Schlagwort: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

21. Mai

Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände
nicht sinken! Denn der HERR, dein Gott, ist bei dir,
ein starker Heiland.
Zefanja 3,16–17

Wenn wir bei den Ferienspielen – einem Angebot unserer
Kirchgemeinde für Kinder von der 1. bis 6. Klasse – mit den
Kindern eine Nachtwanderung machen, ist es auch für mich
etwas gruselig. Wir sind ohne Taschenlampe unterwegs. Im
Wald setze ich behutsam einen Fuss vor den anderen. Vorsichtig
ertaste ich meinen Weg durch die niedrig hängenden
Zweige. Ab und zu fragt ein Kind, ob es meine Hand halten
darf. Manchmal ist es draussen zu dunkel für einen allein.
Es ist gut, dass wir einander haben. Gegen die Unsicherheit.
Gegen die Angst. Danke, Gott, dass auch du da bist.

Vorgestern Abend – es war schon dunkel – traf ich mich
mit zwei Frauen in einer kleinen Kirche auf einem Berg. Wir
stimmten ein in den grossen Gesang des Friedens. Wir sangen
Lieder aus verschiedenen Religionen und Kulturen, erinnerten
uns im Gebet und in der Stille, dass wir Menschen
in Liebe und Mitgefühl miteinander verbunden sind. Ich
fühlte mich geborgen, getragen vom Ort und von den Stimmen.
Wenn ich nachts allein unterwegs bin, singe ich gerne
gegen die Angst an: «Bless the Lord, my soul, and bless God’s
holy name. Bless the Lord, my soul, who leads me into life.»
(Psalm 103,1–2)

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

20. Mai

So spricht der HERR: Ich habe dein Gebet gehört
und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund
machen.
2. Könige 20,5

Endlich! Gott hat mich gesehen. Meine Tränen, mein Leid.
Alles, was mich beschäftigt, was mir auf dem Herzen liegt. Ich
habe es vor Gott gebracht. Immer wieder. Und jetzt, endlich,
hat er mich gehört. Erhört. – Aber das heisst noch nicht, dass
es jetzt sofort besser wird. Ich werde wohl weiterhin Geduld
haben müssen. Meistens braucht es Heilungszeit. Das geht
nicht von jetzt auf gleich. Nach und nach werde ich gesund.
Langsam geht es besser. Doch selbst wenn die Wunden verheilen:
Narben bleiben.

Ich blättere gerade im Gedichtband «Ortlose Nähe» von
Erika Burkart, als deine Zeilen mich erreichen, lieber Lars.
Darf ich dir heute mit einem Gedicht von Erika Burkart antworten?
Es heisst «Die Häutung»:

Schale um Schale
und Haut um Haut.

Wie man litt zeitlebens
an seinem verborgensten
Korn.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

20. Februar

Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Lukas 18,7

Jesus erzählt seinen Leuten ein Gleichnis. Er will ihnen zeigen, «dass sie allezeit beten und darin nicht nachlassen sollen» (Vers 1). Und dann kommt die Geschichte vom ungerechten Richter, der einer Witwe nur deshalb Recht verschafft, weil sie ihn nervt. Immer wieder kommt sie zu ihm und bedrängt ihn. Sie besteht auf ihrem Recht. Und das ist ihr gutes Recht! Als er Angst bekommt, dass sie handgreiflich wird, lenkt er ein. Heisst das jetzt, dass ich Gott so lange nerven soll, bis ich zu meinem Recht komme? Das kann ich mir nicht vorstellen.


Wie würdest du Gott nerven wollen, Lars? Wie geht das, Gott nerven? Ich kann mir das nicht vorstellen. Auch frage ich mich, ob die Auslegung des Gleichnisses Jesu nach Vers 1 wirklich die einzig mögliche ist … Das Schöne an der heutigen Losung finde ich, dass sie als Frage formuliert ist; okay, als rhetorische Frage, die zwischen den Buchstaben zum Himmel schreit: Doch, doch, Gott wird denen, die Tag und Nacht zu ihm rufen, Recht schaffen! Aber als Losung ist und bleibt der Vers eine Frage. Vielleicht wird er, vielleicht auch nicht. Und überhaupt: Wann lieben, schlafen, träumen und umarmen sich die, die Tag und Nacht zu Gott rufen?

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

29. November

Jesus spricht: Wenn ihr meine Gebote haltet,
bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich meines Vaters
Gebote gehalten habe und bleibe in seiner Liebe.
Das habe ich euch gesagt, auf dass meine Freude
in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Johannes 15,10–11

Jesus spricht von «meinen Geboten». Was meint er? Hat er
eigene? Jenseits der Thora? In meinem Konfspruch spricht
Jesus von einem «neuen» Gebot (Johannes 13,34): «Ein neues
Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander so liebt, wie
ich euch geliebt habe.» Jesus spricht auch von den Geboten
seines Vaters. Er akzentuiert die Perspektive. Die Liebe ist
Voraussetzung und Ziel der Gebote. Die Gebote sind nicht
Selbstzweck, sondern dienen der Liebe.


Einverstanden. Die Liebe ist Voraussetzung und Ziel der
Gebote. Aber was ist die Liebe genau? Mir fällt es schwer,
dieses so oft gebrauchte Wort kommentarlos stehen zu lassen.
Ist die Liebe ein Gefühl? Ist die Liebe eine Entscheidung?
In einem Gedicht von Reiner Kunze, das mich seit ein paar
Jahren begleitet, ist die Liebe Sehnsucht:
Du weisst zur Stunde ihn an fernem Ort.
Mit dem Verstand begreifst du seine Ferne.
Es liegen zwischen dir und ihm ein Himmel Sonne
und ein Himmel Sterne.
Und doch trittst du ans Fenster – immerfort.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

15. September

Wenn du nun isst und satt wirst, so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst. 5. Mose 6,11–12

Das ist wohl das Schlimmste, was passieren kann. Inmitten meines Wohlstands, satt und matt, verliere ich den Zugang zum Urgrund meines Lebens. Dann wäre meine Quelle trüb, vielleicht sogar zugeschüttet. Nicht nur vom Wohlstand, sondern auch von meinen Wohlstandssorgen. Kann ich den Wohlstand halten? Reicht das Geld, auch später, wenn ich pensioniert bin? Wie gehe ich mit meiner zerbrechlichen Gesundheit um? Habe ich da die richtigen Versicherungen abgeschlossen? Die Fragen quälen und verschlingen meine Aufmerksamkeit. Dabei wäre eines not: Gott nicht aus den Augen (aus dem Herzen) zu verlieren. Und mich nicht selbst von meiner Quelle abzuschneiden.

In der Kirche, wo ich zurzeit predige, steht über der Kanzel: Eins ist not. Nach jedem Gottesdienst fragt mich jemand, was diese Worte denn bedeuten. Ich fasse jeweils die biblische Geschichte von Marta und Maria zusammen. Es ist eine Kurzfassung. Jesus besucht die beiden Schwestern zuhause. Marta arbeitet viel, ist fleissig und besorgt. Maria hört zu. Und Jesus sagt zu Marta: «Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.» Maria ist ganz Ohr.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

29. Juli

Der HERR, unser Gott, neige unser Herz zu ihm,
dass wir wandeln in allen seinen Wegen.
1. Könige 8,58

Salomo betet bei der Einweihung des Tempels. Wohl dem
Volk, dessen Staatschef nicht nur sich selbst als Referenzgrösse
kennt. Salomo weiss, dass nicht alles in seiner Hand
liegt. Er kennt die Verantwortung vor Gott. Und er weiss,
dass er diese nur wahrnehmen kann, wenn Gott irgendwie
mithilft. In einem langen Gebet folgt er der Spur, die ihm
die Tora legt. Und er vertraut darauf, dass Gott sein (Salomos)
Herz zu sich neigt. Das Herz ist das Organ, das für die
Menschen der Bibel die Verbindung zu Gott pflegt. Salomo
möchte Gott näherkommen. In eine engere Verbindung mit
ihm treten, damit sein Schritt sicherer wird.


Gebete sind immer ein Eingeständnis unserer Begrenztheit.
Wir spüren, dass wir nicht alles unter Kontrolle und im Griff
haben, und legen das, was nicht in unserer Macht ist, in Gottes
Hand. Wir greifen über den Horizont der eigenen Existenz
hinaus, richten uns aus auf ein Gegenüber, das grösser ist
als wir selbst. Ich vermisse diesen uralten Reflex in unserer
selbstverliebten Gegenwart. Sich einen Moment Zeit nehmen,
das Gespräch mit dem Innersten suchen, das, was da
inwendig auftaucht, hervorholen und es Gott anvertrauen:
Das tut gut, und mancher Schritt, der zunächst undenkbar
schien, wird möglich.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

15. Mai

HERR, sei unser Arm alle Morgen, ja, unser Heil zur Zeit
der Trübsal!
Jesaja 33,2

«All Morgen ist ganz frisch und neu, des Herren Gnad’ und
grosse Treu. Sie hat kein End, den langen Tag, drauf jeder sich
verlassen mag.» Dieses wunderbare Lied aus dem Gesangbuch
gehört zu meinen Lieblingsliedern. Jeden Morgen, egal,
wie der gestrige Tag war, egal, wie die vergangene Nacht:
Gottes Gnade, sein Arm, an dem ich mich halten kann, ist da.
Frisch und frei kann ich aufstehen und einen neuen Anfang
machen. Ein neuer Tag liegt vor mir, an dem ich mich für
Gottes Gerechtigkeit einsetzen kann. Eine neue Chance zu
lernen, dass in Gott mein Heil liegt.


Ein Lied aus der Reformationszeit. Einer schwierigen, turbulenten
Zeit. Und auch da hofften Menschen jeden Morgen
und überliessen den kommenden Tag nicht der Verzweiflung.
Jesaja betet aus der Not zu Gott. Jerusalem ist belagert und
er schreit zum Himmel: «Herr, sei uns gnädig. Sei unser Beistand
jeden Morgen und unsere Hilfe in der Zeit der Not.»
Diesen Worten habe ich in unseren Tagen nichts beizufügen.
Ich wiederhole sie einfach laut vor mich hin. Einmal, zweimal,
dreimal.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

14. Mai

Da sprach Jesus zu den Zwölfen:
Wollt ihr auch weggehen?
Johannes 6,67

Die Situation spitzt sich zu. Wer Jesus nachfolgen will, muss
sich entscheiden. Jesus hat im Johannesevangelium eine nicht
ganz einfache Rede gehalten. An deren Ende wenden sich
viele von ihm ab. «Das ist eine harte Rede, wer kann sie
hören?», fragen sogar die Jünger. Sie stehen vor der Entscheidung.
Weiter mit Jesus unterwegs sein? Oder zurück ins alte
Leben? Für Petrus, den Musterschüler, ist klar: «Herr, wohin
sollten wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Und
wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.»


Ich bedaure, dass uns die Evangelisten an keiner Stelle darüber
berichten, dass Jesus auch gelacht habe. Es würde ihm
so gut anstehen. Gerade auch an dieser Stelle. Mir scheint,
wer ihm nachfolgen will, darf annehmen, was er schenkt:
«Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt.
Bleibt in meiner Liebe! Das habe ich euch gesagt, damit
meine Freude in euch sei!» (Johannes 15,11) Wir haben sein
Wort und darin seine Gegenwart, uns geschenkt, damit seine
Freude in uns bleibe.

Von: Lars Syring und Chatrina Gaudenz

29. März

Als der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
Matthäus 27,54

Der Tod Jesu war, so wie es Matthäus erzählt, ein Spektakel. Seit drei Stunden lag eine tiefe Finsternis über allem. Oben am Kreuz betet Jesus Psalm 22: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Ob er noch bis zum nächsten Psalm gekommen ist? «Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.» Nach seinem letzten Schrei zerreisst der Vorhang im Tempel. Der Weg zu Gott ist barrierefrei. Die Erde bebt, Felsen zerreissen und die Gräber tun sich auf. Die entschlafenen Heiligen nehme neue Wege unter die Füsse. Dass da auch der Hauptmann neue Gedanken denkt, leuchtet mir ein.

Am Abgrund, unter dem Kreuz, bekennt der Hauptmann: «Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen.» Wie kann ich heute das, was wir den ersten Karfreitag nennen, mit meinem Leben verbinden? Wie kann ich es in meinem Leben bezeugen? «Ich danke dir von Herzen, o Jesu, liebster Freund, für deines Todes Schmerzen, da du’s so gut gemeint. Ach gib, dass ich mich halte zu dir und deiner Treu und, wenn ich einst erkalte, in dir mein Ende sei», so drückt es Paul Gerhardt im Lied «O Haupt voll Blut und Wunden» aus. So verbindet er jenen Tag, dessen wir heute gedenken, mit seinem Leben.

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz

15. März

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Galater 3,26

Du bist ein Kind Gottes! Ich auch. Das steht bisher nicht im Stammbuch meiner Familie. Durch meinen Glauben, weil ich mich Gott anvertraue, bin ich hineingestellt in neue Zusammenhänge. Bin Teil einer neuen Familie. O.k. Nicht alle Familienmitglieder sind mir gleich sympathisch. Aber ich ahne, es lohnt sich, sie besser kennen zu lernen. Und Jesus ist mein grosser Bruder. Er kennt Gott schon länger als ich. Von ihm erfahre ich, wie Gott ist. Ihm glaube ich seinen Gott. Ihm hinterher sammle ich meine eigenen Erfahrungen, die ich gerne mit meiner neuen Schwester Chatrina teile.

Schwester, Bruder… mir ist das etwas zu viel Familie, lieber Lars. Das ist mir zu eng. Ist das Wesentliche der jüdisch-christlichen Tradition nicht, dass sie die grosse Idee der Menschlichkeit entdeckt hat? Hat Jesus auf dem Berg nicht sie verkündet? Und hat Maria mit dem Magnificat nicht sie besungen? «Mächtige hat Gott vom Thron gestürzt. Niedrige hat er erhöht. Hungrige hat er mit Gutem gesättigt.» Umfasst die Idee der Menschlichkeit nicht mehr als eine exklusive Familie? Gehören da nicht alle dazu? Auch solche, die nicht glauben?

Von: Lars Syring / Chatrina Gaudenz