Schlagwort: Hans Strub

11. September

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir
einen neuen, beständigen Geist.
Psalm 51,12

Auch wenn die Überschrift es suggeriert – der Psalm 51 kann nicht David nach seiner Affäre mit Bathseba zugeschrieben werden; sein Inhalt legt nahe, dass er erst Jahrhunderte später abgefasst wurde. So konfrontiert er auch mich mit der «Sünde», von der der Psalmsänger befreit werden möchte. Denn das, was hier gesagt wird, passt zu jedem Menschen: die Anerkennung, dass ein schuldloses Leben nicht möglich ist, und der innige Wunsch, von Schuld entlastet zu werden. «Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein, wasche mich, und ich werde weisser als Schnee» (Vers 9) ist ein heftiges Bittwort, genauso wie das heutige Wort. Ich erinnere mich gut, wie mich diese beiden Sätze schon als jungen Menschen sehr berührten. Sie eröffneten einen Weg, begangenes Unrecht im Gebet ohne Umschweife zuzugeben, weil ja die Aussicht bestand, dass dieses falsche Verhalten tatsächlich weggenommen werden kann. Der Psalmbeter erhofft sich das und baut darauf, ich tat und tue es ihm nach. Ich habe genügend Sensoren in mir, die mich wissen lassen, wann ich eine Sünde begangen habe (auch wenn mir der altschwere Begriff kaum über die Lippen kommt). Wann ich also ganz besonders auf Gottes Nähe und Befreiung angewiesen bin. Aber sie bewahren mich nicht vor neuer Schuld – da brauche ich dringend Gottes «neuen, beständigen Geist»!

Von: Hans Strub

10. September

Halleluja! Ich danke dem HERRN von ganzem Herzen im Rate der Frommen und in der Gemeinde. Psalm 111,1

Die «Zwillingspsalmen» 111 und 112 sind ein kleines ABC des Glaubens respektive des Handelns. Eingeleitet wird es durch den Lobruf «Halleluja!» (Lobet Jahwe, den Herrn!) Damit beginnt jeder Glaube: mit einem tiefempfundenen Dank an die Kraft, die Leben schenkt und Leben begleitet und bewahrt. Das geschieht aber nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern in aller Öffentlichkeit. Freude und Dankbarkeit, dass ich einem solch grossartigen und einzigartigen Gott vertrauen darf, müssen geteilt werden. Im kleinen und im grossen Kreis. In der Gemeinschaft der Glaubenden wird der Glaube konkret: Ich finde mich eingebunden in eine Gemeinde von Ähnlichdenkenden, ich nehme Anteil an dem, was andere empfinden oder was anderen widerfährt. Es entsteht eine Solidarität, die mich einerseits verpflichtet, mich andererseits aber auch selber trägt. Glauben ist keine Privat-«Sache», sondern ist gelebtes Leben in Verbindung mit anderem Leben! Der gemeinsame Grund ist das Wissen um den geschenkten Boden für unser Sein im Zusammenspiel mit der Welt, die ebenfalls gegeben ist. Das ist also etwas, das unser ganzes Wesen und alle unsere Sinne und Glieder umfasst und fordert. Im Tageswort kommt das in der Formulierung «von ganzem Herzen» anschaulich zum Ausdruck: Wer glauben kann, nimmt Gott und die Welt mit Augen und Ohren und vor allem mit dem Herzen wahr!

Von: Hans Strub

4. August

Alles, was der HERR will, das tut er im Himmel und
auf Erden, im Meer und in allen Tiefen.
Psalm 135,6

«Schaut euch alle Fotos an, die ihr in euren Alben oder in
euren Handys findet! Und erinnert euch!» Der Freundesrat
an ein kriselndes Paar hat gewirkt. Tatsächlich evozierten
viele Bilder Begebenheiten, die lustig waren oder gefahrvoll:
Erlebnisse, als man sich scheinbar hoffnungslos verlaufen
hatte, Begegnungen mit anderen Menschen, Erinnerungen
an die eigenen Kinder in jedem Lebensalter, bis eben vorgestern
beim gemeinsamen Essen … In den Erinnerungen
sind Emotionen gespeichert, das Erzählen löst sie aus der
Gebundenheit an bestimmte Ereignisse oder Erfahrungen.
Und sie entwickeln unerwartetes Gewicht. Die Partner:innen
begegnen sich selbst in der Geschichte. Gefühle kommen
hoch, Dankbarkeit und manchmal gar Liebe: So war es mit
mir, so war es mit uns. Das Vergessene und Verdrängte wird
erneut lebendig. Gegenwärtig. Und legt sich mit seinem
ganzen Gewicht in die Herzen … Wohl Ähnliches geschieht
mit denen, die «den Herrn loben». Im Loben erinnern sie an
die Taten Gottes für Menschen und Völker zu allen Zeiten.
Mit dem Singen steigen Bilder hoch, umweben Gefühle das
Herz und gehen Erinnerungen durch den Kopf. Und machen
mir bewusst, was alles ich ihr/ihm verdanke. Was alles mir
bisher zugekommen ist durch Gottes Liebe, Barmherzigkeit,
Vergebung, Orientierung, Treue. Das gibt Zuversicht für die
Zukunft – komme, was kommen mag.

Von: Hans Strub

3. August

Auf dich hoffen, die deinen Namen kennen; denn
du verlässest nicht, die dich, HERR, suchen.
Psalm 9,11

Wenn der kleine Junge damals durch den dämmerigen Wald
gehen musste, waren die Sinne sehr angespannt. Und wenn
ich dann in der Ferne eine Person sah, die entgegenkam,
blieb ich stehen. Ein paar Augenblicke der steigenden Ungewissheit,
dann das Erkennen des Menschen aus dem Dorf.
Erleichterung: Den kenne ich, ich weiss, wie er heisst; er wird
mir nichts tun. Ein Moment des Zutrauens, des Vertrauens.
Ähnliches erlebt der Psalmist, wenn auch in viel grösseren
Dimensionen, gegenüber fremden Feinden, die offensichtlich
sein Leben bedrohten. Und es ist Gott, dessen Namen
er kennt und von dem er einmal mehr erfahren hat, dass er
ihn nicht verlässt. Jetzt betet er. Wahrscheinlich hat er das in
der Not vorher auch schon gemacht. Er dankt. Im Lob Gottes
entweicht die Angst. Und schafft Raum für ein neues Gefühl:
Geborgenheit. Gott hat geholfen, Gott hat bewahrt. Gott ist
zuverlässig, ich kann ihn finden, und er findet mich. Jederzeit
und überall. Angst erzeugt Ohnmacht, ich fühle mich einsam,
ausgeliefert und hilflos. Angst lähmt. Beten erlöst mich
wenigstens kurz aus der Schockstarre, aber genau diese Zeit
kann ausreichen, um einen neuen Gedanken zu fassen. Einen
Weg zu sehen, der eben noch verborgen war. Es braucht Mut,
in solchen Situationen neu zu denken. Eben zu beten. Aber
die Folgen können grossartig sein. Lebendig machen und
handlungsfähig.

Von: Hans Strub

11. Juli

An dem Ort, da zu ihnen gesagt ist: «Ihr seid nicht mein Volk», wird zu ihnen gesagt werden: «Kinder des lebendigen Gottes!» Hosea 2,1

Noch im vorangehenden Satz sagt Gott in unbarmherziger
Schärfe: Ihr seid nicht mein Volk, und ich gehöre nicht zu
euch (Hosea 1,9). Damit ist alles zu Ende, danach kommt
nur noch der Zusammenbruch. Doch schon im nächsten (!)
Satz tönt es ganz anders: Was der früheren Generation zugedacht
war als Quittung für ihr gottloses Verhalten, gilt jetzt
nicht mehr. Jetzt gilt: Ihr seid Kinder des lebendigen Gottes!
Eine Zusage höchster Barmherzigkeit. Das Frühere wird
nicht zurückgenommen, es wird ersetzt. Ersetzt durch eine
zukunftsweisende Aussicht. Eine neue Perspektive inmitten
von Hoffnungslosigkeit und Verlassenheit. Auch wenn sich
Gott masslos erzürnt über das Schreckliche, das «seine»
Menschen tun – abwenden für ewig, ohne Ausweg, geht für
Gott nicht. Ersetzt werden die schuldig sprechenden Aussagen,
die in den Kindernamen enthalten sind (Hosea 1,4.6.9)
durch ein Wort, das in diesem Zusammenhang nicht mehr
zu überbieten ist: Kinder des lebendigen Gottes. Die Kinder
von Hosea mit der offenbar zweifelhaften Gomer werden nun
gewissermassen adoptiert und sind Gottes Kinder! Und als
solche tragen sie das Versprechen Gottes in sich, dass er/sie
auch in scheinbar «definitiven» Situationen ein neues Licht
setzen kann. Und setzen will. Dort, wo eben noch ein naher
Tod vor Augen stand, genau dort ist jetzt Licht! Gottes Licht.

Von: Hans Strub

10. Juli

Auch künftig bin ich derselbe, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will’s wenden? Jesaja 43,13

Ich sicher nicht! Dieser Satz liegt mir auf der Zunge, und
wahrscheinlich würden viele andere Menschen spontan
ähnlich reagieren. Wie käme ich dazu, ein solches Angebot
auszuschlagen oder zu relativieren? Oder es gewissermassen
«auf die hohe Kante» zu legen, für den Fall, dass ich es
doch einmal brauchte… Gott will wirken zugunsten der
Menschen, zugunsten von uns, wo immer wir gerade sind.
Zugunsten von mir. Lese ich im Anfang des Kapitels, fallen
mir sehr starke und oft unwahrscheinliche Bilder auf, die
in der Gottesrede gebracht werden; alles steht unter dem
Obersatz: Fürchte dich nicht! Und das soll wirklich immer
gelten, so betont der Vers hier («auch künftig…»). Gott ist
direkt, seine gleichsam ausgestreckten Arme bergen mich.
Und viele andere auch. Es ist kein Angebot unter anderen –
denn ein grösseres kann und wird es nicht geben! Gerade
in so unerwartet unsicher gewordenen Zeiten gibt mir ein
solcher Rettungsanker Ruhe. Und Halt. Und schafft eine
gesunde Distanz zu allen Vorkehrungen zu meiner Sicherheit
und derjenigen meiner Nächsten. Was es braucht, ist das
Vertrauen, dass ich auf die richtige Kraft setze.
Dass Gott wirkt, gewirkt hat und auch in Zukunft wirken
wird, belegt erin den vorangehenden Versenmit dem,wasin
der Geschichte bisher schon geschehen ist. Und das ist viel!

Von: Hans Strub

4. Juni

Der HERR sprach: Mein Angesicht soll vorangehen;
ich will dich zur Ruhe leiten.
2. Mose 33,14

Gott zeigt sich dem Volk, er wird es durch die Wüste führen
und in ein fruchtbares Land bringen. Aber er wird nicht
selber vorangehen, sondern einen Boten senden, einen
«Stellvertreter», einen «Engel». Gott nennt ihn «mein
Angesicht». Das kann ihm Mose, dieser ganz besondere
Gottesdiener, abringen. Er hat schon mehrfach mit Gott
Begegnungen gehabt, aber keine direkten, unmittelbaren.
Eine solche, so hört er Gott sagen, würde er nicht aushalten
können (Vers 19). Gott gibt sich zu erkennen, er braucht dazu
«Boten». Und das können andere Menschen sein! Menschen,
die mir begegnen, die mir, verbal oder nonverbal,
Botschaften zukommen lassen, die für mich wichtig sind. Die
Frage ist nicht nur, ob ich sie erkenne. Viel entscheidender
ist es, ob ich überhaupt mit solchen Begegnungen, die dann
wohl Face to Face sein können, rechne. Ob ich also sensibel
genug bin, in einer Situation oder in einem Menschen Gottes
«Boten» wahrzunehmen. Selber habe ich solche Begegnungen
meist erst hinterher deuten können …
So verstehe ich den zweiten Teil des Verses von heute:
Gott will «Boten» schicken, damit wir gut leben können (in
«Ruhe»). Ich soll darauf gefasst sein und nicht vorschnell
solche unerwarteten Begegnungen als «zufällig» bezeichnen.
Es könnten Hinweise sein, die für mich wichtig sind und
die es lohnen, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Von: Hans Strub

3. Juni

HERR, du bist allein Gott über alle Königreiche auf
Erden, du hast Himmel und Erde gemacht.
2. Könige 19,15

Dem Gebet des Königs Chiskija im Jerusalemer Tempel
gehen wiederholte Drohungen und Gottesverhöhnungen
von feindlichen Herrschern voraus. Die politische Lage ist
höchst angespannt, die Stadt ist bedrängt. Und da geht ihr
König hin und betet! Er lobt Gottes Kraft und sagt ihm klar,
dass er in grösster Sorge um Jerusalem ist, weil die Assyrer
bereits über viele Länder und Städte Unheil gebracht haben.
Aber nur wir, sagt er, haben einen lebendigen Gott, der die
Welt verändern kann (Verse 16–18). Und dann bittet er um
Rettung, damit die ganze Welt sehen kann, «dass du, Herr,
allein Gott bist» (Vers 19). Auf das Gebet und damit auf
den hörenden Gott vertrauen, das ist hier wichtiger als die
Befehlsausgabe zur militärischen Verteidigung. Eine eher
unerwartete Reihenfolge, aus der er Hoffnung bezieht. Bis
heute ist diese Geschichte eine Herausforderung: Wie weit
reicht mein Gottvertrauen in Not und Gefahr? Wie sehr
setze ich Hoffnung in Gott, dem ich Hilfe und Rettung
zutraue? Bemerkenswert an Chiskijas Gebet ist zudem, dass
seine Bitte erst am Ende folgt und dass er vorher Gott zeigt,
wie er als König zu ihm steht. Wie er nicht an Gottes Möglichkeiten
zweifelt und glaubt, dass ihm diese direkte Anrede
Gottes Hilfe bringt. Er ermutigt mich, mit Gott zu reden und
meine Lage so darzustellen, wie sie ist, auch meine Gefühle
und Gedanken. Dann darf ich auf Erhörung hoffen.

Von: Hans Strub

11. Mai

Gott verletzt und verbindet;
er zerschlägt und seine Hand heilt.
Hiob 5,18

Hiobs Freund Elifas versucht den Schwergeprüften in seinem
Leid zu trösten. Er macht ihm Hoffnung damit, dass
auch in der Schwachheit ein Grund zur Hoffnung liegt.
Denn Gott lässt seine Menschen auch in grosser Not nicht
allein. Aber kein Lebenswandel, und sei er noch so fromm
und ohne Schuld, bewahrt vor Schicksalsschlägen. Es gibt
keine «Garantie» für ein glückliches Leben. Aber es gibt eine
grosse Zuversicht, hört Hiob von Elifas: Gott bleibt da. Zu
jeder Zeit. Wenn er, Hiob, auch «da» bleibt. Wenn er sich
also von seinem Leid und Schmerz nicht von Gott trennen
lässt. Wenn er seinen Glauben daran, dass Gott seine Situation
wenden kann, behält. Auch wenn das eine grosse Herausforderung
ist, kann es möglich werden, wenn der Notleidende
seine Not beklagt. Wenn er offen zu Gott ist – und so
auch offen für Gott bleibt. Gott ist bei den Schwachen und
Armen. Ihnen gilt seine Liebe zuerst. Aber genau in solchen
Situationen
fällt es oft schwer, einen zugewandten Gott im
Herzen zu bewahren. Auch Hiob entgleitet die Kontrolle
über seine Worte, sein Unmut über Gott ist stärker. Aber: Er
wendet sich damit nicht von Gott ab, sondern – im Gegenteil
– ihm zu! Ob das uns hier auch gelingen kann …?
Gott, wir bitten um die Kraft, bei dir zu bleiben, auch wenn
es uns schlecht geht und so vieles gegen dich spricht!

Von: Hans Strub

10. Mai

Der HERR spricht: Ich will mich zu euch wenden
und will euch fruchtbar machen und euch mehren
und will meinen Bund mit euch halten.
3. Mose 26,9

Das ganze Kapitel 26 fasst nochmals zusammen, was in den
vorangegangenen Teilen detailliert beschrieben ist: Gott
verpflichtet sich seinem Volk gegenüber – und baut darauf,
dass auch es seinen Teil aus dem Bundesvertrag einhält,
die erlassenen «Satzungen» befolgt und so seine Heiligkeit
respektiert (Verse 1–3). Dann wird über dem Land und
dem Volk Gottes Segen liegen und seine Zukunft sichern
(Verse 4–13). Viermal in einem einzigen Vers steht hier
«euch»! Viermal sagt Gott an und zu, dass er das Beste für
sein Volk will. Viermal zeigt Gott, wie ernst es ihm ist und
wie sehr ihm daran liegt, dass das Volk eine segensvolle
Zukunft hat. Wer so spricht, muss sehr lieben und unter
allen Umständen wollen, dass es «euch»/uns gut geht. Diese
Liebe geht allem, was kommt, voraus! Verhalten und Handeln
des Volkes sind nachgeordnet und eine Folge dieser
zugesagten Liebe. Eigentlich kann es gar nicht anders, als sich
dieser grossen Zuwendung dankbar zu erweisen – für die es
keine Vorleistung brauchte! Es tut gut, gerade in diesen unerwartet
düster gewordenen Zeiten diese uneingeschränkte
Hinwendung unseres Gottes zu hören und in unserer Seele
abzuspeichern. Und unseren eigenen Teil als Bundesgenossinnen
und -genossen nach besten Kräften und mit unerschütterlichem
Willen zu übernehmen.

Von: Hans Strub