Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. 3. Mose 19,33

In unserem Haushalt gibt es einen Fremdling, und der bin ich mir selbst. Ich lebe nun schon eine ganze Weile auf dieser Welt und ich lebe mit Gott und mit der Frau meines Lebens und ich teile mein Leben mit Männern und Frauen in einer Lebensgemeinschaft. Ich hatte also viel Zeit und viele Gelegenheiten, mich selbst kennenzulernen. Aber meine Kenntnisse über mich selbst bleiben, trotz der vierzig Jahre Seelsorge, trotz aller Rückmeldungen und aller Erfahrungen, bruchstückhaft.
Ich bin mir heute ein besserer Freund als noch vor dreissig Jahren. Viele dunkle Täler sind durchschritten. Ich kann heute die anderen besser verstehen. Sie auch einfach sein lassen und mich an ihnen freuen. Sie nicht zu bedrücken, das ahne ich, hat damit zu tun, dass ich mit mir selbst versöhnt leben kann. Ich musste mich früher mehr abgrenzen, hatte klarere Meinungen über andere; ein Urteil war rasch gefällt. Die Federn, die ich liess, machen mein Leben einfacher.
Die Aufforderung, die wir im 3. Buch Mose lesen, verhallt ungehört, wenn sie nicht auf Menschen trifft, die mit dem, was sie sind und haben, im Reinen sind. Wer mit sich kämpft, kämpft leicht gegen andere. Er sucht Sündenböcke für das eigene Elend. Nur wenn ich mich selbst nicht bedrücke, bedrücke ich auch keine anderen. Das erfahren zu haben, macht mich sehr dankbar, wenn ich auf den Weg zurückblicke, den Gott mich führte. Die Aufforderung macht mich ratlos, wenn ich sehe, wie viel Streit überall herrscht.

Von: Heiner Schubert