Schlagwort: Matthias Hui

6. April

Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Kolosser 3,16

Spannend, dass «wohnen» in der Bibel öfter mal vorkommt. Wie wollen wir wohnen? Das ist nicht nur für mein eigenes Wohlbefinden, sondern für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ja – angesichts des Verbrauchs von Ressourcen wie Boden oder Energie zum Heizen, Kühlen, Kochen – für das Überleben unseres Planeten entscheidend.
Aber nicht im Zusammenhang mit einem gemütlichen Küchentisch oder dem Bedarf an Sanitäranlagen ist hier vom Wohnen die Rede. Der Kolosserbrief plädiert dafür, dass das Wort Christi in unseren Wohnungen reichlich Platz haben soll. Als Reformierter stelle ich mir beim «Wort Christi» immer auch eine Bibel vor. Aber das Wort Christi ist nichts für die Wohnwand. Es soll Platz finden am Tisch. So, wie in der jüdischen Pessachtradition ein Stuhl frei bleibt für den Propheten Elia, der kommen könnte, um die Ankunft des Messias anzukündigen. Das Wort Christi wohnt mit, wenn wir in der Gemeinschaft voneinander lernen, wenn das Leben gefeiert und wenn gesungen wird. Und es hat einen Ort, wenn alle ein sicheres Dach über dem Kopf haben, und wenn Wohnen sich nicht darin erschöpft, den Schlüssel drehen zu können, um die Welt draussen zu halten.

Von: Matthias Hui

5. April

Ich will gedenken an meinen Bund, den ich mit dir geschlossen habe zur Zeit deiner Jugend, und will mit dir einen ewigen Bund aufrichten. Hesekiel 16,60

«Der Bund». Er liegt jeden Tag auf dem Frühstückstisch unserer Wohngemeinschaft. Eine traditionsreiche Schweizer Tageszeitung, die sich auf die Gründung des Bundesstaates bezieht und in der Bundeshauptstadt erscheint. Bei «Bund» denke ich zuerst an den föderalistischen Zusammenschluss, in dem wir leben, und nicht an den Bund, den Gott nach der Bibel mit den Menschen geschlossen hat. Hat der Zeitungstitel nichts mit der göttlichen Zusage zu tun? Immerhin steht in der Präambel der schweizerischen Bundesverfassung «Im Namen Gottes des Allmächtigen», und das deutsche Grundgesetz spricht am Anfang von der «Verantwortung vor Gott und den Menschen». Das mag in einer säkularen Gesellschaft überlebt sein. Aber in der schweizerischen Präambel steht eben auch, dass «die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen», und im deutschen Grundgesetz ist das Recht auf Widerstand festgeschrieben für den Fall, dass Demokratie, Sozialstaat und Rechtsstaat zerstört werden könnten. Das Versprechen auf ein gutes, gerechtes Leben für alle ist da. Die Verfassung erinnert uns daran. Und die Bibel ermutigt uns, auch in dürftigen Zeiten, in denen Mächtige Leben vernichten, den Glauben daran und die Arbeit dafür nicht aufzugeben.

Von: Matthias Hui

6. Februar

Der HERR spricht: Ihr sollt mir ein Königreich
von Priestern und ein heiliges Volk sein.
2. Mose 19,6

Die markante Friedenskirche in Bern steht hoch über den Häusern auf dem Veielihubel, dem Veilchenhügel. Die Zahl der Mitglieder der reformierten Kirche im Stadtviertel erodiert, die Institution Kirche kann das Gebäude nicht mehr halten, es geht an ein Stadtkloster über. Ihren Namen erhielt die Kirche vor hundert Jahren zum Gedenken an den Friedensschluss nach dem Ersten Weltkrieg. Über dem Portal steht gross das Jesajazitat «Der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein». Der Veielihubel ist fast ein wenig der lokale Berg Sinai.
Am Sinai offenbarte sich Gott Mose in einer dichten Wolke, in Rauch und Feuer. Mose solle die Menschen in Gottes Namen wissen lassen, dass sie ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk seien. Das war aber kein Beginn eines kultischen Hokuspokus, gerade nicht die Begründung einer neuen Religion in Verehrung irgendwelcher Götter. Gott offenbarte sich als befreiender Gott, der die Menschen aus der Not und Unterdrückung herausführt. Gott offenbarte die Zehn Gebote für das Zusammenleben, als «heiliges Volk».
Deshalb ist das, was bleibt vom Sinai – und vom Veielihubel –, weder Zeremonie noch Gebäude und schon gar nicht Religionszugehörigkeit oder Kirchenmitgliedschaft. Es ist die Erinnerung an Gott und sein «An-Gebot» eines freien, guten Lebens in Sorge und Liebe füreinander.

Von: Matthias Hui

5. Februar

Wir glauben doch, dass wir durch die Gnade des
Herrn Jesus gerettet werden.
Apostelgeschichte 15,11

Wir. Welches Wir ist gemeint? In der Apostelgeschichte geht es um die Frage, ob es eine exklusive Gruppe ist, die «gerettet» wird, die Beschnittenen mit Anschluss an das jüdische Volk. Oder gilt die frohe Botschaft der Liebe und der Befreiung, ausgehend vom Gott der Juden, allen Menschen, die sie nötig haben? Gott «hat zwischen uns und ihnen keinen Unterschied gemacht», er gewinnt «aus allen Völkern ein Volk». Diesen Glauben verkündigen die Apostel. Ihr Wir ist inklusiv. Es ist ein neues Wir.
Vom «neuen Wir» spricht heutzutage die Eidgenössische Migrationskommission. In einer von Migration geprägten Gesellschaft könne es keine exklusive Leitkultur geben, der sich alle unterzuordnen hätten. Die Schweiz oder auch Deutschland seien Migrationsgesellschaften, Migration sei Normalität, ihre Vielfalt alltägliche Realität. Das erfordere ein vielstimmiges Wir-Gefühl, das möglichst vielen Menschen Anerkennung und Zugehörigkeit ermögliche.
Schon in der Apostelgeschichte ging der Streit über die Frage, ob es eine einheitliche Leitkultur für alle brauche. Die Apostel lehnten das ab – unter Berufung auf Moses und die Propheten. Deshalb: Wer heute die «christliche Leitkultur» oder die «jüdisch-christliche Leitkultur» gegen die anderen durchsetzen möchte, muss eines wissen: Diese Leitkultur ist gegen Leitkulturen. Sie schafft ein neues Wir.

Von: Matthias Hui

6. Dezember

Die Tage deiner Trauer werden ein Ende haben. Jesaja 60,20

Ein lieber Mensch stirbt. Manchmal macht alles keinen Sinn mehr. Manchmal ist lange kein Trost spürbar. Und doch ist die Verheissung einfach da: «Die Tage deiner Trauer werden ein Ende haben.» Jetzt ist Finsternis, Gewalt, Verheerung, Zusammenbruch, wie es bei Jesaja heisst. Aber Gott wird unser Licht sein, es wird Gerechtigkeit einkehren für alle. Aber wann denn, wann? Bei Jesaja sagt Gott: Es wird «überraschend» kommen, «zu seiner Zeit».
Vor einem halben Jahr ist in Costa Rica der Ökonom und Befreiungstheologe Franz Josef Hinkelammert gestorben. Nicht überraschend, im Alter von 92 Jahren. Die Zurückgebliebenen tröstet ein reiches Leben und Werk.
Hinkelammert hat sich immer wieder mit Jesajas Utopien beschäftigt. Und mit jenen, die sagen, das seien Illusionen, der Mensch sei schlecht und zum Konkurrenzkampf verdammt. Franz Josef Hinkelammert entgegnete den Antiutopisten, die er von der Sowjetunion bis Chile erlebte und erforschte: «Wer nicht den Himmel auf Erden schaffen will, der schafft die Hölle auf Erden.» Was er als wahren Humanismus sah: das, was nicht ist, zu denken. Versuchen, auf dem Weg, der eigentlich unmöglich ist, konkret zu gehen. An einer Gesellschaft, in der alle, die Natur eingeschlossen, Platz haben, zu bauen. Dann haben die Tage, an denen nichts ist als Trauer über die Ausweglosigkeit des Lebens, ein Ende.

von: Matthias Hui

5. Dezember

Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen. Galater 4,4–5

Haben Sie schon ein paar Geschichten parat, um sie an Weihnachten zu erzählen? Wenn nicht, bleiben noch drei Wochen, vielleicht um Kinderbücher aufzustöbern – im eigenen Fundus, in einer Bibliothek oder Buchhandlung –, an denen sich bestimmt nicht nur Kleine erfreuen würden. Es gibt so viele farbige, fantasievolle Weihnachtsgeschichten. Die einen spielen im verschneiten Småland, die anderen im Bethlehem von heute. Mal übernimmt ein heiliger Strohsack die Hauptrolle, mal sind es ein paar kleine Sternsucherinnen, ein andermal ein Fuchs und seine Freunde.
Oder lesen Sie an Heiligabend aus der Bibel vor? Dann aber wohl kaum aus dem Galaterbrief. Paulus fasst hier die Weihnachtsgeschichte verdichtet in einen einzigen Satz. Wenn wir das so bringen, gibt es unter dem Christbaum lange Gesichter. Wie geben wir das weiter, unseren Kindern, unseren Freund:innen? Auf welche Weise können wir von der Zeit erzählen, die erfüllt ist? In welche Geschichte könnte die «Frau» eingebettet sein, wenn sie nicht «Jungfrau» ist? Wie vermitteln wir, dass Jesus selbstverständlich jüdisch war? Und mit was für Erzählungen und Illustrationen werden die Liebe und die Sorge, die Freiheit und die Hoffnung auf Zukunft, die im Bild der «Kindschaft» liegen, konkret?

von: Matthias Hui

6. Oktober

Gehorcht meiner Stimme, so will ich euer Gott sein,
und ihr sollt mein Volk sein.
Jeremia 7,23

Gehorsam passt nicht in den Wortschatz und Tugendkatalog,
den wir zur Bewältigung unserer krisendurchtränkten
Gegenwart brauchen. Wollen wir Kinder, die ihren Eltern
(welche mitgeholfen haben, die Welt an den Abgrund zu
steuern) gehorsam sind? Übrigens stelle ich mir manchmal
auch die umgekehrte Frage: Wollen wir wirklich Eltern sein,
die ihren Kindern kaum widersprechen und ihnen vorauseilend
Stein um Stein aus dem Weg räumen?
Im Grossen stehen uns die schrecklichen Konsequenzen
eines blinden, ausweglosen Gehorsams vor Augen –
längst nicht nur mit Blick auf mordende, vergewaltigende
und selber
tragisch ihr Leben opfernde russische Soldaten.
«Jeden Tag», sagt Dorothee Sölle über Jesus, «habe ich
Angst, dass er umsonst gestorben ist, weil er in unseren
Kirchen
verscharrt ist, weil wir seine Revolution verraten
haben in Gehorsam und Angst vor den Behörden.»
Gottes Stimme zu gehorchen, verstehe ich nicht als eine
der Formen von Gehorsam gegenüber Autoritäten. Sondern
als das pure Gegenteil. Als Ermutigung zum Ungehorsam,
wenn Friede, Gerechtigkeit und die Schöpfung bedroht sind.
Als Bekräftigung des Regenbogen-Bündnisses für das Leben,
wenn die Würde von Menschen, von Kindern und Eltern,
von Tieren und aller Kreatur auf dem Spiel steht.

Von: Matthias Hui

5. Oktober

Alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten,
die durch Jesus geschahen.
Lukas 13,17

Einen Satz lang ist im Lukasevangelium alles in Butter.
Schlichtweg alles Volk freute sich angeblich über alles
Grossartige, was Jesus tat. Wir brauchen sie, diese Momente
der gemeinsamen Identifikation mit dem Guten, diese Stunden
der kollektiven Freude. Mein Schwiegervater erzählte
vom Tag, als der Krieg zu Ende war und Menschen in der
Altstadt zusammen tanzten; eine Kellnerin riss ihn, den Jüngling,
einfach mit. Oder: Mich beeindruckte die solidarische
Verbundenheit, die ausgelassene Freude, die mir dieses Jahr
am feministischen Streik von Zehntausenden schönen, entschiedenen
Menschen entgegenkam.
Aber die Beschreibung solcher Eintracht vermag Lukas im
Bibeltext nur diesen Satz lang durchzuhalten. Sie ist Wunschvorstellung,
Utopie, flüchtige Erfahrung, vielleicht nur rasch
zusammengekleisterte Gemeinsamkeit. Im Satz davor ist
von «allen Gegnern» von Jesus die Rede, die nicht tolerieren
wollten, dass er am Sabbat Menschen aufrichtete. Und
am Ende des Kapitels ist von Jerusalem als Ort des Leidens
die Rede. Bald wird sich dieses «alles Volk» resigniert, duckmäuserisch
und kleingläubig verzogen haben.
Dazwischen steht immerhin der Satz, der das Reich Gottes
mit einem kleinen Senfkorn vergleicht – aber halt nicht mit
einem grossen, revolutionären Volksfest.

Von: Matthias Hui

6. August

Voll Mitleid und Erbarmen ist der Herr. Jakobus 5,11

Gott hat viele Namen. Ganz bestimmt zählt «Buchhalterin»
nicht dazu. Gott berechnet nicht, wer wie viel Mitleid zugute
hat. Er zieht nicht Bilanz, wem wie viel Erbarmen zusteht.
Vor Gott sind wir alle gleich. Für alle ist genug da. Aber wir
führen uns dennoch oft als Buchhalter auf. Wir lassen den
einen mehr Mitgefühl zukommen als anderen – weil sie uns
sympathischer sind, vertrauter. Oder weil wir in Rechnung
stellen, dass sie uns schon mal geholfen haben oder wir noch
auf sie angewiesen sein könnten. Die Journalistin Christine
Wiedemann spricht von der «Ökonomie der Empathie». Es
gebe Richtungen, in die Empathie frei fliessen könne, und
andere, wo der Fluss blockiert sei.
Christine Wiedemann will, dass das, was gesellschaftliche
Gruppen in der Geschichte erlitten haben oder in der Gegenwart
erleiden, nicht in Konkurrenz zueinander gestellt wird.
Opferzahlen gehören nicht auf Waagschalen. Zum Beispiel
die Shoah, die Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen
und Juden, und die Nakba, die Vertreibung der Palästinenserinnen
und Palästinenser aus ihrem Land. Gott ist voll
Mitleid und Erbarmen: Er will, was Christine Wiedemann
so beschreibt: «eine Welt, in der es keine Hierarchie von
Leiderfahrungen
mehr gibt und keinen Schmerz, der nicht
zählt».

Von: Matthias Hui

5. August

HERR, höre meine Worte, merke auf mein Seufzen!
Vernimm mein Schreien; denn ich will zu dir beten.

Psalm 5,2.3

Wie oft beten Sie? Das schweizerische Bundesamt für Statistik
wollte es vor einiger Zeit ganz genau wissen. 44,8 Prozent
gaben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten nicht
gebetet haben. Fast gleich viele Befragte, nämlich 43,4 Prozent,
gaben an, dass sie mindestens einmal im Monat beten,
24,1 Prozent davon täglich. Was bedeutet Ihnen das Gebet?
Wird Ihr Seufzen vernehmbar oder gar Ihr Schreien? Kann
vielleicht zumindest Gott es hören?
Vor zwanzig Jahren ist Dorothee Sölle gestorben. Sie fehlt.
Denn es gibt nicht viele Menschen wie sie, die uns weiterhin
zum Beten ermutigen. Die uns die Schönheit und
die Menschlichkeit, das Dialogische und das Politische des
Betens zeigen. Dorothee Sölle sagte: «Beten bedeutet, nicht
zu verzweifeln. Beten ist Widerspruch gegen den Tod. Es
bedeutet, Wünsche zu haben für uns und unsere Kinder.»
Für die Statistik wäre Dorothee Sölle ein klarer Fall gewesen:
Täglich (…) gott um die gabe der tränen bitten
täglich salz und scham
täglich frei werden
täglich gott
Dorthin möchte ich gerne. Und Sie?

Von: Matthias Hui