Du, HERR, bist gerecht, wir aber müssen uns
alle heute schämen. Daniel 9,7
Wie kann ein Volk der eigenen Religion treu bleiben, wenn es unter der Vorherrschaft eines anderen Landes und seiner Kultur lebt? Mit dieser Frage, die für das Judentum bis heute aktuell ist, beschäftigt sich das Danielbuch. In einer Reihe von Erzählungen blickt es zurück auf die Zeit des Exils. Daniel ist ein Vorbild als weiser Mann, der bis in hohe Ämter am babylonischen Königshof aufsteigt, aber am israelitischen Glauben festhält. Im Lauf der Jahrhunderte wurde Israel von wechselnden Grossmächten dominiert: Babylon, Medien, Persien und schliesslich Griechenland. In den Visionen des Danielbuchs ist diese Abfolge umgesetzt. Auf die attraktive griechische Kultur reagierte man im Judentum sehr gegensätzlich. Die einen waren für eine Öffnung und arbeiteten mit dem Griechenkönig zusammen, der im Tempel von Jerusalem ein griechisches Götterbild aufstellen liess. Andere stellten sich als religiöse Nationalisten gegen alles Griechische und machten einen gewaltsamen Aufstand. Das Danielbuch tritt für einen vorsichtigeren Mittelweg ein: Treue zur eigenen Tradition, aber ohne Gewalt. Es vertraut darauf, dass Gott der wahre König ist, gerecht und barmherzig. Die Zeit wird kommen, dass Gott eine Wendung zum Guten herbeiführt. Das Gebet im Kapitel 9 ist ein Ausdruck dieses Vertrauens.
Von: Andreas Egli