Schlagwort: Barbara und Martin Robra

13. Mai

Jesus spricht: Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich
will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen,
und eure Freude soll niemand von euch nehmen.

Johannes 16,22

Im August ist der Geburtstermin unseres dritten Enkelkindes.
Bis zum Tag der Geburt leben wir in der freudigen
Erwartung, endlich dieses neue Leben, das im Bauch unserer
Tochter heranwächst, zu sehen und zu begrüssen. Zugleich
bleibt immer die Sorge, dass es Mutter und Kind weiter gut
gehen wird und es bei der Geburt nicht zu Komplikationen
kommt.
Auch wenn Väter bei der Geburt dabei sein dürfen, es ist
die Mutter, die durch das Tor unsäglicher Schmerzen geht,
bevor sie im Gefühl tiefsten Glücks ihr Kind in die Arme
schliesst. Nach Johannes vergleicht Jesus seinen Tod und
seine Auferstehung direkt vor dem Lehrtext in Vers 21 mit
der Geburt eines Kindes: Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat
sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie
aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst
um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen
ist.

Mit Tod und Auferstehung Jesu bricht neues Leben mit der
elementaren Schöpferkraft des Heiligen Geistes in diese Welt
ein. Mitten in der Dunkelheit von Schmerz und Traurigkeit
leuchtet die Freude auf über das Kommen Gottes.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Mai

Ein drittes Mal fragte Jesus: Simon, Sohn von Johannes,
liebst du mich? Petrus wurde traurig, weil er ihn ein
drittes Mal fragte: Liebst du mich? Er sagte zu ihm:
Herr, du weisst alles, du weisst auch, dass ich dich
liebe! Jesus sagte zu ihm: Sorge für meine Schafe!

Johannes 21,17

Einmal reicht. Zweimal ist einmal zu viel. Aber: Aller guten
Dinge sind drei. Liebst du mich? Traurig, aber wahr: Der
Allwissende fragt einmal, zweimal, dreimal. Muss das sein?
Dann keine Antwort, auch keine Bitte, sondern ein Befehl:
Sorge für meine Schafe!
Ohne Liebe geht das nicht. Ohne wahre, tiefe, innige Liebe
ist das nicht möglich. Denn für Schafe sorgen heisst: ein
Nomadenleben führen; Tag und Nacht, Sommer wie Winter
mit der Herde unterwegs sein; Hitze und Kälte ertragen,
Sonne und Regen; Futter im felsigen Gelände und Wasser
in der Dürre suchen; Schutz vor Gewitter und Schneesturm
herrichten; kranke Tiere pflegen; übermütige Jungtiere
besänftigen; schwachen Muttertieren helfen, Neugeborene
versorgen, wilde Tiere vertreiben … und damit: die Natur, die
Mitwelt, das Leben schützen.
Schafe hüten – wer das tut, vertraut dem Leben und übernimmt
mit Leib und Seele Verantwortung – tagaus, tagein.
Wer das tut, sagt nicht nur einmal, sondern immer wieder:
Ich liebe dich. Wer das tut, liebt wirklich und wahrhaftig.

Von: Barbara und Martin Robra

13. März

Wir wissen aber, dass das Gesetz gut ist, wenn es jemand recht gebraucht.
1. Timotheus 1,8

Mit der Ausbreitung des christlichen Glaubens über die jüdische Gemeinschaft hinaus wurde die Geltung der Tora auch nach dem Kommen Christi lebhaft diskutiert. Blieb sie weiter lebensbewahrendes Gesetz Gottes für sein Volk? War sie auch für Heidenchristen verbindlich? In welcher Beziehung stehen Gesetz und Evangelium, Sünde und Rechtfertigung allein aus Gnade?  

In der Reformation standen diese Fragen wieder auf der Traktandenliste. Luther stellte Gesetz und Evangelium einander gegenüber und betonte die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade. Anders Zwingli. Er schrieb: «Das gsatzt ist dem gotshulder ein evangelium.» Damit war er näher an der pragmatischen Sicht des 1. Timotheusbriefs. Geltungsbereich und Praxis waren entscheidend. 

So kann die Diskussion auch heute Orientierung geben. Für Staat und Politik gilt: Wenn Gesetze erlassen werden, um ungerechte Strukturen zu sichern, unterdrücken sie. Wenn sie erlassen werden, um Gerechtigkeit zu schaffen und die Schöpfung zu bewahren, dann fördern sie das Leben. Darauf kommt es heute an.

Von: Barbara und Martin Robra

12. März

Paulus schreibt: So haben wir Herzenslust an euch und sind bereit, euch teilhaben zu lassen nicht allein am Evangelium Gottes, sondern auch an unserm Leben; denn wir haben euch lieb gewonnen. 1. Thessalonicher 2,8

– «Glaubst du an Gott?»
– «Warum fragst du?»
– «Weil nichts dafür spricht.»
– «Es spricht aber auch nichts dagegen.»

– «Liebst du mich?»
– «Ja – weil ich dich lieb gewonnen habe und das Leben mit dir teile!»

So liebt dich Gott!

Von: Barbara und Martin Robra

13. Januar

Siehe, meine Tage sind eine Handbreit bei dir, und mein Leben ist wie nichts vor dir. Ach, wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Psalm 39,6

Eine Handbreit – das war eines der kleinsten Längenmasse. Flussschiffer und Seeleute wünschen einander noch heute stets eine Handbreit Wasser unter dem Kiel – gerade genug, um nicht auf Grund zu laufen. Sinkt der Pegel darunter, geht nichts mehr.
Deine Kraft und Energie sind am Nullpunkt. Du bist tief gefallen. Wegen einer Depression oder eines Schicksalsschlags bist du wie gefangen in einem schwarzen Loch und kommst aus eigenen Kräften nicht mehr heraus. In solcher Lage wirst du dieses Gebet eines verzweifelten Menschen verstehen: Herr, wessen soll ich mich trösten? (Vers 8a).
Eine Handbreit Hoffnung bleibt, wo Gott die Kraft für eine Antwort gibt, die Gott selbst ist und die sich nur in der Zwiesprache des Gebets erschliesst: Ich hoffe auf dich (Vers 8b).
Gott, wir bitten dich um diese kleine Handbreit Hoffnung, wenn wir selbst und andere in dieser Welt sie am nötigsten brauchen, wenn uns die Kräfte schwinden in Verzweiflung, Angst und Not.

Von: Barbara und Martin Robra

12. Januar

Ich bin ein Gast auf Erden. Psalm 119,19

Warum nur bricht die Losung nach dem halben Vers ab und macht aus dem Semikolon einen Punkt? «Ich bin ein Gast auf Erden; verbirg deine Gebote nicht vor mir», lautet der ganze Vers nach der Lutherbibel. Die Wahl des Lehrtextes (2. Korinther 5,1) und – mehr noch – des beigefügten dritten Textes: «Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewgen Heimat zu», legen eine Antwort nahe. Die Herausgeber der Losungen dachten bei der Auswahl dieses Begleittextes wohl an eine Trauerfeier … Das aber wird dem Psalm 119 nicht gerecht. Und obwohl das Lied von Georg Thurmair heute oft bei Beerdigungen gesungen wird, schrieb er es 1935, um katholische Jugendliche gegen den Druck der antikirchlichen Nazipropaganda zu stärken.
Psalm 119 ist ein vielgestaltiger Lobpreis der Tora, der Weisungen Gottes als befreiendes und Leben schenkendes Wort. Die Tora führt auf den Weg der Gerechtigkeit. Sie ist Schutz und Schirm auch für die Fremden, für Migrantinnen und Migranten, für Menschen auf der Flucht. So übersetzt die Zürcher Bibel näher am hebräischen Text: «Ein Fremder bin ich auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir.»
Weil der Psalm so viel über Gottes Weisungen und Gebote zu sagen hat, ist er der längste der Psalmen – doch es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, um ihn ganz zu lesen.

Von: Barbara und Martin Robra

13. November

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Jesaja 50,5

Am 12. April 1938 liest Jochen Klepper die Tageslosung und weitere Verse im 50. Kapitel aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie sprechen zu ihm in seiner Situation, die für ihn in Nazideutschland mit seiner jüdischen Frau und den Töchtern immer schwieriger wird. Den ganzen Tag lässt ihn der Text nicht los. Am Abend schreibt er eines seiner schönsten Lieder:

Er weckt mich alle Morgen,
Er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit Seinem Worte
begrüss das neue Licht.
Schon an der Dämmrung Pforte
ist Er mir nah und spricht.

Danke, Jochen Klepper! Dein Lied hat uns in schwierigen Situationen getröstet und Hoffnung gegeben. Mit der drohenden Deportation deiner Frau hast du für dich und deine Lieben im Dezember 1942 keinen anderen Ausweg mehr gesehen als den Selbstmord. Wir vertrauen darauf, dass mitten in dieser Nacht des Todes Gott euch aufgenommen hat ins neue Licht des Lebens.

von: Barbara und Martin Robra

12. November

Joseph sprach zu seinen Brüdern:
Zankt nicht auf dem Wege! 1. Mose 45,24

Reich beschenkt brechen Josephs Brüder auf, um zu ihrem Vater Jakob zurückzukehren und ihm die gute Nachricht zu bringen, dass Joseph lebt. Und mehr noch! Er hat das Vertrauen Pharaos und deshalb die Macht, seine Familie und alle, die dazugehören, nach Ägypten einzuladen, sodass sie der drohenden Hungersnot entkommen. Ende gut, alles gut, könnte man sagen.

Da ergreift Josef noch ein letztes Mal das Wort: «Zankt nicht auf dem Wege!», übersetzt Martin Luther pointiert, wo die Zürcher Bibel – sicher präziser – schreibt «Ereifert euch nicht auf dem Wege!» oder die Bibel in gerechter Sprache ein fröhliches «Macht euch keine Sorgen auf dem Weg!»
anbietet. Luther schlägt noch einmal den Bogen zum Anfang der Geschichte, die mit Neid und Streit unter den Brüdern beginnt. «Zankt nicht!» – daraus spricht die Sorge, dass sie in ihr altes Verhalten zurückfallen könnten und so den Segen des neu gewonnenen Lebens für Jakob und seine Söhne wieder zerbrechen.

Gott, gib uns Kraft, Leidenschaft und Liebe, das Alte hinter uns zu lassen und das heute und morgen Notwendige zu tun, sodass wir Leben bewahren für diese Welt!
Amen

von: Barbara und Martin Robra

13. September

Ich will dich in der Gemeinde rühmen, HERR.
Psalm 22,23

Restorative Justice – wiederherstellende Gerechtigkeit –,
weltweit bekannt wurde dieser Begriff durch Erzbischof
Desmond Tutu und die Wahrheits- und Versöhnungskommission
nach dem Fall des Apartheitsregimes in Südafrika.
Nicht die Durchsetzung einer Rechtsnorm oder die Strafe für
ein Verbrechen stehen im Mittelpunkt wiederherstellender
Gerechtigkeit, sondern die Opfer eines Unrechts und ihre
Geschichte. Ihnen soll zugehört werden und für sie soll es
Wiedergutmachung geben. So wendet sich der Blick von
der Vergangenheit auf die Zukunft und die Wiederherstellung
der Gemeinschaft, die durch das Verbrechen zerbrochen
wurde. Geheilte Gemeinschaft verspricht Leben für
alle zusammen.
Desmond Tutu konnte einleuchtend erklären, wie sich die
Praxis wiederherstellender Gerechtigkeit auf das afrikanische
Menschenbild der Ubuntu-Philosophie bezieht. «Ich
bin, weil wir sind» – Ubuntu, das sind nicht einzelne Individuen
im Wettbewerb miteinander, sondern alle miteinander
beteiligt am Aufbau der Gemeinschaft.
So führt im Psalm 22 die Bewegung aus Isolation und Verfolgung
zur Hoffnung auf erneuerte Gemeinschaft: «Ich will
dich in der Gemeinde rühmen, Herr.»

Von: Barbara und Martin Robra

12. September

Der HERR spricht: Ihr habt gesehen, wie ich euch
getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir
gebracht.
2. Mose 19,4

Zwischen Chandolin und Saint-Luc schwebt ein Steinadler
am blauen Himmel. Ohne seine Schwingen zu bewegen,
kreist er ganz ruhig im Aufwind. Lange beobachten wir den
König der Lüfte – schön und erhaben. Wie wäre es, in sicherer
Höhe zu fliegen wie dieser majestätische Vogel? Anders
als Braunbär, Wolf oder Luchs überlebten die Adler in der
Schweiz die brutale Verfolgung durch die Menschen und
haben sich wieder in den Alpen und im Jura ausgebreitet.
Gott spricht zum Volk, als die Flüchtlinge aus Ägypten den
Berg Sinai in der Wüste erreichen. Hier findet der Weg in die
Freiheit sein Ziel in der Begegnung mit Gott und der Gabe
der Tora mit den Zehn Geboten. Daran erinnert sich die
jüdische Gemeinschaft Tag für Tag und bekennt im Gebet
voreinander: «Höre Israel: Der Herr, unser Gott, ist der einzige
Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem
Herzen, von ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem
Herzen bleiben und du sollst sie deinen Kindern einschärfen.
» (5. Mose 6,5–7)

Gott ist auf dem Weg mit dir. Gott trägt dich auf Adlerflügeln
und will dir auch heute begegnen.

Von: Barbara und Martin Robra