Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das ist mein Gebot,
dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.
Johannes 15,12
Mein Blick wandert über den Bahnhof zum See. Ich blicke
zu den Menschen und mit ihnen in die Weite. Alle, die ich
sehe, sind verschieden, haben ihre je eigene Biografie und
gehen ihren Lebensweg. Die Vielfalt der Menschen gehört zu
unserer Gesellschaft, macht sie reich. Ich atme durch und bin
dankbar für das Leben, meines und dasjenige der Menschen,
die ich sehe. Und doch ist da jene Herausforderung der
Bewertung. Wie rasch bin ich dabei, Menschen zu bewerten.
Ihre Haltung, ihr Gesicht, ihre Ausdrucksweise – ach, so vieles
steht da im Weg. Und es tut mir ja gar nicht gut, was ich
tue. Denn unweigerlich setze ich mich unter Druck. Ich will
selber eben nicht bewertet werden. Jesus hat die Menschen
so genommen, wie sie sind. Er ist ihnen mit einem offenen
Herzen begegnet, hat sich mit ihnen ausgetauscht, ihr Leiden
wahrgenommen. Und er hat gespürt, dass die Menschen
etwas suchen. Zum Beispiel Heilung, Halt, Hoffnung auf ein
gutes Leben. Da sind wieder die Vielfalt und die Weite. Wegschauen
von mir, hin zu den anderen. Ein hoher Anspruch,
aber auch eine Befreiung. Die Weite und die Vielfalt helfen,
mich nicht so ernst zu nehmen, mich ein Stück weit zurückzunehmen.
Dann ist das Leben selbst vielfältig und reich.
Dazu gib uns Kraft und Mut.
Von: Madeleine Strub-Jaccoud