Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben,
was dein Herz wünscht. Psalm 37,4

Der Psalm enthält Ermahnungen an die Armen, die Besitzlosen, sie sollen Lust haben an Gott, der Lebendigen. Irgendwie sträubt sich etwas in mir: Weshalb sollen sie ermahnt werden? Ermahnungen enthalten für mich doch immer auch Zurechtweisungen. Und das haben die Armen nicht verdient. Der Psalm wurde in einer anderen Zeit und einem anderen Kontext geschrieben. Und so versuche ich, zu verstehen: Gott will den Armen Gutes tun. Sie sollen Gerechtigkeit erfahren, auch heute. An uns ist es, uns dafür einzusetzen. Der Zweifränkler für die Obdachlose, die Spende an ein Hilfswerk, ist es das, was ich tun kann? Ja, aber ich kann noch mehr. Ich kann Gott um Gerechtigkeit für Leidende bitten. Ich kann mich einsetzen dafür, dass bei der Entwicklungshilfe nicht immer mehr gespart wird, indem ich davon rede mit anderen und laut werde. Ich kann mit anderen Menschen den Glauben an das Leben teilen und so meine Hoffnung auf Gerechtigkeit erneuern. Ich weiss, das alles ist nicht viel. Aber es kommt auf die Haltung der Menschen an, die nahe bei Gott sind, auf ihre Beharrlichkeit, ihr kritisches Denken, ihr Engagement.
Die Armen müssen nicht ermahnt werden, sie sollen Platz haben in unserem Herzen, in unseren Gebeten und unserem Handeln. Das ist meine Lust an Gott, der Lebendigen, dem Gott des Lebens.

Von: Madeleine Strub-Jaccoud