Schlagwort: Hans Strub

16. Januar

Alle hoffärtigen Augen werden erniedrigt, und
die stolzen Männer müssen sich beugen; der HERR
aber wird allein hoch sein an jenem Tage.
Jesaja 2,11

«Warte nur – es kommt der Tag, an dem sie büssen müssen für alle Ungerechtigkeit!» So sagte meine Grossmutter, wenn ich ihr klagte, wie böse eben wieder einige Schulkameraden mit dem Beat vom Talhof umgegangen waren. Ich stellte mir diesen Tag damals in schrecklichen Farben vor. Und durchaus mit gemischten Gefühlen, neben Angst war da auch eine gewisse Schadenfreude …
Von einem solchen Tag, dem «Tag des Herrn», ist hier und an etlichen Stellen in der Bibel die Rede. «Sich beugen» müssen sich dann nicht unflätige Schüler, sondern all jene, die ihren Halt im Leben bei Götter- oder Gottesbildern suchen, die sie selbst geschaffen haben – weil sie ihnen dienlich sind und sie in ihrem selbstgefälligen Lebenswandel unterstützen und rechtfertigen. Es ist eine heftige Drohung, die hier gleich am Anfang des langen Jesajabuchs formuliert ist. Und es folgt keine rasche Beruhigung, im Gegenteil: «Vergib ihnen nicht», bittet der Prophet (Vers 9b). Deutlicher kann er die Unbedingtheit seiner Verkündigung nicht ausdrücken. Es ist der dringliche Ruf nach Umkehr, nach Zuwendung zum lebendigen und Leben schenkenden Gott, weg von allen mir selbst genehmen Vorstellungen und Prinzipien. Gott will nicht nur der Grösste und Einzige sein – er ist es auch und verschafft sich Nachachtung!
Noch können wir uns besinnen.

Von: Hans Strub

4. Dezember

O dass du auf meine Gebote gemerkt hättest,
so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und
deine Gerechtigkeit wie Meereswellen.
Jesaja 48,18

Obwohl sie die politische Möglichkeit haben, zögern etliche
der in dritter Generation sesshaft und offenbar auch wohlhabend
gewordenen Menschen im Lande Babylon, nach
Jerusalem zurückzukehren. Sie zeigen nach aussen einen
Gottesglauben, auch wenn sie sich innerlich davon abgewandt
haben. Das wirft ihnen der lebendige Gott vor: Hättet
ihr doch auf meine Gebote achtgegeben …! Weil sie das nicht
getan haben, haben sie es (zumindest vorläufig) verpasst,
am Frieden und an der Gerechtigkeit Anteil zu bekommen,
die er allen im Land Israel zugesagt hat. Und es auch verpasst,
für andere zu einem Zeichen des Friedens und der
Gerechtigkeit zu werden. Am Ende des Kapitels kommt’s
noch deutlicher: Es wird keinen Frieden geben für Frevler,
also für Leute, die sich bewusst Gott widersetzen (Vers 22).
Das ist eine Anmahnung, aber sie lässt Raum zur Veränderung.
Wenn die Angesprochenen sich bewusst werden,
dass ihnen die Rückkehrmöglichkeit ausschliesslich wegen
Gottes Güte und Barmherzigkeit eröffnet wurde, wird Gott
sie annehmen und auch ihnen seine neue Zukunft geben.
Mit den Worten «Wasserstrom und Meereswellen» werden
die Menschen, welche in einem Wüstengebiet leben, daran
erinnert, wie Gott eben ist: grosszügig und vergebend. Zu
jeder Zeit, gestern und heute und morgen.

Von: Hans Strub

3. Dezember

Samuel sprach zu Saul: Der Geist des HERRN
wird über dich kommen; da wirst du umgewandelt
und ein anderer Mensch werden.
1. Samuel 10,6

Ein neues Amt mache aus dem Amtsträger einen neuen
Menschen, sagt der Volksmund. Die neue Verantwortung
verwandle jemanden und mache ihn … Hier können nun
verschiedenartigste Wörter stehen: lebendiger, besser, grosszügiger,
zugewandter; oder aber: härter, rechthaberischer,
gewalttätiger …
Natürlich ist die erste Reihe wünschenswert, wir wissen
aber, wie leider auch die zweite real ist. Wer in eine leitende
Stellung gewählt (oder erwählt) wird, muss sich bewusst
sein, dass ihn die Menschen, die ihn bisher kannten, neu
wahrnehmen und auch beurteilen. Genau das wird im Kapitel
10 dargestellt: Samuel salbt den neuen, herbeigewünschten
König über Israel und dann lässt er ihn öffentlich bestätigen.
Wir wissen aus dem Fortgang der Geschichte, dass Saul
seinem neuen Amt letztlich nicht gewachsen war (was in
Vers 22 fast etwas verschmitzt «vorweggenommen» wird).
Und dies, obwohl ihm Samuel zuspricht, dass er unter Gottes
Geist stehen werde. Das bewahrt ihn aber nicht davor, aus
seinem Amt etwas zu machen, das nicht gut ist. Die «Verwandlung
» für und durch ein neues Amt nötigt dazu, sich
mit aller Kraft für das Wohl der unterstellten Menschen
einzusetzen. Die Salbung/Wahl nimmt in die Pflicht, damals
wie heute. Gottes Geist unterstützt, aber er braucht mein
Wirken. Auch heute.

Von: Hans Strub

11. November

Die Israeliten werden umkehren und den HERRN, ihren
Gott, suchen, und werden mit Zittern zu dem HERRN
und seiner Gnade kommen in letzter Zeit.
Hosea 3,5

«… und den Herrn, ihren Gott, suchen. Und in fernen Tagen
werden sie zitternd zum Herrn kommen und zu seiner
Güte.» Die Zürcher Übersetzung lässt noch etwas deutlicher
diese schwache Spur einer positiven Entwicklung des
Volkes am Horizont erahnen. Vorher aber wird Israel (Hosea
meint das abgespaltene Nordreich, das 722 endgültig aus
der Geschichte getilgt wird) wegen seines Abfalls von Gott
und der Zuwendung zu anderen Göttern Schweres erleiden
müssen. In den folgenden Kapiteln werden die Gottesstrafen,
die über die Menschen kommen, präzis benannt
und in ihrer ganzen Heftigkeit beschrieben. In der Düsterkeit
seiner Reden an das Volk hat es ein paar kleine «Wolkenlöcher
», durch die etwas Himmelsblau wenigstens kurz zu
sehen ist. Gott hat sein Volk nicht einfach ganz verlassen –
eine Rest-Hoffnung bleibt ihm. Und an die können sich die
Menschen klammern … In einer verdunkelten Welt haben
solche «Durchblicke auf Zukunft» eine sehr hohe Bedeutung.
Auch der ziemlich unbarmherzige Prophet lässt ein
Stück Hoffnung zu. Er zeigt aber ebenso deutlich, dass das
Volk gut daran tut, die Nähe Gottes intensiv zu suchen. Gott
lässt sich finden, auch wenn es manchmal anstrengend ist.
Das zu hören, ist wichtig, gerade in Zeiten wie jetzt: Auch da
leuchtet Gottes Gnade oft durch Wolkenlöcher.

Von: Hans Strub

10. November

Meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er
hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit
dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.
Jesaja 61,10

Ein Mensch, strahlend vor Freude und von Gott erfüllt,
wünscht, dass alle Menschen, die am Wiederaufbau des
zerstörten Jerusalem beteiligt sind, so empfinden und mit
dieser Gewissheit leben können: Gott verwandelt die Menschen,
die ihm folgen, und schenkt ihnen eine neue und
gute Zukunft. Das Kleid gibt mir neue Kraft, Zuversicht und
Mut («Heil»), der Mantel darüber macht mich zu einem
«Agenten der Gerechtigkeit», zu jemandem also, dem es
zentral wichtig ist, dass niemand mehr Unrecht ausgesetzt
ist, sondern in Würde, Ruhe und Frieden ein selbstverantwortetes
Leben leben kann. In geradezu poetischen Bildern
wird dem Volk, das sich neu finden muss, eine Verheissung
gegeben und ein Auftrag. Dieser ist im ersten Vers des vorangehenden
Kapitels formuliert: «Mache dich auf, werde licht!
Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist
aufgestrahlt über dir». (Vers 60,1) Die Verheissung wird in
Vers 61,11 nochmals deutlich gemacht: «So wird Gott, der
Herr, Gerechtigkeit spriessen lassen …». Verheissung und
Auftrag sind heute wieder sehr aktuell und herausfordernd:
Wir alle, die diesen Vers hören, bekommen im kleinen oder
im grossen eigenen Umfeld diese «Kleider des Heils» angezogen
– und werden dadurch zum Heil für andere.

Von: Hans Strub

4. Oktober

Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort und sagen: Wann tröstest du mich? Psalm 119,82

Es ist, als ob dieses Wort direkt an das Wort von gestern anschliessen würde: Wer in der Not und im Elend ist, wer von Wassermassen und wer von Raketen und Drohnen bedroht ist, braucht unmittelbaren Trost. Schmachtet nach Trost, wie die Zürcher Bibel übersetzt. Im Psalm liegt der Trost im Gotteswort. Dieses, so sagt er, könne auch im schwersten Sturm und im grössten Kampflärm gehört werden. Wahrlich eine steile Ansage! Und doch: Ich habe selber Situationen erlebt, wo ein Gebet als Notruf meine Lage veränderte. Nicht etwa, dass sich auf einen Schlag alles beruhigt hätte, aber so, dass sich in mir drin eine Veränderung anbahnte. Indem ich meine Angst wenigstens kurz in ein paar ehrliche Worte fassen konnte, war es mir, als ob eine kleine Ecke der schweren Last auf meiner Seele wegbräche. Auf eine geheimnisvolle Weise kam so etwas wie ein «Zipfel Zuversicht» auf, es könnte doch noch gut kommen. Dieses «wann tröstest du mich?» tönt auf den ersten Blick und im sicheren Zimmer gesagt ziemlich hart. Und direkt. In der Situation draussen passt nur der ehrlichste Ruf, und sei er noch so hart. Gott, an den er gerichtet ist, kennt meine Umstände und versteht das Drängen. Der Text von gestern gibt den Boden für diesen Ruf: Denn bei Gott ist Aufbauen.
Bei Gott ist Leben und Zukunft. Daran kann ich mich halten, auch wenn ich solches gerade überhaupt nicht sehen kann.

Von: Hans Strub

3. Oktober

Der HERR macht das Wort seines Knechts wahr und vollführt den Rat seiner Boten. Er spricht zu Jerusalem: Du sollst bewohnt sein!, und zu den Städten Judas:
Ihr sollt wieder aufgebaut werden!
Jesaja 44,26

Ein wundersames Gotteswort mitten in eine Welt und eine Zeit von Krisen, Kriegen, Naturkatastrophen, Todesängsten. In grösster Klarheit sagt hier Gott zu, dass das nicht das Letzte ist. Dass es ein Ende geben wird für Zerstörung und Gewalt, dass Verzweiflung und Endzeitfurcht nicht die Macht über alles Lebendige haben werden. Nein! sagt Gott hier – und wird sehr konkret: Was Feinde an «verbrannter Erde» zurücklassen, wird neues Leben hervorbringen, was niedergerissen worden ist, wird wieder aufgebaut! Mitten in eine für viele hoffnungslos gewordene Situation hinein kommt die Zusage: Es geht weiter! Ihr könnt darauf vertrauen, dass ich, Gott, euch nicht sitzen und leiden lasse. Es wird eine neue Zeit anbrechen, es wird ein neues Leben geben für euch! Wenn es einigen Menschen gelingt, sich auf eine solche Zusage einzulassen, ist damit ein entscheidender Anfang für eine Wende geschaffen. Aufräumen und aufbauen braucht riesengrosse Kräfte – dass sie zur Wirkung kommen, braucht das Vertrauen, dass es weitergehen wird. Braucht es den Glauben an einen Gott, der das Leben will.
Es braucht ihn dann, wenn rundum Elend ist. Denn da ist
das Gotzwort (Zwingli), dass seine Welt Zukunft hat. Und dass es, das Wort, Zukunft macht.

Von: Hans Strub

11. September

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir
einen neuen, beständigen Geist.
Psalm 51,12

Auch wenn die Überschrift es suggeriert – der Psalm 51 kann nicht David nach seiner Affäre mit Bathseba zugeschrieben werden; sein Inhalt legt nahe, dass er erst Jahrhunderte später abgefasst wurde. So konfrontiert er auch mich mit der «Sünde», von der der Psalmsänger befreit werden möchte. Denn das, was hier gesagt wird, passt zu jedem Menschen: die Anerkennung, dass ein schuldloses Leben nicht möglich ist, und der innige Wunsch, von Schuld entlastet zu werden. «Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein, wasche mich, und ich werde weisser als Schnee» (Vers 9) ist ein heftiges Bittwort, genauso wie das heutige Wort. Ich erinnere mich gut, wie mich diese beiden Sätze schon als jungen Menschen sehr berührten. Sie eröffneten einen Weg, begangenes Unrecht im Gebet ohne Umschweife zuzugeben, weil ja die Aussicht bestand, dass dieses falsche Verhalten tatsächlich weggenommen werden kann. Der Psalmbeter erhofft sich das und baut darauf, ich tat und tue es ihm nach. Ich habe genügend Sensoren in mir, die mich wissen lassen, wann ich eine Sünde begangen habe (auch wenn mir der altschwere Begriff kaum über die Lippen kommt). Wann ich also ganz besonders auf Gottes Nähe und Befreiung angewiesen bin. Aber sie bewahren mich nicht vor neuer Schuld – da brauche ich dringend Gottes «neuen, beständigen Geist»!

Von: Hans Strub

10. September

Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Psalm 111,1

Die «Zwillingspsalmen» 111 und 112 sind ein kleines ABC des Glaubens respektive des Handelns. Eingeleitet wird es durch den Lobruf «Halleluja!» (Lobet Jahwe, den Herrn!) Damit beginnt jeder Glaube: mit einem tiefempfundenen Dank an die Kraft, die Leben schenkt und Leben begleitet und bewahrt. Das geschieht aber nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit. Freude und Dankbarkeit, dass ich einem solch grossartigen und einzigartigen Gott vertrauen darf, müssen geteilt werden. Im kleinen und im grossen Kreis. In der Gemeinschaft der Glaubenden wird der Glaube konkret: Ich finde mich eingebunden in eine Gemeinde von Ähnlichdenkenden, ich nehme Anteil an dem, was andere empfinden oder was anderen widerfährt. Es entsteht eine Solidarität, die mich einerseits verpflichtet, mich andererseits aber auch selber trägt. Glauben ist keine Privat-«Sache», sondern ist gelebtes Leben in Verbindung mit anderem Leben! Der gemeinsame Grund ist das Wissen um den geschenkten Boden für unser Sein im Zusammenspiel mit der Welt, die ebenfalls gegeben ist. Das ist also etwas, das unser ganzes Wesen und alle unsere Sinne und Glieder umfasst und fordert. Im Tageswort kommt das in der Formulierung «von ganzem Herzen» anschaulich zum Ausdruck: Wer glauben kann, nimmt Gott und die Welt mit Augen und Ohren und vor allem mit dem Herzen wahr!

Von: Hans Strub

4. August

Alles, was der HERR will, das tut er im Himmel und
auf Erden, im Meer und in allen Tiefen.
Psalm 135,6

«Schaut euch alle Fotos an, die ihr in euren Alben oder in
euren Handys findet! Und erinnert euch!» Der Freundesrat
an ein kriselndes Paar hat gewirkt. Tatsächlich evozierten
viele Bilder Begebenheiten, die lustig waren oder gefahrvoll:
Erlebnisse, als man sich scheinbar hoffnungslos verlaufen
hatte, Begegnungen mit anderen Menschen, Erinnerungen
an die eigenen Kinder in jedem Lebensalter, bis eben vorgestern
beim gemeinsamen Essen … In den Erinnerungen
sind Emotionen gespeichert, das Erzählen löst sie aus der
Gebundenheit an bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen.
Und sie entwickeln unerwartetes Gewicht. Die Partner:innen
begegnen sich selbst in der Geschichte. Gefühle kommen
hoch, Dankbarkeit und manchmal gar Liebe: So war es mit
mir, so war es mit uns. Das Vergessene und Verdrängte wird
erneut lebendig. Gegenwärtig. Und legt sich mit seinem
ganzen Gewicht in die Herzen … Wohl Ähnliches geschieht
mit denen, die «den Herrn loben». Im Loben erinnern sie an
die Taten Gottes für Menschen und Völker zu allen Zeiten.
Mit dem Singen steigen Bilder hoch, umweben Gefühle das
Herz und gehen Erinnerungen durch den Kopf. Und machen
mir bewusst, was alles ich ihr/ihm verdanke. Was alles mir
bisher zugekommen ist durch Gottes Liebe, Barmherzigkeit,
Vergebung, Orientierung, Treue. Das gibt Zuversicht für die
Zukunft – komme, was kommen mag.

Von: Hans Strub