Alle, die im Hohen Rat sassen, blickten auf Stephanus
und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht.
Apostelgeschichte 6,15
Heute ist Stephanstag. Die Verlängerung der Weihnachtstage
ist willkommen. Aber was ist der Hintergrund des Feiertags?
Stephanus wurde in Jerusalem hingerichtet. So wurde er zum
ersten Märtyrer in der jungen christlichen Gemeinschaft, die
immer noch Teil der jüdischen Gesellschaft war. Stephanus
war begeisterter Anhänger von Jesus. Auch sich selbst verstand
er – so jedenfalls lesen wir in der Apostelgeschichte –
als in der prophetischen jüdischen Tradition verankert.
In den Augen von Stephanus steht die Befreiungsgeschichte
Gottes mit den Menschen Institutionen wie dem
Hohen Rat und religiösen Kulten gegenüber, die Menschen
Macht über andere verleihen. Diese Gegensätzlichkeit verläuft
mitten durch religiöse Traditionen. Es geht nicht um
Gräben zwischen scheinbar homogenen Religionen. Jedenfalls
so lange, wie nicht alle Anhänger:innen einer Religion
wegen ihrer Zugehörigkeit kollektiv verfolgt werden.
Die Figur Stephanus wurde oft für eine angeblich wesenhafte
Unvereinbarkeit von Christentum und Judentum missbraucht.
Von antijüdischen christlichen Lesarten der Bibel
erstrecken sich tödliche Linien bis zum Holocaust. Noch
immer gibt es christlichen Antijudaismus. Stephanus verkörpert
– ganz im Geist von Weihnachten – völlig anderes: den
Glauben an die Überwindung der Mächte des Todes. Auch
im Bereich der eigenen Religion.
Von: Matthias Hui