Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis. Sprüche 1,7
Mit der Furcht vor Gott ist nicht Angst gemeint. Vielmehr
geht es um Ehrfurcht und Aufmerksamkeit für Gott. Gott
verlangt nicht die Unterordnung unter seine Macht. Der
Glaube lädt ein zur Demut und steht für die Erkenntnis,
dass der Mensch nicht alles selbst im Griff hat. Jeder Mensch
ist angewiesen auf Fügung und Zuversicht und auf andere
Menschen und ihre Hilfe und Zuwendung.
Wer aufmerksam ist für Gott, lernt die Ehrfurcht vor dem
Leben. Denn Gott zieht den Menschen in jenen Raum hinein,
in dem die Hoffnung lebt. Im Licht dieser Gottesfurcht
sind die Menschen aufgerufen zu einem sorgsamen und
ehrfürchtigen Umgang mit der Schöpfung, einem Zusammenleben,
das sich am Wohl der Schwachen messen lässt,
und einem Miteinander, das auf Versöhnung ausgerichtet ist.
Diese Vision des Zusammenlebens, von dem die Bibel
erzählt, ist nicht naiv. Schrecklich naiv ist stattdessen die
Vorstellung, dass sich die riesigen Herausforderungen, vor
denen die Menschheit steht, mit Aggression und Habgier,
Mauern und Stacheldrähten, Kriegen und Raubbau an der
Natur und ohne jede Ehrfurcht vor Gott, der das Leben ist,
bewältigen liessen. Diese Einsicht und damit «die Furcht vor
Gott» steht tatsächlich am Anfang jeder Erkenntnis.
Von: Felix Reich