Meine Seele verlangt nach deinem Heil;
ich hoffe auf dein Wort. Psalm 119,81

Als ob die heutige Losung die Antwort wäre auf die gestrige. Gestern hat Gott Grosses versprochen; heute spricht einer, der sich viel von Gott verspricht. Gestern tröstete ich mich damit, dass sich in der Erfahrung meines fehlenden Glaubens wenigstens ein Kleinglaube meldet; heute lerne ich, dass gerade denen, die Grosses glauben, etwas fehlt. Denn wenn die Seele des Sängers nach Heil verlangt, ist sie unruhig, weil sie etwas Letztes vermisst. Er nennt es Wort.
Der 119. Psalm ist der längste im Psalter. Er preist die Weisungen Gottes von A bis Z. Doch warum hofft der Beter, der für seine Freude an der Thora so viele Worte findet, ausgerechnet auf ein (weiteres) Wort? Schliesslich hat er das Gesetz und weiss, wer Gott ist und was er von seinen Menschen will. Offensichtlich hat er noch nicht genug von Gott.
Ihn verlangt danach, dass Gott selbst spricht, dass er ein neues Wort vernimmt und ihm der Himmel ins Herz fällt, dass sich für ihn, der nach diesem neuen Wort verlangt, das «Ich-bin-mit-dir-Versprechen» erfüllt. Wer anderes als Gott könnte dieses Verlangen wecken und wer anderes als Gott könnte es stillen?
Es gibt Menschen, die das nicht verstehen.
Sie können es erst, wenn sie Gott lieben.

Von: Ralph Kunz