Jakob sprach: HERR, ich bin zu gering aller
Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knechte getan hast.
1. Mose 32,11

Jakob hat recht! Er hat Gottes Barmherzigkeit und Treue nicht verdient – schliesslich hat er seinem Bruder das Erbe abgeluchst und musste vor dessen Rache fliehen. Aber er hatte Glück! Er ist bei seinem Onkel Laban zu Reichtum gekommen. Jetzt will er nach Hause. Ob ihm sein Bruder nach vierzehn Jahren noch zürnt? Jakob will sich mit Esau versöhnen. Eine mutige und demütige Annäherung mit ungewissem Ausgang. Also betet er: «Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus; denn ich fürchte mich vor ihm.» Vor ihm liegt der Jabbok und eine weitere Nacht, in der Jakob mit Gott (oder einem Flussdämon) ringt und nicht loslässt, bis er einen Segen erhält. Erst dann geht er – hinkend – Esau entgegen. Und es folgt die Versöhnung.
Jakob ist eine schillernde Figur: ein Träumer, Liebender und Kämpfer. Er trägt jedoch den Segen Abrahams und Saras weiter, eine Rolle, die eigentlich dem älteren Esau zugestanden hätte. Warum er? Gott hat ihn erwählt. Als ob es Gott gefallen würde, wenn sein Heilsplan Haken schlägt, als ob er Freude am Schlitzohr hätte. Vielleicht, weil Gott in Jakobs Herz die Bereitschaft sieht, auf sein Erbarmen und seine Treue zu vertrauen?
Quasi sola gratia!

Von: Ralph Kunz