Schlagwort: Madeleine Strub-Jaccoud

4. April

Er wird sich unser wieder erbarmen und alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen. Micha 7,19

Es war zu Michas Zeit offenbar wie heute an vielen Orten der Welt: Durcheinander, Hunger, Unrecht. Das Michabuch vertraut darauf, dass Gott, die Lebendige, sich zeigen wird. Ja, mehr noch, dass sie sich erbarmen wird und die Sünden in die Tiefe des Meeres werfen wird. Beim Lesen der Zeitung oder beim Anschauen der Tagesschau wird mir oft übel. Darum versuche ich, mit dem Verb «erbarmen» klarzukommen. Zwar weiss ich nicht genau, was es bedeutet. Aber ich denke, es geht darum, dass die Lebendige hilft, mit der Situation klarzukommen. Dann stosse ich aber an: Was ist mit den Millionen von Menschen auf der Flucht, was mit denen, die kein Dach über dem Kopf haben, oder mit denjenigen, die den Kriegen ohnmächtig ausgeliefert sind? Werden sie Erbarmen erfahren? Ich weiss es nicht. Ich kann einfach nur für sie beten. Die Meere sind verschmutzt, leergefischt. Hat es da noch Platz für unsere Sünden?
Jetzt will ich aber aufhören mit meinen Klagen und das Herz öffnen für das Vertrauen in Gott, will mich daran halten, dass die Lebendige sich erbarmt und hilft. Hat nicht Micha gesagt, dass Schwerter zu Pflugscharen werden? Dann sind die Sünden tief im Meer vergraben.
Danke, Gott des Lebens, dass du da bist und wir deines Erbarmens sicher sein dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. April

Mein Volk tut eine zweifache Sünde:
Mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und
machen sich Zisternen, die doch rissig sind
und das Wasser nicht halten.
Jeremia 2,13

Und das, wo Gott, die Lebendige, doch das Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten geführt hat! Die lebendige Quelle hat es verlassen. Und es ist eine Sünde, Zisternen zu bauen, die rissig sind.
Ist unser Glaube nicht auch rissig? Können wir gerade heute einfach darauf vertrauen, dass die Lebendige bei uns ist, uns Kraft schenkt, Vertrauen, Hoffnung? Ich denke an die Menschen, für die jeder Wassertropfen, den sie erhaschen können, wichtig ist. Und so ist es mit dem rissigen Glauben. Es bleibt irgendwo im Herzen ein Tropfen lebendiges Wasser. Jeremia spricht zum Volk. Da sollten ja viele Tropfen zusammenkommen. Aber offenbar braucht es Zeit, um sie zu erkennen. Und wieder spricht der Text auch zu mir. Ich kann die rissige Zisterne flicken, oder ich kann einfach alles Rissige in Gottes Hand legen. Offenbar braucht es Zeit, Zeit, damit in unsere Welt, in der so viele Risse sind, Gerechtigkeit und Frieden kommen. Der Tropfen im Herzen lädt ein, dafür zu beten und immer wieder daran zu glauben, dass eine bessere Welt möglich ist. Genau wie damals braucht es Zeit und Kraft.
Schenke du uns Wassertropfen, damit wir vertrauen und hoffen können.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. März

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion!
Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen,
spricht der HERR.
Sacharja 2,14

Die Losung trifft mich am Anfang des neuen Jahres in aller Freude über das Neue, mit all den Ungewissheiten und mit der tiefen Sehnsucht nach Frieden auf der ganzen Welt. Der Seher Sacharja spricht von der Sicherheit, die es in Jerusalem für Mensch und Tier geben wird. Denn Gott, die Lebendige, wird dort wohnen. Heute denke ich, dass sie bei allen Menschen wohnt, auch dort, wo sie nicht erkannt wird. So wird meine verhaltene Freude zu einer Kraft. Ich kann Vertrauen schöpfen und gleichzeitig die Hoffnung auf Veränderung zum Besseren spüren. Diese Hoffnung trägt und lädt gleichzeitig dazu ein, sich selber einzusetzen für diese Veränderungen. Zwar sind wir alle auch mit Ohnmachtsgefühlen konfrontiert, heute so wie damals, als der Seher seine Worte sprach. Das gehört offenbar zum Leben. Der Gott des Lebens wird auch in der Ohnmacht bei den Menschen sein. Und die Lebendige wird, so hoffe ich, gerade heute und morgen diese Ohnmacht wahrnehmen und die Menschen und die ganze Schöpfung teilhaben lassen an ihrem Kommen, um immer wieder neu bei den Menschen zu sein mit ihrer Liebe.
Danke, Gott, dass du Freude schenkst, Kraft und Mut. Bleibe bei uns.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. März

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Psalm 139,23–24

Im Religionsunterricht musste ich diesen Psalm lesen, ohne ihn zu verstehen. Die Worte machten mir Angst. Gott erforscht mich und sieht, was ich falsch mache. Heute halte ich mich an die Worte: «und erkenne, wie ich’s meine». Denn in diesen Worten fühle ich mich aufgehoben. Sie legen mir nahe, dass Gott, die Lebendige, bei mir ist und in meinem Herzen einen Raum einnimmt. In diesem Raum gibt es keine Strafe, sondern ein Aufgehobensein. Die Lebendige ist da und zeigt mir, wie mein Weg weitergeht. Ich spüre den Raum nicht immer. Ich weiss nicht immer, wie Gott es meint, wie sie meinen Weg sieht. Aber ich kann loslassen und mich darauf verlassen, dass Gott da ist, einfach so. Der Psalm sagt nichts darüber, wie ich mich verhalten muss. Er ist ein Gebet, ein Gebet, in dem auch die Feinde eine Rolle spielen. Gewiss, ich habe keine Feinde. Aber auch mein Weg ist mit Steinen belegt. Ich muss sie überwinden. Und gerade da ist die Bitte um das Geleit der Lebendigen eine Hilfe, ein Halt, der Vertrauen schenkt. Die Angst ist nicht weg, aber sie ist aufgehoben bei Gott, der Lebendigen, und wird so leichter. Und so kann ich auch darum bitten, dass der Raum der Lebendigen in meinem Herzen wahrnehmbar, spürbar ist.
Danke, Gott, dass du mit uns auf dem Weg bist.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Februar

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeisst? Jeremia 23,29

Feuer bringt Wärme – Feuer kann zerstören. Ein Hammer ist ein Werkzeug – ein Hammer kann zerschmeissen. Jeremia führt einen Diskurs mit anderen Propheten. Er spricht von Lüge, von Zerwürfnis. Er ist ein theologisch gebildeter Priester und Prophet. Aber, so scheint es mir, er ist vor allem überzeugt von Gottes Wort. Es geht vor allem um das Bekenntnis, dass Gott in der Welt wirksam ist, bei den Menschen ist und auf ihrer Seite steht. Gott, die Lebendige, greift ein in das Geschehen der Welt. Was will Gott uns heute sagen? Diese Frage stellt Jeremia, und diese Frage beschäftigt mich immer wieder neu. Wie kann ich die Stimme der Lebendigen hören? Wo ist diese lebendig machende Stimme in unserer Welt? Die einen finden sie im Diskurs mit anderen Menschen. Andere finden sie in der Stille, im Gebet. Für mich ist dies wichtig, denn ich bitte um den guten Geist Gottes, dass er mich begleitet, nährt und meinen Glauben stärkt. Ich bin dankbar, dass ich mit dieser Bitte nicht allein bin. Zwar sitze ich nicht am Feuer, sondern gehe meinen Weg in der Welt. Die Stimme der Lebendigen hilft, diesen Weg zu gehen.
Schenke du uns die Kraft, immer wieder neu auf deine Stimme zu hören und daraus Vertrauen zu schöpfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Februar

Die Hand Gottes war über uns, und er errettete uns. Esra 8,31

Das Buch Esra berichtet über zwei Rückkehren. Die Ausgewanderten wussten die Hand Gottes über ihnen. Und sie hielten inne für ein Fasten. Die Hand Gottes sollte sie ganz beschützen. Sie brauchten kein militärisches Geleit und keinen anderen Schutz. Kann es sein, dass sie eine Kultur der Gewaltfreiheit lebten? Oder ist das nur ein frommer Gedanke von mir? Ist es nur ein Traum, dass Menschen ohne Vorurteile leben, ohne Ausgrenzung, ohne Angst voreinander?
Gerne versuche ich eine Umkehrung: leben mit offenem Herzen und offenen Augen, das Gute in den Menschen und ihrer Kultur entdecken, die eigenen Ängste benennen und mit Freund:innen besprechen; Negatives abbauen und durch wertvolle Erfahrungen ersetzen. Ich träume von einer Kultur der Gewaltfreiheit bei uns und weltweit. Und ich träume von der Kraft, die von der Lebendigen geschenkt wird, durch ihre Hand, die mich beschützt und stärkt. Träume helfen, immer wieder Schritte in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu tun, weil sie Ziele setzen, Ziele, die unerreichbar scheinen. Der Glaube an die schützende Hand Gottes ist ein Ziel, das wir manchmal spüren und manchmal einfach darum ringen dürfen.
Halte du deine Hand über uns und über deiner ganzen Schöpfung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Januar

In deine Hände befehle ich meinen Geist;
du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
Psalm 31,6

Da ist jemand in grosser Not, krank, schwach und ruft zu Gott, der Lebendigen. Der Glaube hat ihn nicht verlassen. Mehr noch, er stärkt ihn. Wenn ich den ganzen Psalm lese, spüre ich den starken Glauben und gleichzeitig die grosse Schwäche, die Not der Krankheit oder auch des Alters. Die Not der Krankheit kann ich nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Das Alter ist für mich keine Belastung, oder nur selten. Aber ich kann mit dem Blick auf unsere Welt die Verunsicherung, die Angst, die Orientierungslosigkeit nachvollziehen. Der Psalmsänger klagt zwar, aber er verzweifelt nicht. Denn er vertraut Gott, der Lebendigen, und weiss, dass sie die Menschen immer wieder erlöst. Darum kann er sich ganz Gott, der Lebendigen, anvertrauen und sein ganzes Sein in ihre Hände legen. Ein paar Verse weiter sagt er, Gott stelle seine Füsse auf weiten Raum.
Das ist es, worauf ich vertraue: ein weiter Raum, in dem Gutes, Gerechtes, Friede möglich ist. Die Durststrecken sind schwierig für mich. Und so kann ich einfach nur mit dem Psalmsänger darum bitten, dass mir immer wieder neu Vertrauen geschenkt wird. Dazu gehört auch die Bitte um Vergebung. Diese wird im Psalm deutlich ausgesprochen.
Du treuer Gott, schenke uns Kraft und Vertrauen, denn in deinen Händen sind wir geborgen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Januar

Sollte Gott etwas sagen und nicht tun?
Sollte er etwas reden und nicht halten?
4. Mose 23,19

Bileam, der Seher, bringt Gottes Segensspruch zum Volk Israel. Und er sagt zu Barak die Worte der heutigen Losung. Doch vor dem Segensspruch hat er das Volk verflucht. Gerne würde ich einer vertrauenswürdigen Seherin begegnen. Bin ich auf mich selbst gestellt, um das Vertrauen in Gottes Handeln zu nähren? Bringe ich die Kraft auf, immer wieder neu daran zu glauben, dass in unserer Welt Gottes Segen wirksam ist? Gerade in unserer Welt, in der alles drunter und drüber geht, in der unser Vertrauen und Hoffen nottut, gerade da weiss ich mich verbunden mit all den Menschen rund um die eine bewohnte Erde, die dasselbe hoffen, die aus dem gleichen Vertrauen Kraft schöpfen. Die weltweite Kirche, so unsichtbar und unhörbar sie oft ist, sie ist es, die mich ermutigt. Aber sicher ist auch, dass ich mich frage, ob denn die Stimme Gottes, der Lebendigen, Gehör findet in all der Not, verursacht durch Kriege, Ungerechtigkeit und Abgrenzung. Die Lebendige sagt zu uns, dass wir festhalten sollen an unserem Glauben daran, dass Friede möglich ist. Sie sagt uns, dass wir unser Verhalten zugunsten des Klimas in den Griff bekommen sollen, sie sagt uns, dass wir ein offenes Herz und offene Ohren habe sollen für Menschen, die leiden. Das Wichtigste ist aber, dass wir immer wieder neu die Gewissheit stärken, dass Gott da ist und tut, was er uns sagt.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

22. Dezember

Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott,
meine Hoffnung von meiner Jugend an.
Psalm 71,5

Ein alter Mensch bekräftigt seinen Glauben. Zuversicht und
Hoffnung sind die zentralen Begriffe. Aber der Psalm spricht
auch von Angst, von Schmach, von Abgründen. Dem gegenüber
denke ich an einen Menschen, der mir mein Leben lang
nahe war und ist, der dement in seinem Fauteuil sitzt und
sagt, es gehe ihm gut. Natürlich weiss ich nicht, wie es in seiner
Seele aussieht, denn er kann sich nicht mehr ausdrücken.
Zuversicht und Hoffnung – was bedeuten sie mir im Alter?
Was trage ich in meiner Seele herum, wenn es dunkel und
trüb ist? Kann ich dann meinen Glauben bekräftigen, kann
ich Kraft schöpfen?
Wie der Psalmsänger hoffe ich auf Gott, die Lebendige,
hoffe darauf, dass sie mir Hoffnung und Zuversicht schenkt,
hoffe darauf, dass ich würdig leben kann. Und ich weiss ja,
wie privilegiert ich bin. Und doch will ich sie zulassen, die
Angst, will ihr begegnen mit meinen Gefühlen und Gedanken.
Denn nur so kann ich Zuversicht erfahren, denn Gott,
die Lebendige, ist da in der Angst und schenkt mir Kraft,
Zuversicht und Hoffnung, einfach so.
Und so bitte ich Gott um Zuversicht und Hoffnung für alle
Menschen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

21. Dezember

Mein Leib und Seele freuen sich an dem lebendigen
Gott.
Psalm 84.3

In ein paar Tagen feiern wir Weihnachten. Ich liebe diese Tage,
liebe das fröhliche und auch besinnliche Zusammensein
mit Menschen, liebe die Gemeinschaft, die sich freut, dass
Jesus zur Welt gekommen ist. Der lebendige Gott kommt
zu uns, den Menschen. Und lebt unter den Menschen. Es
ist die Lebendigkeit, die mich freudig stimmt. Der lebendige
Gott kommt zu uns, ist mit uns auf unserem Lebensweg.
Das zu Ende gehende Jahr war für mich auch geprägt von
Ungerechtigkeit, Krieg, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Ist
Gott auch da anwesend, wo Menschen so leiden? Ich denke
schon, weil es eben ein lebendiger Gott ist.
An dieser Stelle kommt mir die Übersetzung der heutigen
Losung in der Zürcher Bibel in den Sinn. Da heisst es, dass die
Menschen den lebendigen Gott suchen. Dieses Suchen, das
freudige Suchen, das verzweifelte Suchen, das ohnmächtige
Suchen, all dies gehört zum Leben, zu meinem Leben, zu
unserem Leben, zum Leben der Menschen. Und so kann ich
zum lebendigen Gott beten, dass die Kriege aufhören, dass
die weihnachtliche Friedensbotschaft gehört und gelebt
wird, dass eine bessere Zeit anbricht für die Menschen, die
unter Krieg und Ungerechtigkeit leiden.

Gott des Lebens, komm zu den Menschen, die dich brauchen;
segne und behüte sie und uns alle.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud