Jesus spricht: Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Johannes 13,34

Ich wage zu behaupten, dass dieses eigentlich sehr schöne
Jesuswort über die Dringlichkeit der Liebe bis vor kurzem wie
ein beliebiger, leicht verkitschter Kalenderspruch spurlos an
mir abgeperlt wäre. Doch seit der Unfriede wieder mit aller
Wucht über unseren Globus herzieht und der Umgangston
auch in unserer eigenen Welt allgemein härter, kompromissloser,
ja hasserfüllter geworden ist, klingt «ich habe euch
geliebt, damit auch ihr einander liebt» nicht nur wie eine
Floskel.
Da wir wissen, wie sehr die Zeit Jesu von Krieg und ideologischen
Kämpfen geprägt war, erkennen wir mit heutigen
Augen ganz besonders die Stosskraft dieses Appells: die
bedingungslose Liebe als Basis für ein friedliches Zusammenleben.
Jesus spricht diese Worte nach dem letzten Abendmahl,
nachdem er seinen Jüngern die Füsse gewaschen hat.
Die gegenseitige Liebe unter den Menschen versteht er als
seine wichtigste geistige Hinterlassenschaft. Dieses letzte
Gebot ist die Essenz der christlichen Ethik, die in unserer
von Feindseligkeit geprägten Gegenwart eine neue Kraft und
Bedeutung erfährt. Wir sind mehr denn je gefordert, Grenzen
und Gegensätze zu überwinden und aufeinander zuzugehen.
Wir haben in jedem Gespräch und in jeder Begegnung
die Wahl, uns bewusst für diesen Weg zu entscheiden.

Von: Esther Hürlimann