottheit hofft auf die menschliche Treue – ausgerechnet sie, die alles durchschaut. Ist das nicht ein frommer Wunsch? Es hat etwas Rührendes, so Menschliches von Gott zu hören –
gerade angesichts der tiefen Ehrfurcht, ja Furcht, die den Dialog überhaupt erst in Gang gebracht hat. Was mich wirklich berührt, ist der Grund, warum Gott an die Menschen glauben will. «Damit es ihnen und ihren Kindern gut geht, für immer!» Wenn das kein Evangelium ist …

Von: Ralph Kunz