Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden, darum lass deiner Worte wenig sein. Prediger 5,1

Die Kunst des Betens ist, das Hören zu erlernen; also weniger zu sagen «Schweige, Gott, dein Diener redet», als zu sagen «Rede, Gott, dein Diener hört». Es ist schwer, fürwahr.
Darum übe ich das Hören am lebenden Menschen und dazu habe ich eine lange Ausbildung gemacht, die im Wesentlichen darin besteht, das Zuhören zu lernen in Begleitung und Seelsorge. Denn das Herz eilt, es ist voller eigener Geschichten und eigenen Ergehens; so voll, dass man fast nicht glauben kann, dass andere auf andere Art hören, denken, fühlen und erleben.
Als es mir selbst einmal richtig schlecht ging, sagte der Psychiater, den ich aufsuchte, zu mir: «In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken.» Noch selten hatte ich mich in meinem Leben so verstanden gefühlt. Hier sprach einer, nachdem er mir zugehört und mich verstanden hatte.
Ich hoffe, dass das Einüben der Stille und des Hörens auf Gott auch meinen Sinn schärft für die Themen, die mir zu Gehör gebracht werden von denen, die ich begleite.
Der Prediger jedenfalls ermutigt mich in dieser Hinsicht und es kommt vor, dass manchmal, beim gemeinsamen Verweilen vor Gott, der Himmel die Erde berührt.

Von: Heiner Schubert