Hass erregt Hader; aber Liebe deckt alle
Übertretungen zu. Sprüche 10,12
Wie in unserem Vers sind viele Spruchweisheiten in diesem biblischen Buch kurz und knapp gehalten. Sie bündeln Lebenserfahrung, wollen Orientierung für ein gutes, gelingendes Leben geben. Oft formulieren sie dabei einen Gegensatz und spannen so den weiten Bogen der Möglichkeiten auf, wie Leben gestaltet werden kann, zum Beispiel zwischen Hass und Liebe.
«Hass erregt Hader.» Die toxische Realität dieses Satzes wird uns täglich in Nachrichten, in sozialen Medien, manchmal auch in konkreten Begegnungen vor Augen geführt. Bei Hermann Cohen, Professor für Philosophie in Marburg, der sich auch intensiv mit dem Talmud beschäftigt hat, lese ich: «Ich bestreite den Hass im Menschenherzen. … Der Hass ist grundlos. Das ist das tiefste Wort, das über diese Verirrung des Gemütes gesprochen werden kann. Es gibt keinen Grund zu Hass. Jeder scheinbare Grund ist ein Irrtum und eine Verirrung. Der Mensch ist zum Lieben da. Und wenn er hasst, so wird sein Dasein vergeblich.» Cohen schrieb dies 1916, mitten im Ersten Weltkrieg.
Hass verletzt die Würde des Nächsten und meine eigene. «Der Mensch ist zum Lieben da.» Alle Kraft, alle Kreativität und Geistesgaben müssen dahin fliessen, um Schaden zu verhüten, um achtsamer zu werden für die kleinen Verletzungen, um den Schmerz der anderen zu begreifen. Liebe (ein-)üben als produktive, verändernde Macht!
Von: Annegret Brauch