Schlagwort: Hans Strub

16. Juli

Wenn der HERR nicht die Stadt behütet,
so wacht der Wächter umsonst.
Psalm 127,1

Dreimal steht «umsonst» am Anfang dieses kurzen Weisheitslieds.
Umsonst sind meine Bemühungen um einen
naturnahen Lebenswandel oder um einen Hausbau oder gar
für eine sichere Bewachung meiner Stadt, wenn nicht Gott
dabei ist. Wenn nicht Gott dieses Bemühen stützt und segnet.
Wenn nicht Gott will, dass das, was ich unternehme, gut
kommt. Oder andersherum: wenn ich nicht Gott in mein
Handeln miteinbeziehe, wenn ich nicht darüber nachdenke,
wie das, was ich im Sinn habe, in Gottes Augen aussehen
könnte. Die eingängigen Bilder haben Wirkung. Weil ich nicht
möchte, dass das, was ich tue, umsonst ist, plane ich mit Gott.
Wie aber stelle ich sicher, dass Gott das, was ich möchte,
auch will? Darauf gibt es keine sichere Antwort und keine
eindeutige Botschaft vom Himmel her. Ich verspüre in solchen
Situationen, wenn ich ehrlich bin und es zulasse, eine
Art von diffusem Unbehagen oder schwerem Herzen, Signale,
die mir eigentlich kaum entgehen, die ich aber gar nicht
immer annehmen will. Im Gegenteil: Ich suche nach Ausflüchten
oder schiebe Entscheidungen auf in der Hoffnung,
dass «es» etwas später dann «irgendwie geht» … Denn ich
möchte ja nicht, dass mein Planen umsonst ist.
Mach mich frei, Gott, zum Wahrnehmen dessen, was «recht»
ist vor dir, und gib mir die Kraft, es dann zu tun.

Von: Hans Strub

17. Juni

Gott sprach zu Jakob: Ich bin Gott, der Gott
deines Vaters; fürchte dich nicht. Ich will mit dir
hinab nach Ägypten ziehen und will dich auch
wieder heraufführen.
1. Mose 46,3.4

Nach dem dramatischen Höhepunkt der Josefsgeschichte,
als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, wird jetzt
die ebenso dramatische Begegnung von Josef und seinem
Vater Jakob/Israel vorbereitet. Dazu reist der alte Mann nach
Ägypten und hat einen Traum. Darin sagt ihm Gott, dass
die Reise gut gehen wird. Dass er bei der Hinreise von Gott
begleitet werde und dass er wieder zurückkomme. Diese
Verheissung hat eine doppelte Bedeutung: für ihn selbst, der
in der Heimat beerdigt werden wird. Und für das Volk, das
aus seiner Familie hervorgeht: Es wird dereinst aus Ägypten,
wo es in Knechtschaft geraten ist, wieder heraufgeführt. Im
Übergang vom ersten zum zweiten Mosebuch (in dem dann
der Auszug Thema ist) wird gezeigt, dass das seinerzeitige
böse Handeln der Brüder an Josef nicht vergolten wird. Gott
ist bereit, begangene Fehler und auch Unrecht stehen zu
lassen und einen neuen Anfang zu ermöglichen. Darauf darf
ich hoffen. Was Vater Israel im Traumgesicht erfährt, ist diese
Zusage von Hoffnung. Der alte Mann fährt hinab und stellt
sich dem, was geschehen ist. Gott schenkt ihm nicht nur eine
gelungene und lange dauernde Wiederbegegnung mit dem
verlorenen (verkauften!) Sohn, sondern auch Rückkehr und
Rückführung für sein Volk. So ist Gott. Zu jeder Zeit!

Von: Hans Strub

16. Juni

Eine linde Antwort stillt den Zorn;
aber ein hartes Wort erregt Grimm.
Sprüche 15,1

Die ersten paar Verse dieses Sprüche-Kapitels lesen sich wie
ein aktueller Ratgeber für den guten Umgang miteinander.
Es sind Sätze, zu denen wir eigentlich bloss mit dem Kopf
nicken und «Ja, natürlich!» sagen können. Was wundert,
ist die krasse Gegensätzlichkeit, die zwischen den Akteuren
aufgerichtet ist: Auf der einen Seite stehen die Weisen, die
Gerechten, die Rechtschaffenen – auf der andern die Dummen,
die Toren, die Frevler, die Spötter. Und was noch mehr
wundert, ist die Heftigkeit, mit der diese «Ratgebersätze»
legitimiert werden: Wer sich nicht so verhält, riskiert sein
Leben! Und es gibt nicht irgendeine übergeordnete menschliche
Instanz, die richten wird, sondern Gott. Und diesem
Gott bleibt keine Abweichung von den zitierten Regeln verborgen:
«Totenreich und Abgrund liegen offen vor dem
Herrn – wie viel mehr die Herzen der Menschen.» (Vers 11)
Von dieser Stelle aus gesehen ist die Bezeichnung des Anfangs
als «Ratgeber» unhaltbar. Vielmehr wird deutlich gemacht,
dass sorgfältiger Umgang mit anderen nicht «nett»
ist, sondern «existentiell» für mein ganzes Menschsein.
Wer sich in Gottes Nähe bewegen möchte und gleichzeitig
andere kränkt, muss mit Gottes Zurechtweisung rechnen.
Oder andersherum gesagt: Gottesnähe und achtsames Handeln
gehören aufs Engste zusammen, das beginnt schon
beim kleinsten Wort …

Von: Hans Strub

17. Mai

Die Gnade des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit
auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten.

Psalm 103,17–18

Der Psalm 103 ist das Hohelied von der Güte Gottes, die für
alle Geschöpfe rund um den Erdball gilt. Und das, obwohl
gerade die Menschen sehr «vorübergehende» Wesen sind:
Des Menschen Tage, meine Tage, sind wie Gras, ich blühe
wie eine Blume des Feldes – wenn der Wind darüberfährt,
bin ich dahin, und meine Stätte weiss nicht mehr von mir
(Verse 15 und 16.). Schon mit dem ersten Wort im nächsten
Vers wird dieser biologischen Gegebenheit meines kurzen
menschlichen Seins die unermessliche Grösse und Weite
von Gottes Zuwendung zu den Menschen gegenübergestellt:
Mit dem «aber» und «von Ewigkeit zu Ewigkeit»
wird eine Dimension angesprochen, die jenseits aller meiner
Vorstellungskraft ist. Das ist Gottes Dimension. Und diese
unbeschreibliche Zuwendung, die allen – uns allen! – von
Gott her zukommt, wird Gnade genannt. Ein letztlich unerklärbarer
Vorgang, der einzig dem Wollen Gottes entspringt.
Gott will, dass alle Menschen ein behütetes Leben führen
können. Unter seinem Schutz. Das ist der für mich spürbare
Ausdruck von Gottes Güte zu allem und allen, die den ganzen
Psalm durchdringt.
Und diese gilt an jedem einzelnen Tag!

Von: Hans Strub

16. Mai

Ich will hoffen auf den HERRN, der sein Antlitz
verborgen hat vor dem Hause Jakob.
Jesaja 8,17

Wenn die Mauern oder Pfeiler unserer Kirchen gefragt würden,
welches die Wörter sind, die hier drinnen am meisten
ausgesprochen werden, sie würden wohl antworten (wenn
sie denn könnten): Frieden, Glaube, Liebe, Hoffnung … Das
letztgenannte dürfte heutzutage gar überwiegen. In unserer
unvermittelt noch komplizierter gewordenen Welt braucht
es Hoffnung ganz besonders. Wer Hoffnung sagt, redet von
einer anderen Wirklichkeit. Sie ist verborgen, aber sie existiert.
Und sie wirkt in die Realität, die uns umgibt, von der wir
Teil sind und die uns manchmal den Atem nimmt. Hoffnung
ist wie Luft, die unerwartet von irgendwo herkommt und
uns, wenigstens für einen kurzen Augenblick, durchatmen
lässt. Das füllt nicht nur die Lungen, sondern erfüllt den
ganzen Menschen mit einem Kraftschub. Hoffnung schafft
Raum für Neues und bringt Energie. Wer hoffen mag, kann
mit einer Veränderung der bestehenden Verhältnisse rechnen.
Mehr noch: darf daran glauben und darauf vertrauen.
Das meint wohl Jesaja, wenn er Unmut verspürt über seinen
Auftrag gegenüber einem Volk, das nicht hören will. Und
schon gar nicht umkehren, wie es Gottes Wille ist. Dass er
hofft, gibt ihm den Mut, sein Amt als Mittler zwischen Gott
und seinem Volk weiterzuführen. Weil er weiter zu hoffen
wagt – trotz allem, was rundherum ist –, kann er in Gottes
Dienst ausharren und immer wieder Luft holen.

Von: Hans Strub

17. April

Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du
hältst mich bei meiner rechten Hand.
Psalm 73,23

Nur ganz knapp ist der Mensch, der diesen Psalm betet oder singt, der Verführung erfolgreicher Mächtiger entronnen. Es gelang ihnen, mit prahlerischem und bösartigem Reden, mit gewalttätigem und Gott verhöhnendem Tun grosse Teile des Volkes zu betören. So beschreibt er in den ersten zwanzig Versen des Psalms, was er erfahren hat. Erst als er von nahem sah, wie entsetzlich das Leben solcher Verführer enden kann, gingen ihm die Augen auf; er war «dumm», sagt er schonungslos von sich (Vers 22). Aber dieses Erleben hat ihn gerettet – von jetzt ab, beteuert er, werde er sich nur noch an Gott halten. Dafür braucht er das Bild eines Kindes, das geführt wird. Und geführt werden will! Damit er nie mehr ins Wanken gerät.
Sein Gebet beeindruckt mich auch deshalb, weil es so aktuell ist. Was er beschreibt, geschieht in unseren Tagen an zahlreichen Orten. Und zu vielen ergeht es dann so, wie es ihm fast ergangen wäre. Im letzten Augenblick sah er plötzlich klar, wohin der so laut gepriesene Weg führt. Zu Recht zeigt er sich tief dankbar seinem Gott gegenüber und redet davon. Sein Gott ist auch unser Gott und will auch heute und morgen Menschen aus der Verführung führen. Darauf dürfen wir, darf ich bauen. Gott braucht meine Bereitschaft, mich ihm anzuvertrauen. Dass ich dieses Zutrauen aufbringen kann, dafür bete ich mit diesem Psalm und mache mir den Satz von heute zu eigen.

Von: Hans Strub

16. April

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn
der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da.
Die Gnade aber des HERRN währt von
Ewigkeit zu Ewigkeit.
Psalm 103,15–16.17

In der dritten Strophe des bekannten und oft gesungenen Psalmliedes von Johann Gramannn, dem Reformator Ostpreussens, formuliert er: «Er kennt das arm Gemächte
(Geschöpf) und weiss, wir sind nur Staub, ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub. Der Wind nur
drüber wehet, so ist es nimmer da; also der Mensch vergehet, sein End, das ist ihm nah.» Dann aber folgt unmittelbar in der nächsten Strophe: «Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit …» (EKG 59).
Was noch viel früher schon Jesaja besungen hatte (Kapitel 40), wiederholt der Psalmsänger, um seinen Gott über alles zu loben: Es ist ein Zeichen der grossen Güte Gottes, dass er sich jedes einzelnen Menschen annimmt. Unter dem hebräischen Wort «chesed» (die absolute Liebe, ohne eine Gegenleistung zu erwarten) steht der ganze Psalm; Gottes Liebe, Gnade und Güte ist der einzige Grund dafür, dass die Menschen leben können. Und dürfen. Wenn ich das zitierte Lied singe, dann gebe ich meiner Dankbarkeit Ausdruck. Wenn ich den Psalm 103 als Ganzen lese oder höre, dann wird diese «chesed», wie meine Dankbarkeit auch, mit jedem neuen Satz umfassender. Und zu einer Kraftquelle, mein Leben in diesem Horizont zu gestalten.

Von: Hans Strub

17. März

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Micha 7,18

Die letzten gut zehn Verse des Michabuchs sind ein Dankgebet. Gedankt wird Gott dafür, dass er trotz allem «Sünden vergibt und Schuld erlässt» – nachdem dieser Prophet in mehreren Anläufen dem Volk in und um Jerusalem vorgerechnet hat, was es alles falsch gemacht und womit es sich Gottes Zorn und alle Strafen zugezogen habe. «Ich werde die Wut des Herrn ertragen, denn ich habe gesündigt gegen ihn (…), aber er wird mich hinausführen an das Licht, ich werde seine Gerechtigkeit sehen!» (Vers 9) Eine wundervolle Aussage, an die der heutige Satz eigentlich direkt anschliesst: Nicht die Strafe ist das Letzte, nicht das Unheil oder gar der Untergang – diese Szenarien kommen bei Micha durchaus vor –,
sondern der vergebende Gott will Neuanfänge ermöglichen! Er hat «Gefallen an Gnade»! Wir können diesen Satz und die ihn umgebenden Sätze in unseren Tagen nicht oft genug lesen und hören: Gott wird seiner Welt Auswege aus chaotischen Zuständen, aus Zorn und Hoffnungslosigkeit auftun. Darum wird hier gebetet, darum können alle Menschen in aller Welt beten und bitten. Gott wird, so macht der alte Prophet hier deutlich, darauf hören, weil er ein Gott des Lebens – und der Gnade ist! Damals wie heute!

Von: Hans Strub

16. März

Ich sprach, als es mir gut ging: Ich werde
nimmermehr wanken. Aber als du dein Antlitz
verbargst, erschrak ich.
Psalm 30,7.8

Ich verstehe ihn. Eine Krankheit untergräbt manchmal das Selbstbewusstsein, wie hier bei dem Menschen, der von seiner Krankheit genesen war. Rückblickend stellte er fest, dass die Krankheit – wir erfahren nicht, um welche es sich gehandelt haben könnte – ihn tief erschüttert hatte. Auch spirituell, denn er empfand sie als eine unerwartet gottferne Zeit. Er sei heftig erschrocken, als ihn seine Kräfte verliessen – und er sich auch von Gott verlassen fühlte. Er nahm das so wahr, dass Gott ihm zürnte. Sein Gebet imponiert mir – er «rechtet» mit Gott und kämpft um dessen erneute Zuwendung (Verse 9–11). Und Gott lässt sich auf diese Form von Gebet tatsächlich ein und macht ihn gesund (Verse 12 und 13)! Im Erschrecken erkennt er, wie sehr er auf Gottes Gnade und Erbarmen angewiesen ist. Darum ringt er dann – erfolgreich. Er musste erfahren, dass alle seine Stärken und Kompetenzen plötzlich sehr eingeschränkt waren. Dass er, der sich kraftvoll und mächtig gesehen hatte, im Nu fallen könnte. Umso tiefer seine (meine?) Dankbarkeit, als er merkte, dass Gott ihn auffängt. «Denn sein Zorn währt einen Augenblick, ein Leben lang seine Gnade; am Abend ist Weinen, doch am Morgen ist Jubel.» (Vers 6) Das ist sein Jubel, der bis zu mir und uns erschallt: Gott ist da und hört auf meine Notrufe. Ich kann mit Gott reden, wie mir zumute ist. Er verlangt nicht irgendwelche Formen, nur Offenheit!

Von: Hans Strub

17. Februar

Von deiner Wahrheit und von deinem Heil rede ich, HERR. Ich verhehle deine Güte und Treue nicht vor der grossen Gemeinde. Psalm 40, 11

Der Kollege, der gestern in einem eindrücklichen Gottesdienst zum «gerechten Frieden» eindringlich und laut predigte, tat genau das: Er redete vor einer durchaus grossen Gemeinde von «Gottes Güte und Treue». Er benannte die gegenwärtigen geopolitischen Bedrohungen und stellte ihnen die «Zusagen des Ewigen» gegenüber. Sein eigenes Vertrauen in ihn sprach er klar aus. So überzeugend und so direkt, dass viele aus der Gemeinde mehrfach zustimmend mit dem Kopf nickten und dem Gesagten zustimmten. Offensichtlich waren sie dankbar, dass so zuversichtlich eine Zukunft des Friedens in Wort und Ton und Gestus geradezu «beschworen» wurde. Der Psalmsänger von heute, so scheint es, will von seiner Erfahrung vom «Ausbruch des Friedens» so reden, dass viele es hören – und dadurch auch darauf vertrauen, «dass du, Gott, mir dein Erbarmen nicht verschliessen wirst und deine Güte und Treue mich immer behüten werden». Gestern wurde uns das gesagt!
Das habe ich nötig von Zeit zu Zeit, jetzt besonders. Und wenn es mich berührt hat, dann kann ich es auch anderen weitersagen. Gott ist ein Gott des Friedens, im Kleinen wie im Grossen. Und Gott gibt Kräfte, an ihrem/seinem Kommen zu arbeiten. Weil sie/er das will. Für alle!

Von: Hans Strub