Schlagwort: Felix Reich

31. August

Jesus spricht: Selig, die Frieden stiften – sie
werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.

Matthäus 5,9

Die kunstvoll komponierte Bergpredigt entfaltet die Ethik
des Evangeliums. Indem er sie anspricht, wendet sich Jesus
den Ausgestossenen, Unterdrückten und Bedrängten zu, die
unter den Machtverhältnissen leiden. Zugleich verspricht er
ihnen, dass sie Trost finden und ihr Hunger nach Gerechtigkeit
gestillt wird. Und Jesus spricht zugleich jene Menschen
an, die bereits ein Stück des Himmels auf die Erde bringen,
indem sie der Gewalt entsagen und Frieden stiften.
Den Textrhythmus gibt das Schlüsselwort «selig» vor. Es
weist über das Diesseits hinaus und ist zugleich darin präsent.
Seligkeit habe mit Frieden zu tun, sagte der Schriftsteller
Lukas Bärfuss einmal in einem Interview mit der Zeitung
«reformiert.». Ein Friede, der nicht ausschliesslich sozial zu
verstehen sei. «Es ist vor allem ein innerer Friede, Stille, die
Abwesenheit von Lärm gehört zum Seligen.»
Wer Frieden stiften will, muss zuerst in sich selbst ruhen und
den eigenen Frieden gefunden haben. Insofern ist die Seligkeit
der Friedensstifterinnen und Friedensstifter, die Jesus
in die Gottesfamilie aufnimmt, nicht nur ein Versprechen.
Sie ist auch die Voraussetzung dafür, mit Liebe zu versöhnen,
wo der Hass regiert, und mit Zuwendung zu einen, wo
Zwietracht herrscht.

Von: Felix Reich

30. August

Weil wir zu Christus gehören, wurden wir als Erben
eingesetzt – so wie Gott es im Voraus bestimmt hat.
So hat er es beschlossen, der ja alles bewirkt.
Nach seinem Willen sollte es geschehen.
Epheser 1,11

Der Glaube ist ein Geschenk. Er ist Gnade. Und zuweilen
ist der Glaube ein Gehen auf schwankenden Brettern, ein
zähes Ringen um Zuversicht, ein zartes Pflänzchen, das zu
verdorren droht. Der Zuspruch, dass zu Christus gehört, wer
das Evangelium vertrauend aufnimmt, nährt den Glauben.
Genauso wie die Gewissheit, im Glauben nicht allein zu sein.
Wenn die Worte fehlen, geben überlieferte Gebete und vertraute
Lieder Halt. Gegen die Angst, den Glauben zu verlieren,
hilft die Gewissheit, dass andere am Glauben festhalten.
Zum Glauben gehört das Handeln. Apostel Paulus ruft die
Christinnen und Christen dazu auf, als eine Gemeinschaft
von unterschiedlich talentierten Menschen das Böse in der
Welt durch das Gute zu überwinden und verkrustete Strukturen
durch die Liebe von innen aufzubrechen.
Dass all das «nach seinem Willen» geschehen soll, ist
Zuspruch und Aufforderung zugleich. Die Gewissheit, als
Erbinnen und Erben eingesetzt zu sein, schenkt Vertrauen.
Gottes Willen, der nach Frieden und Versöhnung, Würde
und Liebe strebt, in der Welt wirksam werden zu lassen, ist
jedoch die Aufgabe der Menschen.

Von: Felix Reich

29. August

Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine
Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts
zu essen haben?
Hiob 38,41

Hiob hat alles verloren. Familie, Gesundheit, Hab und Gut.
Die drei Freunde, die selbstgerechte Erklärungen statt Mitleid
für ihn übrighatten, erzürnten ihn derart, dass er zur
grossen Anklage gegen Gott anhob. Er soll sich zeigen und
sich rechtfertigen. Der Wunsch wird erfüllt. «Und der Herr
antwortete Hiob aus dem Sturm.» (Hiob 38,1)
Allerdings liefert Gott keine Antworten. Vielmehr bombardiert
er Hiob mit Fragen, um ihm die kümmerliche
Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis vor Augen zu
führen. Im Licht des Prologs ein irritierender Auftritt: Gott,
der sich als vielbeschäftigter Lenker des Kosmos inszeniert,
liess sich doch eigentlich vom Satan zu einer abgründigen
Wette hinreissen mit der Existenz des frommen Hiob als Einsatz.
Obwohl Gott die Bühne betritt, erhellt er das Warum
der Tragödie nicht.
Am Ende wird Hiob zwar rehabilitiert und geheilt und erhält
Schadenersatz. Die Freunde stellt Gott in den Senkel. Ein
Happy End ist das trotzdem nicht, denn der Grund für das
Leid bleibt verborgen, Erklärungen taugen nichts. Wenn die
Geschichte dennoch eine Moral hat, so vielleicht jene, dass
das Leid keine Moral hat. Und: Gott mag unberechenbar und
unverfügbar sein, aber er steht immer an der Seite der Opfer.

Von: Felix Reich

30. Juni

Ich will ihnen ein anderes Herz geben und
einen neuen Geist in sie geben.
Hesekiel 11,19

In seiner zweiten Streitrede wendet der Prophet seinen Blick
den Verschleppten und Verbannten zu. Von ihnen sagen die
Bewohnerinnen und Bewohner Jerusalems so abschätzig wie
selbstgerecht, sie seien «fern vom Herrn» (Hesekiel 11,15).
Die Solidarität des Propheten gehört jedoch ebendiesen
Verstossenen, die «zerstreut worden sind» (Hesekiel 11,17).
Ihnen gilt das Versprechen Gottes, dass er sie sammeln und
ihnen festen Boden unter die Füsse geben wird.
Mit der Läuterung einher gehen ein anderes Herz und ein
neuer Geist. Das Herz meint den Sitz des Denkens des Individuums,
der Geist steht für die auf Gottes Gesetzen bauenden
Werte des Kollektivs. Die Erneuerung beginnt also beim
einzelnen Menschen und mündet in einer Gemeinschaft, die
sich auf den Gemeinsinn besinnt.
Als ein Echo ist der Zuspruch des Propheten auch im Lehrtext
aus dem Neuen Testament hörbar: «Gott hat uns nicht
gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der
Liebe und der Besonnenheit.» (2. Timotheus 1,7) Nicht in
der Angst vor Veränderung sollen die Menschen verharren,
sondern mit Mut und Gottvertrauen Grenzen überwinden
und zu einem Wandel beitragen, der dem Leben und dem
Frieden dient.

Von: Felix Reich

29. Juni

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen
und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den
Himmel und vor dir. Ich bin hinfort nicht mehr wert,
dass ich dein Sohn heisse; mache mich einem deiner
Tagelöhner gleich!
Lukas 15,18–19

Das Geld ist verprasst, das Leben in Saus und Braus zu Ende.
Der Kater pocht im schweren Kopf, das schlechte Gewissen
verdunkelt das Gemüt. Am schwersten lastet wohl die
Scham auf dem Sohn, der das gemachte Nest verliess, um
die weite Welt zu entdecken. Scham kann ein schreckliches
Gefühl sein. Sie macht klein, einsam, mutlos.
Dennoch findet der Sohn im Gleichnis Jesu den Mut zur
Umkehr. Was treibt ihn nach Hause? Ist er einfach nicht hart
genug, um das Leben als Schweinehirt auszuhalten? Ist es die
Bequemlichkeit, die ihn zurücktreibt auf das Gut des Vaters?
Ich glaube nicht.
Ich glaube, es ist das Licht der Liebe, das durch den Nebel
der Scham schimmert und ihm den Weg weist. Der Sohn
kehrt um, weil er insgeheim darauf vertraut, dass er auch
als vermeintlicher Verlierer zurückkehren darf und zu Hause
willkommen ist. Die offenen Arme des Vaters, mit denen er
empfangen wird, lassen die Ahnung zur Gewissheit wachsen:
Gegen die Scham hilft nur die Liebe. Die Liebe entschämt.
Davon erzählen das Evangelium und das Leben.

Von: Felix Reich

30. April

Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Psalm 25,6

Im Psalm 25 buchstabiert der Beter seinen Glauben durch. Der Text ist als alphabetisches Gedicht aufgebaut, zu jedem der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets wurde ein Vers verfasst. Der Psalm bildet damit die Summe aus Sinnsprüchen und Bekenntnissen vor einem weiten Horizont des Glaubens, der sich von der Bitte um Schutz in einer Situation der Verfolgung über das Gotteslob bis zum Eingeständnis des eigenen Ungenügens spannt.

Im Vers, in dem die Güte und Barmherzigkeit Gottes erbeten wird, verdichtet sich die Glaubenshaltung, die den Psalm prägt. Gott gibt dem Menschen Orientierung, doch auf seinem Weg ist der Mensch immer wieder Anfeindungen ausgeliefert, er stolpert und stürzt, scheitert. Deshalb ist er auf die Gnade und den bedingungslosen Zuspruch Gottes angewiesen.

Gott muss also nicht an seine Eigenschaften erinnert werden, vielmehr verbirgt sich hinter der Gedächtnisstütze eine Bitte. Und das Vertrauen, dass das Gebet erhört wird, folgt sogleich, denn die Barmherzigkeit und Güte Gottes ist «von Ewigkeit her gewesen». Davon berichten die Geschichten, die über Generationen hinweg erzählt werden. Und das zeigt sich wiederholt in der persönlichen Erfahrung.

Von: Felix Reich

29. April

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Matthäus 21,28–29

Der erste Sohn im Gleichnis verweigert sich dem Willen des Vaters. Und dennoch tut er seinen Willen. Im Stillen. Denn statt zurück zum Vater zu gehen und seinen Ruf wiederherzustellen, tut er einfach seine Pflicht. Der zweite Sohn hingegen tut das Gegenteil. Er bejaht die Frage des Vaters, lässt seinem Versprechen aber keine Taten folgen und geht nicht in den Weinberg.

Mit dem Gleichnis geht Jesus mit dem religiösen Establishment auf Konfrontationskurs. Entscheidend sei nicht, das fromme Bekenntnis abzulegen, sondern «den Weg der Gerechtigkeit» (Matthäus 21,32) zu gehen.

Die Provokation Jesu erinnert daran, dass die Kirche nicht Kirche ist, wenn sie sich selbst genügt. Sie muss immer wieder den Schutz der eigenen Mauern verlassen und zu den Rändern der Gesellschaft vordringen, um Gemeinschaft und Frieden zu stiften. Mir kommen die diakonischen Werke in den Sinn, die in der Nachfolge Jesu für Menschen in allen Lebenslagen da sind. Einige haben sich von ihren religiösen Wurzeln gelöst, durch ihr Tun sind sie kirchlich geblieben.

Von: Felix Reich

31. Januar

Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes. Lukas 1,46–47

Kunstvoll verdichtet Lukas im Magnificat, worum es im Evangelium geht. Zuerst beschreibt Maria ihre persönliche Situation und hebt an zum reinen Gotteslob. Doch bei sich selbst bleibt sie nicht stehen und nimmt sogleich das Kollektiv in den Blick. Noch vor der Geburt Jesu formulieren Elisabeth und Maria das erste christliche Glaubensbekenntnis.
Maria erzählt von einem Gott, der barmherzig ist und sich auf die Seite der Schwachen und Ausgestossenen stellt, der die Hungrigen sättigen und die Kranken heilen will. Von einem Gott aber auch, der die Macht der Mächtigen bricht, den Hochmut bekämpft und die Gier der Reichen anprangert. Und von einem Gott, der die von seinem Geist erfüllten Menschen dazu anstiften will, selbst die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Unten und Oben auszugleichen und das Unrecht zu bekämpfen, Gemeinschaft zu stiften, wo Spaltung und Einsamkeit herrschen.
Es sind die roten Fäden des Glaubens, die im Magnificat zusammenlaufen und miteinander verknüpft werden: der Trost, den Jesus zuspricht, und die Nachfolge, zu der seine frohe Botschaft aufruft.

Von: Felix Reich

30. Januar

Da brachten Männer einen Gelähmten auf einer
Trage herbei. Sie wollten ihn in das Haus bringen und vor Jesus niederlegen.
Lukas 5,18

Wenn ich die Stelle lese, sehe ich die Bilder von Kees de Kort. Oft sass ich als Kind im Flur, wo das bis zur Decke reichende Regal mit den Bilderbüchern stand, und blätterte mich durch biblische Geschichten. Ich sehe, wie die Freunde den Gelähmten durch das Dach zu Jesus hinunterlassen. Wie der Geheilte aufsteht, seine Matte nimmt und geht. Die Geschichte handelt vom Wunder der Heilung, von dem ich schon als Kind wusste, dass es sich selten so einstellt wie im Bilderbuch.
Wunder, die ich erlebe, sind flüchtig. Momente, in denen in einem Menschen eine aufrichtende Kraft spürbar wird mitten in der Angst, eine lichtvolle Begegnung möglich wird im Meer des Vergessens, die im Herzen aufbewahrt bleibt, obwohl das Gedächtnis längst nichts mehr festzuhalten vermag.
Vielleicht lässt sich die Erzählung vom Geheilten ja auch vor dem Hintergrund solch kleiner Wunder lesen: Ich nehme sie wahr im Wissen, dass sie keine dauerhafte Linderung bringen, und dennoch in der Hoffnung, dass sie noch leuchten, wenn die Verzweiflung alles verdunkelt. Und so will ich nach dem nächsten Wundermoment den Mut finden zu sagen: «Unglaubliches haben wir heute gesehen.» (Lukas 5,26)

Von: Felix Reich

29. Dezember

Erfüllt ist die Zeit, und nahe gekommen das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! Markus 1,15

Wir leben in apokalyptischen Zeiten. Krieg, Klimakatastrophe und die ungerechte Verteilung des Wohlstands nähren die Angst, dass die Zeit sich zwar nicht erfüllt hat, aber dass sie abgelaufen ist. Nicht etwa, weil Gott die Welt untergehen lässt, sondern weil der Mensch dazu fähig geworden ist, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Ein Gedanke, der biblischen Autoren, die sich oft in einer Endzeit oder zumindest in einer Zeitenwende wähnen, völlig fremd ist.

Dass es nicht so weitergehen kann und Umkehr nottut, gehört zu den Einsichten, die in jedem Klimabericht nachzulesen sind. Anders als in apokalyptischen Texten in der Bibel, wo die Katastrophe als Durchgangsstation zum Heil verstanden wird und die Gerechten auf Rettung hoffen dürfen, trifft die Klimakatastrophe allerdings zuerst jene, die sie am wenigsten verursacht haben.
Der biblische Ruf hat nichts an Dringlichkeit verloren. Den Glauben daran, dass Verzicht und Rücksichtnahme möglich und Ausbeutung und Gewalt keine Naturgesetze sind, hat die Welt nötiger denn je. Überall, wo dieser Glaube in die Tat umgesetzt wird, scheint etwas vom Reich Gottes auf. Und in solchen Momenten leuchtet die Hoffnung auf, dass das Reich Gottes so nahe ist, wie es das Evangelium verheisst.

von: Felix Reich