Autor: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Oktober

Salomo betete: Du hast deinem Knecht, meinem Vater David, gehalten, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. 1. Könige 8,24

Salomo lädt ein zur feierlichen Eröffnung des Tempels. Die Bundeslade soll dort ihren Platz erhalten. Sie wird in den heiligsten Teil des Tempels gebracht. Da betet Salomo so, wie es die heutige Losung wiedergibt. Die Bundeslade zeugt von Gottes Grösse und dem Bund, den er mit Mose geschlossen hat. In seinem Gebet bittet Salomo um Beistand bei Krieg und bei Katastrophen. Kann die Lade im Tempel eingeschlossen sein? Kann unsere Bibel einfach in der Kirche liegen?
Ich erinnere mich, wie meine Grossmutter bei starken Gewittern jeweils die Bibel auf den Stubentisch legte und wir uns um den Tisch versammelten. Für mich war das so etwas wie eine Versicherung. Es war aber auch das Zeichen, dass die Bibel in die Stube gehört oder vielmehr in den Alltag, in unser Leben. Zwar gehöre auch ich nicht zu den fleissigen Leser:innen. Aber es gibt viele Texte und Geschichten, mit denen ich lebe, die mir Kraft schenken, mir das Herz öffnen. Vielleicht ist es das, was wir aus dem Gebet Salomos mitnehmen können: Gott, die Lebendige, hat mit den Menschen gesprochen und ihnen wertvolle, liebende Gedanken mitgegeben. Um dies wahrzunehmen, lohnt es sich, hie und da in die frohe Botschaft einzutauchen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Oktober

Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde,
und an wem ist der Arm des HERRN offenbart?
Jesaja 53,1

Das Gebet von Dietrich Bonhoeffer, das für heute als dritter Text im Losungsbüchlein steht, spricht mir aus dem Herzen: «Daran entscheidet sich heute Gewaltiges, ob wir Christen Kraft genug haben, der Welt zu bezeugen, dass wir keine Träumer und Wolkenwandler sind.»
Auch wenn wir nicht wissen, wem Gottes Arm offenbart ist, können wir an unserer Überzeugung festhalten. Festhalten daran, dass der Gott des Lebens uns die Kraft schenkt, uns für das Leben und die Würde der Menschen einzusetzen. Ob das genügend verkündigt wird, spielt keine so grosse Rolle. Unsere Stimme und unsere Kraft sind gefragt. Auch und gerade in der Situation, wie wir die zerrissene Welt und die vielen Kriege mit den leidenden und toten Menschen erfahren, zählt unsere Kraft.
Weil ich meine Stimme nicht mehr in der Öffentlichkeit erheben kann, brauche ich sie für das Gebet und für Gespräche mit den Menschen, die mit mir unterwegs sind. Eines wird mir aber immer klar bewusst: Kriege und Aufrüstung bringen keinen Frieden. Kürzlich habe ich gelesen, dass wir gescheiter von Abrüstung als von Aufrüstung reden sollen.
Der Arm Gottes, der Lebendigen, wird uns als Wegweiser dienen. Und mit dieser Überzeugung sind wir weder Träumer noch Wolkenwandler.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. September

Von Gott werde dir geholfen, und von
dem Allmächtigen seist du gesegnet.
1. Mose 49,25

Jakob, der Stammvater, segnet seine Söhne, jeden einzeln. Joseph bekommt diesen Segen mit auf seinen Weg. Er bekommt eine doppelte Zusage: Gott, die Lebendige, wird dir helfen. Und von Gott bist du gesegnet. Zusagen von Müttern und Vätern stärken den Rücken für den weiteren Weg. Diese Kraft kann uns niemand nehmen, auch wenn der Weg steinig ist. Wir können uns an Zusagen erinnern. Und wir sollen uns daran erinnern und an der Zusage festhalten. Denn sie stärkt den Glauben an das Leben. Den Segen Gottes erhalten wir als Geschenk. Er ist ein Gebet, das uns zeigt, dass die Gnade der Lebendigen mit uns ist. Der Segen lässt uns durchatmen, macht das Herz warm und öffnet die Augen für den weiteren Weg und die Menschen, die hier und weltweit mit uns unterwegs sind. Der Segen stärkt das Vertrauen und die Hoffnung auf ein Leben in Würde für alle Menschen.
Ich sage den Menschen, mit denen ich vertraut bin, gerne beim Abschied: «Bhüet di Gott.» Das ist mehr als ein Wunsch. Dieser Gruss ist tief verwurzelt in meinem Vertrauen auf die Lebendige und kommt von Herzen. Ich denke, Jakob hat es auch so oder ähnlich gemeint. Davon zeugt die weitere Geschichte von Joseph.
Gott, behüte uns auf unserem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. September

Ich will euch ein neues Herz und einen
neuen Geist in euch geben.
Hesekiel 36,26

Wenn ich das ganze Kapitel lese, schaudert es mich. Gott hat sein Volk in alle Nationen zerstreut. Es hat Mistgötzen gedient und ein grosses Blutvergiessen verursacht. Und jetzt will Gott das Volk wieder sammeln. Aber es geht ihm nicht um das Volk, sondern um seinen heiligen Namen.
Ich lasse das Bibelstudium und halte mich an die heutige Losung und nehme an, dass sie an uns gerichtet ist. Denn auch ich sehne mich nach einem neuen Geist. Es ist die Sehnsucht nach Vertrauen. Vertrauen in das Leben aller Menschen, Vertrauen in Gottes Handeln in unserer zerrütteten Welt, Vertrauen in die Kraft der Lebendigen. Vertrauen ist der Boden, auf dem Hoffnung wachsen kann.
Es geht mir aber nicht um mich, sondern ich bitte Gott, die Lebendige, für die Menschen, die jegliches Vertrauen und die Hoffnung verloren haben, Menschen, die flüchten müssen, immer wieder, Menschen, die Kriege erleiden müssen, für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Sie brauchen den Gott des Lebens; ihnen, den zerstreuten Menschen, gilt in erster Linie seine Liebe. Und mir soll der neue Geist Kraft schenken, damit ich mein Vertrauen stärken kann, um für die Menschen, ihre Würde, ihr Leben einzustehen.
Schenke du uns Vertrauen und Hoffnung.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. August

Der HERR ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren!
Jesaja 30,18

Das Volk ist vom Weg abgekommen, hat Gewalt und Arglist eingesetzt. Die Lebendige lässt ihr Volk aber nicht fallen. Vielmehr mahnt sie zu Umkehr, Ruhe und Vertrauen (Vers 15).
Und sie wartet, wartet darauf, dass das Volk einsichtig wird. Dann will sie sich erbarmen und Brot und Wasser schenken. Das gibt Kraft und führt aus der Bedrängnis. Ich meine, dass uns in unserer Welt, die unter Kriegen und Ungerechtigkeit leidet, dieses Erbarmen Gottes zugesagt ist. Ruhe, Vertrauen, Recht, genau das brauchen die Menschen, die unter der Gewalt leiden.
Mir scheint, es sei wie eine Durststrecke, die die Welt durchläuft.
Die Lebendige wartet, und sie wartet nicht mit leeren Händen, sondern sie will die Menschen mit Brot und Wasser stärken. Wie lange dauert diese Durststrecke?
Ich kann einfach nur hoffen, dass die Menschen, die über die Gewalt und die Kriege entscheiden, nicht das letzte Wort haben, sondern Gott, die Lebendige, die auf uns wartet. Und ich kann diese Durststrecke füllen mit meinem Gebet, meinem Festhalten daran, dass Gerechtigkeit und Friede für alle möglich sind. Und ich kann hoffen und die Hoffnung mit anderen Menschen teilen. Denn Gott ist ein Gott des Rechts.
Danke, dass du auf die Umkehr der Menschen wartest und dich unser erbarmst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. August

Der HERR spricht: Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst. Psalm 32,8

Es kann sein, dass Gott den Psalmdichter direkt anspricht. Dieser braucht Gottes Beistand: «Denn schwer lag deine Hand auf mir Tag und Nacht, verdorrt war meine Lebenskraft.» (Vers 4) Und dann folgt das Schuldbekenntnis. Ich gestehe, dass mir diese Ausdrucksweise Mühe macht. Führt die direkte Ansprache aus der Tiefe ins Licht? Wie soll das gehen, wenn die Kraft doch einfach fehlt? Ich denke unweigerlich an die Menschen in Gaza, in der Ukraine, im Sudan, in Myanmar. Sie brauchen immer wieder Kraft, unendlich viel Kraft, um ihren Alltag zu bestehen oder die Flucht in Angriff zu nehmen. Auch wenn der Psalm von einem einzelnen Menschen geschrieben wurde, Gottes Unterweisung steht allen zu, besonders den leidenden Menschen. So kann ich nur die Lebendige darum bitten, dass sie mit den Menschen unterwegs ist und ihnen die nötige Lebenskraft schenkt. Und ich kann darum bitten, dass ich das tue, was ich kann: mit diesen Menschen und mit Gott unterwegs sein, immer wieder neu darum bitten, dass Gerechtigkeit und Frieden Einzug halten. Und ich kann meinen Weg so gestalten, dass die Lebendige mich begleitet, auch dann, wenn meine Kraft zu schwinden droht.
Sei du bei den leidenden Menschen und mit uns allen auf dem Weg.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juli

Du bist mein Schutz und mein Schild;
ich hoffe auf dein Wort.
Psalm 119,114

Und was, wenn das Wort einfach zugeschüttet ist von
schlechten Nachrichten, von Betriebsamkeit, von Ungeduld,
von Arbeit, von der Pflege der alten Eltern? Mit Schilden
kann ich nichts anfangen, aber Schutz brauche ich. Ich will
nicht, dass die Kraft, die mir die Lebendige durch ihr Wort
schenkt, zugeschüttet ist. Ich will mich nicht verirren in den
Verwirrungen unserer Welt.
Gott wird direkt angesprochen: «Du bist.» Vielleicht sitzt
in mir die Hoffnung auf Gott. Vielleicht kann ich daraus
Kraft schöpfen und wieder zu mir und damit zu Gott finden.
Und das ist es, was mich verbindet mit den Menschen, auch
mit denjenigen, die an einen anderen Gott glauben als ich.
Sie alle sind mit der Hoffnung unterwegs, sie alle hoffen auf
Gerechtigkeit und Frieden, sie alle sind weise und gehen den
Weg des Lebens, auch wenn dieser lang und beschwerlich ist.
Wenn mir jemand ein Lächeln schenkt im Zug oder mich
freundlich anschaut, tut mir das gut. Und: Kann es sein, dass
hie und da Gottes Wort da ist, offen, klar, zukunftsorientiert?
Dann atmen wir durch und gehen weiter, spüren, wie befreiend
dieses Wort ist. Daraus entsteht Hoffnung und Kraft.
Schenke du uns und allen Menschen immer wieder neu die
Kraft deines Wortes.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juli

Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;
aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.
Sprüche 16,9

Als Kind war ich einmal mit meiner Mutter unterwegs im
Wald. Wir hatten nur einen schmalen Fussweg, den wir
immer wieder suchen mussten. Das machte mir Angst. Da
erblickte ich in der Ferne ein mir vertrautes Haus, und ich
konnte wieder sicheren Schrittes weitergehen. Es war unser
Weg. Wir gingen ihn in der Hoffnung, unser Zuhause wiederzufinden.
Das heutige Losungswort macht mir Mut und
schenkt uns Hoffnung. Denn Gott, die Lebendige, lässt mich
meinen Weg gehen. In der komplexen Welt von heute ist
das gar nicht einfach. Es gibt so viele verschiedene Wege
in der Berufswahl der jungen Menschen, im Gestalten des
Alltags, in der Frage, was in meinem Handeln der Klimakrise
entgegenwirkt und was nicht. Gott lässt mich meinen Weg
gehen. Ich kann ihn gehen, kann straucheln und wieder aufstehen,
denn ich kann mit der Gegenwart der Lebendigen
rechnen. «Durch Güte und Treue wird Schuld gesühnt.»
(Sprüche 16,6)
Gemeint sind meine Güte und meine Treue, Güte zu den
Menschen, mit denen ich hier und weltweit unterwegs bin,
und Treue zum Gott des Lebens. Auch das mag manchmal
gelingen und manchmal nicht. Aber Gott geht den Weg mit
mir – mit uns.
Danke, Gott des Lebens, dass du mit uns gehst.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

4. Juni

Du bist mein Vater, mein Gott und der Hort
meines Heils.
Psalm 89,27

Die heutige Losung ist einem Weisheitslied entnommen. Es
erinnert an den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen
hat. Die Zürcher Bibel spricht im heutigen Vers vom Felsen.
Gott als Felsen, Vater und Mutter. Im Altwerden erinnere
ich mich an Situationen, in denen meine Mutter und mein
Vater für mich ein Felsen waren. Etwa dann, wenn ein Elternteil
ernsthaft krank war und der andere der Felsen war. Zu
diesem Felsen gehört das Vertrauen. Vertrauen in Gott, die
Lebendige. Und so spricht der Psalm auch von Gnade. Vater
und Mutter können zuhören, können einen Konflikt wieder
wegstecken. Das ist vielleicht das wichtigste Merkmal des
Felsens, dass er oder sie uns annimmt, mit allem, was Leben
ausmacht. An uns ist es, immer wieder neu dieser Gnade,
von der auch der Psalm spricht, zu vertrauen. So können wir
Schweres überwinden und neue Kraft sammeln. Ich meine,
das gehört zur Weisheit.
Und noch etwas: Der Bund, den Gott mit seinem Volk
geschlossen hat, ist nicht eine Zusage an einen einzelnen
Menschen, sondern an das Volk. Also sind wir eingeladen,
auch von uns wegzuschauen hin zu den Menschen, die uns
hier und weltweit umgeben.
Dein ist der Himmel, dein auch die Erde. (Vers 12)

Von: Madeleine Strub-Jaccoud

3. Juni

Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth,
alle Lande sind seiner Ehre voll!
Jesaja 6,3

Jesaja hat eine Vision im Tempel. Er sieht den HERRN auf
seinem Thron und über ihm stehen Serafim, die einander
zurufen: «heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth!» Im Kommentar
lese ich, dass Jesaja ein Prophet war, auf den niemand
hören wollte. Denn eines seiner Ziele war, die Menschen zur
Umkehr zu bewegen. Aber was bedeutet «Umkehr»? Vertraute
Wege verlassen und neue Ziele erreichen? Mein Leben
ändern? Ganz einfach nachdenken und mir bewusst werden,
wo ich stehe. Zur Umkehr gehört auch, die Gemeinschaft
der Menschen hier und weltweit anzuschauen und sich zu
fragen, wie wir die Gemeinschaft gerecht gestalten können.
Und das wiederum bedeutet, aufzubrechen, die Stimme zu
erheben, selbst wenn scheinbar niemand sie hören will. Es ist
wohl etwas hoch gegriffen, wenn ich von den prophetischen
Stimmen spreche. Aber eines wünsche ich mir: dass die Kirchen
ihre Stimme erheben und Stellung beziehen zugunsten
der Menschen, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der
Schöpfung. Dass sie Menschen mitnehmen auf den Weg der
Umkehr, hin zum Nachdenken darüber, was der Prophet uns
sagen will. Dann singen wir gemeinsam Lieder und stimmen
das Lob Gottes, der Lebendigen, an, denn sie ist es, die uns
die Kraft schenkt, um den Weg weiterzugehen.

Danke, dass wir auf deine Stimme hören dürfen.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud