Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine
Gebote sind gerecht. Psalm 119,172

Welche Lieder wollen wir singen? Die alte Redewendung
«Wes Brot ich ess, des Lied ich sing» erinnert daran, wie
sehr auch unser Gesang von dem geprägt ist, wovon wir uns
abhängig fühlen.
Erst recht in Glaubensdingen: In unsicheren Zeiten finden
viele bittende, sorgenvolle Töne ihren Weg nach oben. Doch
wenn sich das Leben zum Guten wendet, gerät das Danklied
leicht in Vergessenheit.
Der Dichter von Psalm 119 wählt bewusst ein anderes Lied.
Er erkennt, dass Gottes Hand ihn geführt und getragen hat.
Darum will er nicht schweigen, sondern mit froher Zunge
Gottes Gerechtigkeit besingen. Sein Brot ist mehr als das
tägliche Auskommen – es ist Gottes Güte, die ihn nährt.
So stellt sich auch uns die Frage: Welche Lieder sollen unseren
Alltag prägen? Kann unser Leben selbst zu einem Lied
werden – genährt von Dankbarkeit, getragen von Vertrauen,
offen für Spuren von Gottes Güte?
Von Anselm Grün habe ich gelernt, dass Dankbarkeit keine
spontane Stimmung ist, sondern eine Haltung, die wir einüben
können: das Gute im Alltag bewusst wahrnehmen –
auch im Unscheinbaren. Schritt für Schritt wächst ein inneres
Lied, das aus der Tiefe kommt. Vielleicht fängt es heute an – mit einem einzigen Ton des Dankes.

Von: Barbara Heyse-Schaefer