HERR, lass mir deine Gnade widerfahren,
deine Hilfe nach deinem Wort. Psalm 119,41
Gnade – so ein schönes, tröstliches Wort! Ich fühle mich gleich darin geborgen, es ist wie ein Mantel, der mich wärmt und schützt. Und das ist zugleich die Hilfe, die mich stärkt.
Wenn ich jedoch andere Übersetzungen der Bibel anschaue, so steht hier statt Gnade Freundlichkeit (Bibel in gerechter Sprache) oder Huld (Einheitsübersetzung). Das liegt wohl daran, dass das Wort Gnade in unserer heutigen Welt eine andere Bedeutung hat, als im Urtext gemeint ist: Ausdrücke wie «Gnade vor Recht ergehen lassen» machen das deutlich: Hier ist Gnade ein Zugeständnis, das jemandem gewährt wird, der Unrecht getan hat, also ein Gnadenakt oder eine Begnadigung. Das ist ein ganz anderer Ton als das Gefühl von Geborgenheit, das ich beim Wort Gnade spontan empfinde.
Die Sprache ist ein Wunder – sie kann Gefühle in uns wecken, und man weiss oft nicht recht, wie. So bitte ich Gott mit dem Psalmisten um seine Gnade und bin immer dankbar, wenn am Ende einer Predigt der Zuspruch kommt: Die Gnade Gottes, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen in Jesus Christus – Amen.
Von: Elisabeth Raiser-von Weizsäcker