Warum sollen die Heiden sagen: Wo ist denn ihr Gott? Unser Gott ist im Himmel; er kann schaffen, was er will. Psalm 114,2–3

Seien wir ehrlich: Aus diesem Satz spricht eine Überlegenheit, die stossend klingt. «Ihr Gott versus unser Gott.» Ist das nicht genau das, was wir nicht wollen? Unsere eigene Religion, Kultur und Zivilisation über andere stellen? Vom Sockel herab sagen: Unser Gott ist besser als eurer? Die Bibel erinnert uns leider immer wieder daran, dass religiöse Überzeugungen auch absolut verstanden werden können und andere ausschliessen oder sogar herabsetzen. Das lässt sich vielleicht so erklären, dass die Weltreligionen in Zeiten entstanden sind, da die Abgrenzung und Überhöhung gegenüber anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend war, was damals durchaus Sinn machte. Das Traurige daran aber ist, dass Religionen bis heute für politische oder ideologische Zwecke missbraucht werden, um Menschen zu unterdrücken und Gebiete zu erobern. Das friedliche Zusammenleben zwischen unterschiedlich lebenden Menschen und Völkern scheint mir so gefährdet wie noch nie, seit ich lebe. Wie sehr wünsche ich mir jenen Geist zurück, der den interreligiösen Dialog als Bereicherung empfand. Denn alle Religionen bieten auch universelle Werte wie Nächstenliebe, Mitgefühl und Gerechtigkeit, die als Basis für friedliches Zusammenleben dienen könnten.

Von: Esther Hürlimann